Wer aktuell versucht, jemanden im Berliner Büro von Locomore zu erreichen, hört nur ein Besetzt-Zeichen. Die Anruferquote dürfte hoch sein, denn der Hipster-Zug mit dem humanistischen Selbstverständnis hat am Donnerstagabend Insolvenz angemeldet.

Auch beim Insolvenzverwalter Rolf Rattunde ist die Anrufer-Warteliste lang. „Wann er sie zurückruft, kann ich Ihnen nicht sagen“, teilt das Sekretariat mit. Das Interesse sei groß.

Denn das Aus kommt überraschend. Noch Mitte April zeigte sich Gründer Derek Ladewig optimistisch, dass das Unternehmen in diesem Jahr unter seine Bilanz eine schwarze Null zeichnen könne. Für 2018 waren zu der aktuellen Verbindung zwischen Berlin und Stuttgart eine weitere zwischen Köln und Berlin geplant.

Auf der Internetseite des Öko-Zugs steht jetzt als Erklärung für die Insolvenz, dass die Gründer eine Verbindlichkeit nicht mehr einhalten konnten. Ein Investor sei abgesprungen. Und: Es gab zu wenig Fahrgäste.

War die Umsetzung vielleicht doch zu sehr auf Kante genäht? Für das Projekt wurden knapp eine Millionen Euro via Crowdfunding gesammelt. Haben sich die Initiatoren verkalkuliert? Waren sie zu idealistisch?

Ein Anzeichen dafür könnte die Verzinsung der Investitionsbeträge sein: Wer das Projekt mit 10.000 Euro und mehr unterstützte, dem wurde eine Verzinsung in Höhe von 4,15 Prozent in Aussicht gestellt. Noch bis vor Kurzem wurden auf diese Weise 200.000 Euro eingesammelt.

Dem gegenüber stehen Kosten in Höhe von 25.000 bis 30.000 Euro für eine Hin- und Rückfahrt auf der Strecke. Bis vor Kurzem ist der Zug viermal pro Woche zwischen Stuttgart und Berlin gependelt. Wenn die Prognose von 700 Fahrgästen pro Tag sich bewahrheitet hätte, dann hätte das Start-up bei einem Durchschnittspreis von etwa 20 Euro im Basic-Tarif Langstrecke 14.000 Euro pro Hin- und Rückfahrt eingenommen.

Die Initiatoren wollten es besser machen als die Deutsche Bahn. Versprachen freies WLAN, Bio-Limo und Öko-Kaffee. Außerdem gab es Motto-Abteile, wo gestrickt oder Gesellschaftsspiele gespielt wurde. Damit sollte der Retro-Chic der ausrangierten IC-Waggons auf Hipster-Ebene gehoben werden. Wo die Bahn versucht, ihre Kunden mit mehr Komfort zufrieden zu stellen, setzten die Locomore-Gründer auf den Charme von anno dazumal. Im Klartext: enge, stickige Abteile deren Sitze mit einem neuen Bezug aufgehübscht wurden. Dazu Probleme mit den Toiletten und WLAN-Verbindungen.

Dem gegenüber stand die Deutsche Bahn, die allen ICE-Reisenden seit Ende 2016 plötzlich kostenloses WLAN anbot. Entscheidender wird aber der Preiskampf gewesen sein: Die Bahn pumpte immer wieder das Kontingent an Billig-Tickets auf. Zuletzt eine Super-Sonder-Sparaktion: Wer online buchte, bekommt zum Beispiel ein Ticket für die Strecke von Berlin nach Hannover für 18 Euro – ohne Bahncard. Für diejenige mit Bahncard gibt es sogar Tickets ab 14,25 Euro. Vorausgesetzt der Reisende ist recht flexibel in seinen Abfahrtszeiten. Beim Locomore kostete die Strecke ab 16 Euro im Basis-Tarif.

Derzeit sind keine Locomore-Tickets buchbar. Am Freitag fuhr der Zug noch nach Berlin. Zurück geht's nicht mehr. Der Betrieb ist bis einschließlich 15. Mai 2017 eingestellt