Hirtshals liegt am Ende Dänemarks, acht Autostunden nördlich von Berlin. Ein Ort mit 6.000 Einwohnern und sieben Tankstellen, in dem man Brot, Butter und Käse kaufen kann, Speicherkarten für die Digitalkamera aber vergeblich sucht. Es gibt wohl kaum jemanden, der ohne guten Grund auf die Idee kommen würde, nach Hirtshals zu fahren.

Tatsächlich fahren viele Menschen nach Hirtshals. Jeden Tag. Denn Hirtshals ist das Tor zur nordeuropäischen Hemisphäre – zumindest, wenn man mit der Fähre reisen, sein eigenes Auto oder Motorrad mitnehmen möchte. In drei Tagen nach Island zum Beispiel. Stellt sich die Frage: Wer sollte das ernsthaft tun, wenn er doch viel schneller hinfliegen kann. Und vor allem: Warum?

Vorweg: Fliegen ist – abgesehen davon, dass es eine unfassbare Umweltsauerei ist – großartig.

Vorweg: Fliegen ist – abgesehen davon, dass es eine unfassbare Umweltsauerei ist – großartig. Es ist unfassbar billig geworden und vor allem: unfassbar schnell. Nicht viel anders als Busfahren: Einsteigen, Karte zeigen, Platz nehmen, sich einen Kaffee leisten, ein bisschen oder auch ein bisschen länger warten und Hunderte oder Tausende Kilometer weiter in einem anderen Land aussteigen. Hallo Welt!

Nach Island fliegt man von Berlin aus in drei Stunden und fünfzig Minuten. Von Südosten aus setzt die Maschine zum Landeanflug auf Reikjavik an – gleitet über Islands größten Gletscher, den Vatnajökull, vorbei am Golden Circle und über den Eyjafjallajökull, den Vulkan, der 2010 durch einen Ausbruch berühmt wurde, der den Flugverkehr über Nord- und Mitteleuropa über mehrere Tage großteils lahmlegte. Schönste Aussichten bei schönem Wetter auf unberührte Wildnis.

Richtig: All das sieht man nicht, wenn man mit der Fähre nach Island einfährt – dafür aber andere Schönheiten. Durch den schlanken Fjord Seydisfjördur hindurch schiebt sich die Fähre auf den gleichnamigen Ort zu, der einzige Überseehafen und das ehemalige Handelszentrum der Insel.

Der erste Blick auf Seydisfjördur. Hier legt die Fähre nach 65 Stunden Fahrt auf Island an.
Der erste Blick auf Seydisfjördur. Hier legt die Fähre nach 65 Stunden Fahrt auf Island an. Foto: Maria Menzel

Da ist es gerade 7.30 Uhr und die Sonne krabbelt über die Bergkämme zum Himmel hinauf. Und man steht auf dem Deck, die Nase im kühlen Augustwind, den Rücken an der Abluftanlage wärmend, und bestaunt die näherkommende Natur – eine Stunde lang, Auge in Auge. Und es kann gar nicht langsam genug gehen, weil man sich noch in diesem meditativen Tempo der vergangenen 65 Stunden wiegt, in denen das eigentliche Geheimnis dieser Anreise steckt.

Die beginnt drei Tage zuvor in Hirtshals – dem Ort mit den vielen Tankstellen – mit der Fahrt in den Innenraum einer riesigen Fähre, in dem neben Pkws und Lkws die abenteuerlichsten Wohnmobil- und Allrad-Gefährte in Millimeterarbeit nebeneinandermanövriert werden. Und nachdem man eine erste Runde übers Schiff gedreht, die Preise im Bordrestaurant für dezent überteuert befunden und bei Wein und Schokolade dem Dock vom Deck aus beim Verschwinden zugesehen hat, ist man erst einmal überfordert – überfordert mit der Ruhe, die auf einmal herrscht. Und nun?

Nachdem man eine erste Runde übers Schiff gedreht hat, ist man erst einmal überfordert. Überfordert mit der Ruhe, die auf einmal herrscht. Und nun?

Man sucht sich ein Plätzchen im Bordcafé, schlägt das Buch auf, das man aus dem vergangenen Urlaub ungelesen mit zurückgebracht hat, liest ein paar Seiten. Schaut auf das von der Schiffsschraube aufgewühlte Wasser. Bestellt heiße Schokolade mit Schuss. Liest noch ein paar Seiten. Bestellt eine zweite heiße Schokolade, weil die andere eben ausgetrunken ist.

Schaut sich die Sauna schon mal an, die zwei Stockwerke unter dem Autodeck auf Deck eins liegt. Dreht auf dem Rückweg eine ebenso ziel- wie erfolglose Runde durch den Bordshop. Kehrt zurück zu Buch und Schokolade mit Schuss Nummer drei. Beschließt, die Sauna nun auch mal auszuprobieren. Bestellt, zurück im Café, ein kühles Bier an der Bar – ist noch hell draußen, aber ist ja schließlich Urlaub. 

Bei 65 Stunden hat man Zeit, in Ruhe ein Buch zu lesen – und dabei heiße Schokolade mit Schuss zu trinken.
Bei 65 Stunden hat man Zeit, in Ruhe ein Buch zu lesen – und dabei heiße Schokolade mit Schuss zu trinken. Foto: Menzel

Und irgendwann schaut man auf die Uhr und merkt, dass erst drei, vielleicht vier der 65 Stunden vergangen sind. Also geht man viel zu früh ins Bett, das im besten Fall eine Kabine mit Aussicht, im realistischen Fall eine fensterlose Sechs-Mann-Couchette mit Western-Saloon-Schwingtür auf Deck zwei ist. Das hat den Vorteil, dass man nicht sieht, dass es draußen noch nicht ganz dunkel ist. Und so lässt man sich vom Rauschen der Motoren in einen pragmatischen, tageszeitlosen Schlaf säuseln.

Einen Schlaf, der so lange dauert, wie er eben dauert – bis man dann doch mal einen Blick auf die Uhr wirft, um festzustellen, dass es schon nach 10 Uhr ist. Oder eben bis man so ausgeschlafen ist, dass man die Nase regelrecht voll hat vom Ausruhen und Liegen.

Ein ganzer Tag Urlaub – ohne Fahrplan, ohne Sightseeing-Programm, ohne „wenn wir schon mal hier sind“. Inneres Lächeln.

Und wenn man sich dann irgendwann zwischen 6 und 11 Uhr an den Autodecks vorbei die steilen Treppen gen Tageslicht hochgekämpft hat, liegt plötzlich ein ganzer Tag vor einem, ein ganzer Tag auf der Fähre. Ein ganzer Tag Urlaub – ohne Fahrplan, ohne Sightseeing-Programm, ohne „wenn wir schon mal hier sind“. Inneres Lächeln.

Es ist der Moment, in dem die Langeweile des Vorabends einer inneren Ruhe weicht, die einem als kostenoptimiert jetsettender Erlebnis-Backpacker beinahe gruselig erscheint. Und nachdem man einen Moment zu lang dumpf-glückselig lächelnd auf dem oberen Treppenabsatz gestanden hat, schreitet man über Deck fünf in einen sonnigen oder auch stürmischen Tag auf See – in jedem Fall einen Tag ohne Vorsätze und Pläne. Alles kann, nichts muss. Der Strandurlaub des Abenteuerreisenden.

Alles kann, nichts muss. Der Strandurlaub des Abenteuerreisenden.

Nicht, dass so eine kreuzfahrende Fähre nichts zu bieten hätte! Neben dem Saunabereich und einem Schwimmbecken gibt es eine Open-Air-Bar auf Deck acht und ein Bordkino mit kinderfreundlichem Programm. Hin und wieder gerät man in eine kreuzfahrende Rentnergruppe, die im Bordcafé unter Anleitung eines Moderators mit Jeans und schwarzem Jackett ihre Bingo-Runden abhält.

Und es kommt ein bisschen Island-Feeling auf, wenn man es sich mit einem Bier in der Hand auf Deck acht in einem der drei Hotpots, für die die Insel aus Feuer und Eis so berühmt ist, bequem macht, während das Meer vorbeizieht und der Nordatlantikwind an der Pudelmütze zerrt.

Einen Zwischenstopp macht die Fähre auf dem Weg nach Island: auf den Färöer-Inseln – ein kleines, zur dänischen Krone gehörendes Inselarchipel mit 48.000 Einwohnern, von dessen Flughafen täglich eine Handvoll Flüge nach Norwegen und Schweden und einer pro Woche nach Mallorca abheben.

Färöer kennen die meisten, weil es wegen seiner bis heute betriebenen Walfangtradition international in der Kritik steht. Da gewesen sind die wenigsten. Grund genug, von Bord zu gehen, um die grünen Inseln zu entdecken und erst die nächste Fähre drei Tage später weiter nach Island zu nehmen. Wann kommt man schon mal auf die Färöer-Inseln?

DIe atemberaubende Landschaft Islands wird hier unter Beweis gestellt.
Eisschollen treiben im Wasser und Berge zeichnen sich im Hintergrund ab, die Landschaft Islands ist einfach einzigartig. Foto: Maria Menzel

Von dort sind es nur noch gut 14 Stunden bis nach Island. Eine Nachtfahrt, die man großteils verschläft, bevor man dank Wecker gerade rechtzeitig an Deck geht, als sich die Fähre in den Seydisfjördur-Fjord hineinschiebt. Gerade kriecht die Sonne über die Bergkämme, die sich rechts und links in Braun- und Schwarz- und Schneetönen aufrollen. Und man ahnt, dass es nur die Vorboten des Hochlandes sind.

Hier und da steht ein Häuschen am Ufer, kein Mensch weit und breit. Stille. Bewunderung. Island! Endlich! Und es fühlt sich ein bisschen an wie Heiligabend, wenn man als Kind, nachdem man sich stunden-, ja tagelang gedulden musste, endlich in die Weihnachtsstube durfte und die Kerzen und Christbaumkugeln irgendwie ein bisschen heller schienen, ein bisschen schöner glänzten.

Seydisfjördur besitzt den einzigen Handelshafen auf Island und war früher wichtigstes Handelszentrum der Insel
Schließlich angekommen kann man sich die kleine Stadt und den dazugehörigen Handelshafen ansehen. Foto: Maria Menzel

Auf einmal kann es gar nicht langsam genug gehen mit der Einfahrt nach Seydisfjördur – weil man sich noch im meditativen Tempo der vergangenen 65 Stunden wiegt; weil man nach der langen, auf die Folter spannenden Anreise diesen Moment des Ankommens besonders auskostet – etwas, das man nicht spürt, wenn man mit dem Flugzeug nach Island reist. Und wenn man dann an Land geht oder fährt, um seine Reise über die Insel aus Feuer und Eis anzutreten, ist man nicht nur in Island, sondern auch im Urlaub längst angekommen.