Wie aus dem Bilderbuch: Urlaub auf dem Bauernhof

Für Stadtkinder ist die Sache mit der Landwirtschaft gar nicht so leicht zu verstehen. Bauernhofurlaub liegt deshalb im Trend. Im österreichischen Lesachtal gibt es noch Höfe wie aus dem Bilderbuch. Und die Eltern? Kommen ganz nebenbei zur Ruhe.

Kinder laufen in den Hühnerstall
Bei der Arbeit im Stall dürfen und sollen Kinder richtig mit anpacken

Foto: Vamos Reisen/Mesner

„Mama, können wir bitte immer wieder hierherkommen?“ Der Fünfjährige stellt die Frage, noch als wir das Auto vor der Dorfkirche parken. Am frühen Morgen sind wir mit dem Zug nach München aufgebrochen und dann mit einem Auto stundenlang über Bergstraßen gefahren, das manchmal Probleme hatte, die Steigung zu bewältigen. Können wir hier noch richtig sein? Das haben wir uns nach jeder Serpentinenkurve gefragt – und Gurke gegen die Reiseübelkeit gegessen.

Doch irgendwann lag es dann vor uns, wunderschön sanft und grün: das Lesachtal. Es gilt als eines der naturbelassensten Täler Österreichs, eine Wanderregion, in den Lienzer Dolomiten, nur wenige Kilometer, bevor aus Kärnten Tirol wird.

Wir fahren parallel zur italienischen Staatsgrenze, zu der wir von hieraus laufen könnten, um auf der Hütte Pizza zu essen. Dass der Tourismus dieses Tal nur sanft beflügelt und es nicht, wie anderswo, den Feriengästen untertan gemacht hat, ist auch geografisch begründet: Das Hochtal ist abgelegen. Skilifte lassen sich in dieser Region an einer Hand abzählen.

Mit der Familie Urlaub auf dem Bauernhof

Auch wir wollen nicht einfach so hier Urlaub machen. Wir haben so etwas wie eine Mission. Wir sind Städter, zwei Mütter und drei Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren. Wir wollen, dass die Kinder beim Blick aus dem Fenster „Oh guck, Kühe!“ sagen und wir nicht erklären müssen, dass viele Tiere heute nicht mehr auf der Weide stehen, sondern im Stall. Vielleicht ist das eine viel zu romantische Vorstellung, aber in unserem Urlaub soll es wenigstens einmal so sein wie in den Büchern mit den Erklärklappen, die wir so oft vorlesen.

Der Familienbauernhof Mesner in Liesing
Idyllisch: Auf dem Familienbauernhof Mesner in Liesing erleben sie authentisches Landleben. Foto: Vamos Reisen/Mesner

Wir sind nicht allein mit diesem Bedürfnis. Ein wachsender Zweig der Reisebranche hat sich dieser Sehnsucht angenommen. Portale wie Bauernhof-Ferien, Landreise und andere vermitteln jährlich bundesweit tausende Bauernhofurlaube. Auch Reiseveranstalter haben die Ferien auf dem Land längst im Programm.

Landwirtschaft als Event

Spielscheunen, Hofrundfahrten, Ponyreiten und Hüpfburgen gehören dann ebenso zum Konzept wie Wellnesshäuser mit Sauna und Dampfbad, Massagen und Grillabende. Manchmal, diese Erfahrungen kannst du machen, wird die Landwirtschaft zu einem inszenierten Event. Anderswo, wie etwa hier in Liesing auf dem Familienbauernhof Mesner, bleibt sie authentisch – und Feriengäste erfahren, dass es mehr als einen Waschgang braucht, bis sich Stallgeruch aus der Jeans verflüchtigt. 

Der nette Bauer Erwin Soukup bittet die Kinder jeden Abend um 18 Uhr zum Stalldienst mit Mistgabel und Schubkarre. Eltern können in dieser Zeit wandern, Bücher lesen oder einfach nur entspannen. Das ist verlockend. An den Bäumen auf der Streuobstwiese hinter dem Haus, kurz vor dem Kaninchenstall, da hängen Hängematten.

Familie wandert im Lesachtal
Bei Wanderungen – zum Beispiel zu einer Alm – sammeln Reisende viele neue Erfahrungen. Foto: Franz Gerdl

Unser 37-jähriger Gastgeber zählt zu den Landwirten, die ihr Vieh nur noch für den Hausgebrauch nutzen – und um die Feriengäste zu verpflegen. Große Maschinen gibt es wenige, das meiste ist – wie aus dem Bilderbuch – noch handgemacht.

In unserem Kühlschrank sieht es daher fast so aus, als hätten wir eine Zeitreise gemacht: Da liegen ein Stück Butter aus der traditionellen Holzform, Speck in Scheiben, selbstgemachter Käse, Milch und Marmelade in Gläsern und Flaschen. Kein Plastik, keine bunten Werbeaufschriften, einfach nur Lebensmittel. Wir sind verzückt, die Kinder bemerken es kaum.

Stall ausmisten gehört dazu

Im Stall ist es dann anders. Noch sind unsere Jungen schüchtern, aber nur gucken, das funktioniert hier nicht. Erwin drückt den Kindern Besen und Schaufel in die Hand. Die Jungs sind für das Ausmisten der Ziegenbox verantwortlich. Das ist harte Arbeit. Erwin erklärt geduldig, stellt aber klar, dass der Stalldienst kein Spiel ist, sondern eine Pflicht. „Die Kinder brauchen eine echte Aufgabe“, sagt er. „Dann macht es ihnen auch Spaß.“

Wir hätten am liebsten trotzdem Stopp gerufen, als der Fünfjährige mit der Schubkarre den schmalen Balken über der Jauchegrube entlang balanciert. Doch dann geht alles gut. Und Erwin lacht. Dann schickt er die Kinder zum Eiersammeln in den Hühnerstall. Nun folgt das letzte Ritual nach Melken, Füttern und Misten: die Hühner in den Stall zum Schlafen schicken. Die Kinder waten tapfer durch den Matsch und klatschen laut in die Hände, bis auch das letzte Huhn in den Stall gefunden hat. An diesem Abend fallen wir müde, aber glücklich ins Bett. 

Auch die Erwachsenen lernen von Erwin. Wie Butter gemacht wird zum Beispiel, und dass das Lesachtal vor vielen Jahrhunderten noch fast komplett bewaldet war. Wir erfahren, dass es schwierig sein kann, einen guten Kuhhirten zu finden, weil es im Lesachtal ist wie in vielen anderen Bergregionen eben auch: Die jungen Menschen gehen weg. 

Entschleunigung: Der eigene Rhythmus des Bauernhofs

Auch Erwin ist irgendwann einmal gegangen. Doch dann hat es ihn hierher zurückgezogen. „Das Leben hier macht etwas mit dir“, sagt er. Das hat er auch schon bei unserer Ankunft gesagt. Langsam verstehen wir, was er meint. Getrieben vom Tempo der Stadt, von der Hektik unseres Alltags, sind wir hier angekommen. Mittlerweile ist der Takt, in dem unsere Tage vergehen, langsamer geworden.

Hier im Lesachtal, wo die Dörfer noch so klein wie vor Jahrhunderten sind und die Hänge zu steil für Supermärkte, Neubaugebiete und Einkaufszentren, folgt das Leben einem eigenen Rhythmus. Dass das wiederum nicht für das WLAN in unserem Apartment zutrifft, interessiert uns eigentlich kaum noch.

An einem Tag lädt uns Erwin auf eine Wanderung zur Alm ein. Gemeinsam mit den Kindern sind wir unendlich langsam. Die Eltern mahnen zur Eile, Erwin zur Geduld. Und so trinken die Kinder aus jedem Bächlein, das sich den Berg hinab windet – nicht aus Durst, sondern, weil sie so begeistert darüber sind, dass das hier möglich ist. Sie pflücken Blumen, sammeln Stöcke und beobachten Ameisen.

Als wir endlich auf einer kleinen Alm sitzen und weit nach Mittag Würstchen über dem Feuer brutzeln, haben wir die Zeit längst vergessen. Wir genießen den Augenblick. „Mama, können wir mal wieder hierherkommen?“, fragt der Fünfjährige. Ich nicke und denke: Es ist ein bisschen, wie Erwin sagt. Das Tal hat etwas mit uns gemacht. 

Dann fällt uns ein, dass bald Abend ist. Der Stalldienst ruft.

 

Lesachtal: Tipps zur Reise

Anreise: Wer die richtige Route kennt, kommt schneller als wir ans Ziel: Mit dem Zug oder Flugzeug nach Klagenfurt, von dort aus weiter mit dem Mietwagen (etwa 1,5 Stunden ab Klagenfurt). Ein Transfer zum Familienbauernhof Mesner ist ebenfalls buchbar.

Beste Reisezeit: Das Lesachtal lässt sich ganzjährig bereisen. 

Attraktionen: Der Familienbauernhof Mesner bietet im Sommer geführte Bergwanderungen, Kinderbetreuung und vieles mehr. Im Winter gibt es Schneeschuhwandern und Skilifte. Weitere Ausflugsorte sind mit dem Auto leicht zu erreichen. 

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Die Autorin
Dany Schrader, Redakteurin beim RedaktionsNetzwerk Deutschland, war früher viel mit dem Flugzeug unterwegs. Mittlerweile bleibt sie öfter am Boden, weil sich unterwegs so viel erle ... mehr
#Trending
Zur
Startseite