Erlebe das traditionelle Portugal an der Algarve

Natur, Ruhe und Entschleunigung statt Hotelburgen und Partystränden: Die Ostalgarve ist ein passender Ort, um abzuschalten – und um ein ganz traditionelles Portugal kennenzulernen.

Leuchtrum und Strand von Ilha do Farol auf Culatra an der Algarve in Portugal
Leuchtrum und Strand der Insel Culatra an der Algarve in Portugal.

Foto: imago/robertharding

Rund um den Markt von Olhão duftet es nach Blumen, Gewürzen und frischem Knoblauch, Besucher kosten Oliven, Mandeln und Farturas, das portugiesische Spritzgebäck mit Zimt-Zucker. In einer der historischen Markthallen aus rotem Ziegel, die am Meeresufer der Fischerstadt liegen, gibt es eine gigantische Auswahl an Frischfisch und Meeresfrüchten, in der anderen Fleisch, Gemüse, Obst und lokale Delikatessen.

Und samstags bereichern die großen und kleinen Händler aus der Umgebung das ohnehin riesige Angebot. Dann verwandelt sich die gesamte Promenade in eine kunterbunte Marktlandschaft – und dann ist es gar nicht so einfach, einen Sitzplatz in einem der vielen Straßencafés zu ergattern. Ist das gelungen, genießen Besucher bei einem Bica, dem portugiesischen Espresso, das köstliche Treiben, saugen Gerüche und Geräusche auf. Olhão summt und brummt.

Menschenleere Strände auf der Insel Culatra

Die Stille wohnt nur etwa 30 Minuten Bootsfahrt entfernt. Culatra ist eine der Mini-Inseln im Naturpark Ria Formosa, der rund 160 Quadratkilometer großen Lagunenlandschaft an der Ostalgarve zwischen Faro und Tavira. Auf Culatra gibt es keine Straßen, keine Autos, keine Hektik. Stattdessen viele bunte Fischerhäuschen, menschenleere Traumstrände, wenige Bars, ganz viel Sonne und Wind.

Boote im Hafen auf der Insel der Insel Culatra.
Die meisten Bewohner der Insel Culatra bestreiten ihren Lebensunterhalt als Fischer oder Muschelfarmer. Boote sind dafür unerlässlich. Foto: Julia Braun

Als einzige der Laguneninseln wird Culatra ganzjährig bewohnt. Und die knapp 1.000 Insulaner, die fast alle als Muschelfarmer und Fischer arbeiten, haben sehr eigene Vorstellungen davon, wie sich dieses Leben zu vollziehen hat. Hotels gibt es nicht, man scheint froh zu sein, wenn am Abend die letzte Fähre mit den Tagestouristen ablegt. Und als die Verwaltungsbeamten in Faro auf die Idee kamen, eine Polizeistation auf der Insel zu errichten, scheiterten sie am Widerstand der Gallier der Algarve. „Wir regeln das hier selbst“, ließen sie die Ordnungshüter vom Festland wissen.

Zeit spielt auf diesem rebellisch-idyllischen Flecken kaum eine Rolle, und sollte es doch einmal Neuigkeiten geben, erfährst du sie in der Hafenbar „Janoca“, wo exzellente Langusten und Venusmuscheln serviert werden. Dazu trinkst du, wie jeder hier, ein bis zwei eiskalte „Sagres“: Nirgendwo in Portugal ist der Pro-Kopf-Verbrauch der Biermarke Nummer eins so hoch wie auf Culatra.

Portugals Exportschlager: Kork

Und wozu auch hektisch werden? Leben und Arbeiten an der Ria Formosa werden ohnehin von den Gezeiten bestimmt. Muscheln sammeln, fischen, Boot fahren – alles fließt im entschleunigten Rhythmus von Ebbe und Flut. Und das färbt ab: schon verblüffend, wie schnell sich Zeitdruck, Alltagsstress und andere Zivilisationsunsitten an der Ostalgarve in Luft auflösen.

Geduld wird belohnt – das gilt auch bei der Fertigung des portugiesischen Exportschlagers schlechthin. Kein anderes Land weltweit produziert und vertreibt so viel Kork wie Portugal. Im Hinterland der Algarve verläuft die Korkroute, hier liegt der Ort São Brás de Alportel. Gilmar de Brito führt den Familienbetrieb „Nova Cortiça“ („Neuer Kork“) mit Leidenschaft. „Ein Korken braucht seine Zeit“, sagt der 41-jährige Ingenieur, was sich nach der eineinhalbstündigen überaus informativen Führung durch seine Korkfabrik als charmantes Understatement erweist.

Gilmar de Brito führt den Familienbetrieb „Nova Cortiça“
Gilmar de Brito führt den Familienbetrieb „Nova Cortiça“, der Kork herstellt. Foto: Julia Braun

Nur alle neun Jahre kann eine Korkeiche geschält werden, und erst die dritte Schälung hat die nötige keimfreie und atmungsaktive Qualität für Weinkorken. Doch zunächst wird die Rinde in einem aufwändigen Verfahren gekocht, getrocknet, gepresst, geschnitten, poliert und gescannt. 50 Cent bis einen Euro ist ein Korken für einen guten Wein am Ende wert. Zu wenig, will man meinen, wenn man die akribische Vorgehensweise bei der Herstellung erlebt hat (und sich schwört, die nächste Flasche Wein mit angemessener Wertschätzung zu entkorken).

Für das Material, das es nicht auf einen Flaschenhals schafft, ist ein erstaunlicher Markt entstanden: Im Fabrikshop können Besucher Taschen, Hüte oder Regenschirme aus Kork kaufen. Der Verkauf läuft gut, denn Korkprodukte sind robust, wasserabweisend und langlebig. Trotzdem hat die Traditionsbranche ein Problem. „Mit Kork zu arbeiten, ist ein Knochenjob“, sagt de Brito, „die meisten jungen Menschen scheuen die harte Arbeit.“

Einem anderen traditionellen Handwerk widmet sich Maria João Gomes. Die 49-Jährige gibt an der Ostalgarve Kurse im Palmenblätter-Flechten. Auch diese Kunst, die die Mauren im Jahr 1.400 nach Portugal brachten, führt zu erstaunlichen Ergebnissen. Unter den geschickten Händen von Gomes entstehen Untersetzer, Tabletts, Laptoptaschen, sogar ein Kinderbett hat sie aus getrockneten Palmenblättern geflochten. „Die Produkte halten ein Leben lang“, sagt die Frau, die eine interessante Zielgruppe für sich entdeckt hat: „Frauen, deren Ehemänner den ganzen Tag auf dem Golfplatz stehen, freuen sich über eine Ablenkung.“

Beliebtes Souvenir: Salz von der Algarve

Nicht nur, um wunderbar würzige Mitbringsel zu erstehen, lohnt sich der Besuch einer Saline an der Algarve. Salzgewinnung hat eine 2.000-jährige Tradition in Portugal, und die Bedingungen in den Salzgärten an der Ria Formosa sind optimal: frisches Atlantikwasser, gute Luft, trockene Sommermonate. In aller Ruhe durchläuft das Meerwasser die verschiedenen rechteckigen Becken mit Tonböden, verdunstet, das Salz kristallisiert, setzt sich ab und wird von Hand geerntet.

In Salinen an der Ostalgarve wie der Saline Sal Marim im Castro Marim wird Salz geschöpft .
In Salinen an der Ostalgarve wie der Saline Sal Marim im Castro Marim wird Salz geschöpft – ein Traditionshandwerk an der Algarve. Foto: Julia Braun

Hochsaison ist im Hochsommer, wenn die Tage in Südportugal heiß und die Nächte warm sind. Dann bildet sich über Nacht eine feine Salzkruste auf den Wasserbecken, die morgens abgeschöpft werden kann. In der Saline Sal Marim im Castro Marim werden auf diese Weise pro Saison 45 Tonnen grobes Salz hergestellt, sechs Tonnen davon in feinstes Flor de Sal verwandelt, das zum Beispiel auch Schokolade veredelt – ein Genuss.

Viel Tradition, traumhafte Strände, quirlige Märkte, famose Inseln und nirgends die geringste Hektik: Die Ostalgarve ist ein Traumziel, um abzuschalten und dennoch viel zu erleben. Und ein Ort, der wieder einmal dieses Grübeln auslöst, ob man eigentlich an der richtigen Stelle auf der Erde lebt. Besonders, wenn man an dem kleinen Hafen von Culatra sitzt, ein kaltes Bier in der Hand hat, und überlegt, wie viele Muscheln man sammeln muss, um hier zu bleiben. Und ein bisschen Hilfe anzubieten, damit den aufmüpfigen Insulanern ja niemand diesen Sagres-Rekord abspenstig macht.

Tipps zur Anreise und zur Reisezeit

Anreise: TAP Portugal, die größte Fluggesellschaft des Landes, fliegt ab Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf und Frankfurt und ab dem 10. Juni auch von Köln/Bonn und Stuttgart nach Lissabon. Von dort fährst du in rund zweieinhalb Stunden mit dem Auto an die Algarve oder fliegst mit TAP weiter nach Faro – das dauert etwa eine halbe Stunde.

Beste Reisezeit: Selbst im Winter sind die Tage in Südportugal mild, es kann bis zu 20 Grad warm werden. Grundsätzlich kannst du die Algarve also das ganze Jahr bereisen (Kenner schwärmen von den noch ruhigeren Wintermonaten). Die beliebteste Reisezeit ist von April bis Oktober. Für einen Badeurlaub empfiehlt sich die Zeit von Juli bis September, da der Atlantik bis Juni noch kühl ist.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Die Autorin
Julia Braun, Redakteurin bei der Neuen Presse, kümmert sich in ihrem Ressort "Leben" um Lifestyle, Trends und vor allem um Gastronomie- und das tut sie auch am liebsten auf ihren R ... mehr
#Trending
Zur
Startseite