Es kommt ein kleines bisschen Genickstarre auf beim Spaziergang durch Binz. Ein Türmchen hier, ein Giebel dort – wer durch die Straßen im Zentrum der 5.000-Einwohner-Gemeinde auf der Ostsee-Insel Rügen schlendert, dessen Blick bleibt unweigerlich an der Architektur der Gebäudezeilen hängen. Und das Interessanteste spielt sich dabei meist ganz weit oben ab, unterm Dach.

Helle Prachtvillen säumen die Straßen von Binz, sie tragen verheißungsvolle Namen wie „Villa Wende“, „Villa Glückspilz“ oder „Villa Undine“. Sie zeugen von der großen Zeit der Seebäder, und sie sind aus heutiger Sicht vor allem eines: ein architektonischer Traum in Weiß.

Prachtvillen im alten Ortskern von Binz auf Rügen
Wer die Binzer Bäderarchitektur bestaunen will, sollte nach oben schauen – zum Beispiel an den Prachtvillen im alten Ortskern. Foto: Kurverwaltung Binz

Bäderstil erobert die Küste der Ostsee

Bäderstil wird diese vor allem an der Ostseeküste etablierte Bauweise genannt. Entstanden sein soll sie im 19. Jahrhundert im ersten deutschen Seebad Heiligendamm. Von dort aus zog der Bäderstil die Küste entlang bis nach Rügen.

Und im alten Kern von Binz ist perfekt zu erspähen, was ihn ausmacht: Einem eigentlich sehr schlichten weißen Gebäude werden meist auf gesamter Höhe Balkone und Loggien vorgesetzt, dazu kommen zur Verzierung Erker, Giebel und Türme. Fertig ist der Bäderstil.

Klaus Boy befasst sich seit Jahren intensiv mit dieser Bauweise. Der 68-jährige Gästeführer kennt die Geschichten hinter den Gebäuden, er gehört zu den alteingessenen Bürgern des Ortes. „Früher war das Baden im Meer absolut unüblich“, sagt Boy und erklärt damit die späte, aber dann doch rasante Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert: Erst 1876 wurde das erste Hotel in Binz gebaut, das erste Strandhotel folgte sogar erst sieben Jahre später.

Kurverwaltung Ostseebad Binz
Willkommen im Seebad Binz. Foto: Kurverwaltung Binz

In den folgenden Jahren aber kam es zu einem wahren Bauboom. Das Ostseebad wurde zu einem wichtigen Urlaubsziel. Prachtvillen entstanden, der Bäderstil machte sich breit. Und er verleiht dem Ort trotz mancher Neubauten nach wie vor ein in vieler Hinsicht mondänes Kleid, ohne dabei altbacken zu wirken. 

Das zeigt sich unter anderem im Erdgeschoss des Hotels Vierjahreszeiten. Ralf Haug hat hier sein Gourmetrestaurant „Freustil“ eröffnet, mit viel Holz und hellen Farben ganz im Strandstil, wie man ihn auch etwa in Cornwall oder auf Sylt vorfindet, und er hat die Küche gleich mit angepasst an diesen frischen, nordischen Stil – mit Erfolg. Beim Guide Michelin erkochte sich Haug bereits vor Jahren einen Stern, und er verteidigt ihn bis heute.

Gut 400 Meter in Richtung Strand hat sich die „Meerbar“ etabliert, eine urbane Cocktailbar mit exzellenter Getränkekarte, die man eher in New York vermuten würde als an der Ostsee. Ein Spagat zwischen historischer Bausubstanz und dem modernen Leben, der im Ortsteil Prora, etwa vier Kilometer nördlich, ins Gigantische mündet.

Prora: Pläne für die Bausünde aus der NS-Zeit

Clemens Klotz machte hier 1936 seinem Namen alle Ehre, als er für die Nationalsozialisten die Ferienanlage Prora entwarf und damit so etwas wie die flächenmäßig größte deutsche Bausünde. Der prägnante Riegel aus Stahlbeton zieht sich über 2,5 Kilometer entlang der Küste und bereitet so manchem Lokalpolitiker seit der Wende Kopfzerbrechen.

Nach Klotz’ Plänen sollten ursprünglich sogar acht Blöcke mit einer Länge von je 500 Metern erbaut werden. Die „Kraft durch Freude“-Bewegung der Nationalsozialisten wollte mit diesem Wahnprojekt insgesamt 20.000 Urlaubsappartements schaffen. Nach der Wende versuchte der Bund, das Betonungetüm zu veräußern – tat sich jedoch schwer damit. Erst nach der Eröffnung einer Jugendherberge in einem nördlichen Block kam 2011 Bewegung in das Projekt. 

Heute ist Prora in Teilen kaum wiederzuerkennen, auch wenn weite Teile der Anlage noch immer auf eine Sanierung warten. Verglaste Balkone prangen an einem Block im Süden. Ein Investor hat hier kürzlich den Fünf-Sterne-Hotel-Komplex Solitaire eröffnet. Südlich davon entstehen moderne Eigentumswohnungen. Und auch für den Rest des kilometerlangen Riegels gibt es inzwischen Pläne. Prora wird zu einem neuen Stadtteil. In Binz hofft man, damit das schwere Erbe endlich dauerhaft sinnvoll nutzen zu können.

Drei Thermalquellen speisen Seehotel

Wolfgang Möser verfolgt das Geschehen nicht ohne Interesse. Der Gründer und Geschäftsführer des Seehotels Binz-Therme ist eng verwurzelt mit dem Ort. Der gebürtige Binzer hat sein Leben hier verbracht und mit dem Fall der Mauer die Chance genutzt, von den neuen unternehmerischen Möglichkeiten zu profitieren.

In früheren Gewerkschaftsheimen eröffnete Möser erste Übernachtungsbetriebe, bis er sich schließlich mit dem Seehotel den Traum des eigenen neuen Hauses erfüllte. „Von einem alten Binzer wusste ich, dass dieses Grundstück über einer Quelle liegt“, erinnert er sich. „Mit der Wünschelrute sind wir dann auf Suche gegangen.“ Das Ergebnis: drei Thermalquellen, aus denen inzwischen das Wasser für die hoteleigene Badelandschaft sprudelt. 

Wasser war schon früh ein wichtiger Erfolgsbaustein für Binz, wie Hobbyhistoriker Boy weiß. Ursprünglich seien die Menschen im Juli und August in den Ort geströmt, um in der dann mit 18,5 Grad erträglich warmen Ostsee ein Bad zu nehmen. Doch schnell merkten die ersten Hoteliers, dass man mit einem beheizten Becken außerhalb der Ostsee auch in den übrigen Monaten des Jahres Kundschaft anziehen kann. Längst haben sich solche Becken etabliert. So ein heißes Bad hilft schließlich auch heute noch – zum Beispiel bei Nackenproblemen. Wenn man beim Bestaunen der Architektur zu viele Giebel und Türmchen angeschaut hat.