Sävsjö. Mitten auf einem See in Småland. Die roten Schwedenhäuser, die Wiesen und Wälder liegen in weiter Ferne. Nur einzelne Felsen und kleine Inseln ragen aus dem Wasser auf. In sicherem Abstand gleiten wir in unserem Motorboot daran vorbei – den Blick wie gebannt auf vier Angelruten gerichtet, die in speziellen Halterungen stecken und künstliche Köder an langen Schnüren durchs Wasser ziehen. 

Eine gute Stunde lang warten wir vergeblich auf einen Biss. Dann aber biegt sich die Rutenspitze, um schon im nächsten Moment wieder hochzuschnellen. Ein Fisch. Mikael, mein geduldiger Angelguide, reißt die Rute aus ihrer Verankerung und drückt sie mir in die Hand. Jetzt heißt es kurbeln. Feste kurbeln. Es ist spürbar, dass am anderen Ende der Schnur ein Fisch um seine Freiheit, wenn nicht um sein Leben kämpft. „Großer Fisch“, sagt Mikael. Die Angelrute droht zu brechen, so stark ist der Druck, der von meinem unsichtbaren Widerpart ausgeht. Doch auf einmal lässt der Widerstand nach, die Schnur erschlafft. „Abgerissen.“ Der 29-jährige Angellehrer mit dem blonden Vollbart, der alle möglichen Fischgewässer zwischen Mexiko und Alaska kennt, aber hebt tröstend die Arme. „Kein Problem. Du kriegst eine neue Chance.“

Die schwedische Provinz Småland ist für viele vor allem verbunden mit den Geschichten Astrid Lindgrens: mit den Kindern von Bullerbü, mit Michel aus Lönneberga. Und tatsächlich sieht es in dieser sanft geschwungenen Landschaft mit ihren Birken- und Fichtenwäldern, den verstreuten Gehöften und kleinen Siedlungen auch wirklich so aus, wie es die Kinderbuchautorin beschrieben hat. Aber Småland hat manches mehr zu bieten: alte Glasbläserkunst, mittelalterliche Kirchen, drei Nationalparks, Elche, die auch in Elchparks zu besichtigen sind – und eben jede Menge Fische. Mit 20.000 Seen und Flüssen ist die Provinz im Südosten Schwedens ein wahres Eldorado für Angler. Und da das Angeln sich zu einem Trendsport entwickelt hat, wirbt die Reisebranche im großen Stil für einen naturnahen Angelurlaub.

Zum Beispiel Novasol, der größte Ferienhausvermieter Nordeuropas. In ganz Skandinavien werden mittlerweile sogenannte Angelhäuser mit eigenem Steg und Boot an fischreichen Gewässern angeboten. Besonderer Beliebtheit erfreut sich Småland. Ein Angelschein wird anders als in Deutschland nicht verlangt, nur Angelkarten müssen für die einzelnen Seen gelöst werden. Man bekommt sie am Kiosk oder an Tankstellen. 

Wir haben uns in einem Haus in der Gemeinde Sävsjö einquartiert und können mit einem Boot über den nahegelegenen Vallsjön-See rudern und die Angel auswerfen. 

Doch wir kehren noch einmal zurück auf den Rusken-See – zur Angelpartie mit Mikael. Achtung, ein Biss! Wieder wird die Rutenspitze in heftige Schwingungen versetzt. Gelingt es jetzt, den Fisch ins Boot zu befördern? Ich stemme mir die Angel in die Hüfte, senke die Rute, kurble und kurble. „Nicht locker lassen“, ruft Mikael. Und wieder biegt sich die Angel, als müsste sie gleich bersten. Aber sie hält – und schließlich wird ein zappelnder Fisch sichtbar, den Mikael mit dem Kescher ins Boot hievt. Ein Zander, erkennbar an den beiden scharfzackigen Rückenflossen – und einen halben Meter lang. Lang genug, um verspeist zu werden. Denn die Mindestlänge liegt laut Angelkarte bei 45 Zentimetern.
Es gibt auch Obergrenzen für Zander, Hecht und Barsch. Fische, die zu klein oder zu groß sind, müssen zurückgeworfen werden. Dabei ist es wichtig, die Fische beim Herausziehen des Hakens nicht lebensbedrohlich zu verletzen – eine Fertigkeit, die vermutlich nicht jeder Freizeitangler beherrscht.

Ein Mann steht auf einem Boot und hält seine Angel in das Wasser.
Auch wenn kein Fisch anbeißt, die Ruhe auf dem See hat etwas magisches. Foto: Heinrich

Auch wir werden erneut auf die Probe gestellt. Nach dem Zander hängt ein noch schwererer Bursche an der Angel. Nein, dieser Fisch hängt nicht nur an der Angel, er zieht, zerrt und reißt daran. Es hat etwas von einem Kräftemessen. Die Schnur ist bis zum Äußersten gespannt, die Rute wird hin- und hergeworfen. „Hecht“, analysiert Mikael. „Ein großer .“ 
Nicht ohne Grund schwärmen Angelmagazine vom Kampf mit dem Hecht. Dass der Fisch diesen Kampf vermutlich vor allem mit Qualen verbindet, steht auf einem anderen Blatt. Dieser Hecht gibt sich auf jeden Fall nicht so leicht geschlagen. Auch als er schon über dem Wasser schwebt, schlägt er noch mit der Schwanzflosse um sich, wehrt und windet sich auch im Kescher. Doch mit sicherem Griff packt ihn Mikael unter dem Bauch und an den Kiemen, um mit dem „Prachtkerl“ für ein Foto zu posieren. Und das Maßband bestätigt seine Vermutungen: „Ein Meter-Hecht.“

Die Größe rettet diesem Fisch das Leben. Da die Maximallänge mit Rücksicht auf die Reproduktion in diesem See bei 85 Zentimetern liegt, entlässt Mikael meinen Hecht wieder in die Freiheit. Am Ende beschränkt sich unsere Fischmahlzeit so auf einen einzigen Zander. Doch die gebratenen Filets stillen nicht nur den Appetit von zwei Personen, sie sind auch äußerst schmackhaft. 

Leider kommt auch in den nächsten Tagen kein weiterer Fisch dazu. Wenn ich allein mit dem Boot auf unserem Haus-See unterwegs bin, bleibt der Angelerfolg aus. Doch die Ruderpartien in der Abenddämmerung haben auch so ihren Reiz. Wenn hinter den Hügeln Smålands die Sonne untergeht und ihre letzten Strahlen über das Wasser wirft, liegt ein Zauber über dem See, der für den ausbleibenden Fang entschädigt. Und der See eignet sich nicht nur zum Rudern, sondern auch zum Schwimmen. Man darf sich wie Michel aus Lönneberga fühlen, wenn man an warmen Sommertagen in das gar nicht so kühle Nass eintaucht.

Auch auf dem Lande lässt sich in der Småland-Gemeinde Sävsjö manches entdecken. Ganz in der Nähe unseres Ferienhauses mahlen Therese und Claes Rostedt in Forsa in fünfter Generation feinstes Vollkornmehl, und drei Kilometer weiter, mitten im Wald, leben Monica und Thomas Matson schon seit 37 Jahren ohne elektrischen Strom und Wasserversorgung. Das Holzhaus des Künstlerehepaares sieht aus, als wäre es eins mit dem Wald. Im Garten wachsen Kräuter, Blumen, Erdbeeren und Kartoffeln in gottgegebener Harmonie, dazwischen stehen Holz- und Keramikskulpturen. „Ich vermisse kein Fernsehen“, sagt Monica Matson, eine 60-jährige Malerin mit geflochtenem Zopf. „Ich will einen freien Kopf beim Malen.“ Ehemann Thomas, Keramikkünstler, denkt ebenso. 
Zurück im Ferienhaus wissen wir indessen auch den Komfort des Industriezeitalters zu schätzen. Das Schöne dabei ist, dass uns gleichwohl die Stille der schwedischen Natur umgibt – und Pilze oder Himbeeren aus dem Wald quasi auf den Küchentisch wachsen. Auch ein weiterer Fisch wäre natürlich nicht schlecht gewesen. Aber vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.

Hin & weg
Anreise
Entspannt ist die Anreise mit der Fähre von Travemünde oder Rostock nach Trelleborg. TT-Line bietet täglich mehrere Überfahrten zu unterschiedlichen Preisen an. Gestärkt mit einem Frühstücks- oder Abendbüfett ist die gut dreistündige Weiterreise mit dem Auto bis Småland noch angenehmer.

Unterkunft
Ein großes Angebot an Angel-Ferienhäusern in Småland und anderswo in Skandinavien bietet Novasol – vom rustikalen Holzhaus am See bis hin zur luxuriösen Villa am Strand, immer mit anglerfreundlicher Ausstattung wie beispielsweise Filetiertisch und ausreichend Gefriermöglichkeiten. Oftmals geben Hausbesitzer oder Nachbarn interessierten Angel-Laien erste Tipps und Hilfestellung. Näheres unter Telefon: 040/23 88 59 77.

Service
Einen Rund-um-Service für Angler bieten Otto und Gaby Seitz („Adventure of Småland“) in Längo-Tomteholm am Rusken-See. Dazu gehören Angeltouren mit dem Angelguide Mikael, Angelausrüstung, Motorboot – und bei Bedarf auch ein Ferienhaus. Näheres unter Telefon: 0046/38 23 20 26. 

Ausflugstipps
Für Familien mit Kindern empfiehlt sich ein Ausflug nach Vimmerby (im Norden von Småland) in „Astrid Lindgrens Welt“, einen Freizeitpark, der die Figuren der schwedischen Kinderbuchautorin lebendig werden lässt. Schweden-Fans dürften auch im IKEA-Museum in Älmhult (im Süden von Småland), der Heimat des IKEA-Gründers Ingvar Kamprad, auf ihre Kosten kommen. Eine Stippvisite lässt sich gut mit der An- oder Abreise vereinbaren.

Literatur
Als heitere Lektüre zum Angelurlaub empfiehlt sich „Die Stille vor dem Biss. Angeln, eine rätselhafte Passion“ von Max Scharnigg, Atlantik 2015, 256 Seiten, 22 Euro.