Never mind! Tour durch Kurt Cobains Heimatstadt

Kurt Cobain war der Sänger von Nirvana und ein Idol seiner Zeit. Weltweit verehren ihn 21 Jahre nach seinem Tod noch immer Fans. Der reisereporter begibt sich auf die Spuren Cobains in dessen Heimatstadt Aberdeen im US-Bundesstaat Washington.

Am Wishkah-River steht ein Gedenkstein für Kurt Cobain, dazu eine Skulptur in Form einer Gitarre.
Das Kurt Cobain Memorial am Wishkah-River in Aberdeen.

Foto: Hahnfeldt

Es ist ein paar Jahre her, damals lebte Dann Sears in North Carolina und sein Sohn zeigte ihm ein Foto mit den Worten: „Weißt du, wer das ist?“ Dann hatte keine Ahnung, der Sohn musste erklären: „Das ist Kurt Cobain. Er ist in derselben Stadt wie du aufgewachsen.“ Dann zuckte mit den Schultern. Damit war das Thema für ihn erledigt. 

Nun könnte man es Ironie des Schicksals nennen oder Zufall, zumindest kehrte Dann Sears Jahre nach dem Zwischenfall in seine Heimatstadt Aberdeen zurück; heute ist er dort der Direktor des örtlichen Museums und weiß inzwischen so ziemlich alles über den berühmtesten Sohn der Stadt, den Motor von Nirvana, den God of Grunge.

Und überhaupt. Hatte der kleine Ort im äußersten Nordwesten Washingtons südlich von Seattle bisher handfeste Probleme, Cobains Bedeutung für die Musikwelt anzuerkennen, ändert sich allmählich das Klima, und Sears ist daran nicht unschuldig.

Cobain-Tour durch Aberdeen

Unter seiner Regie entstand die Broschüre zu einer Cobain-Tour durch Aberdeen, er pflegt Kontakt zu Fans in aller Welt und es gibt zwar eine übersichtliche, zugleich aber ständige Cobain-Ausstellung im Museum. Dass Sears mit Cobains Vater Don auf dieselbe Schule gegangen ist, mag für eine Stadt von knapp 17.000 Einwohnern nicht ganz ungewöhnlich sein. Und doch ist es eine hübsche Fußnote in der Geschichte. Dann sagt: „Sicher, Kurt Cobain mag einige schlechte Entscheidungen in seinem Leben getroffen haben, aber ich bewundere ihn sehr.“

Dann Sears leitet das Museum in Abderdeen.
Dann Sears leitet das Museum in Aberdeen. Foto: Hahnfeldt

Cobain war einer der größten Stars seiner Zeit, der Nirvana-Song „Smells Like Ten Spirit“ wurde zum Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation, allein das Album „Nevermind“ verkaufte sich bis heute mehr als 40 Millionen Mal. Auf der anderen Seite aber stand ein zutiefst unglücklicher Mann, der Heroin spritzte und des Lebens müde war. Am 5. April 1994 schoss er sich mit gerade 27 Jahren mit einer Schrottflinte in den Kopf, und es gibt nicht wenige, die glauben, dass seine Kindheit, seine Jugend einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat. 

Kurt Cobain wuchs in Aberdeen auf

Cobain ist wie Dann Sears in Aberdeen geboren und aufgewachsen. Und während seine Eltern ihn in den ersten Jahren verwöhnten, änderte sich das Verhältnis mit dem Tag der Scheidung: Die Familienidylle zerbrach, Cobain wurde zum Nomaden zwischen Großeltern und Onkeln, er war hyperaktiv, war übersensibel, er brach die Schule ab, er rauchte Marihuana, schluckte LSD, er hasste seine Eltern.

Und wenn seine Stiefmutter Jenny Cobain später sagte: „Es war, als ob er sich wertlos fühlte, weil er überall zurückgewiesen wurde; man weiß nie, wie jemand reagiert, wenn ihn die ganze Familie ablehnt“, ist das wohl so etwas wie ein verspätetes Schuldeingeständnis. 

Dann Sears kennt die Geschichten. Er hat dazu seine eigene Auffassung, er sitzt in seinem Büro im „Museum of History“, vor sich einen Kaffee, er ist ein schmaler Mann mit freundlichen Augen und leiser Stimme. Als er im Jahr 2000 nach 36 Jahren in seine Heimat zurückkehrte, war er schockiert.

Während seiner Jugend war Aberdeen ein aufstrebender, ein reicher Ort gewesen. „First Class City“ sagt er dazu, es gab zwei Kinos, Restaurants und viele Geschäfte. Holz war damals das große Geschäft, die Stadt am Ostende der Grays Harbour Bucht florierte, dann jedoch brachen die Gewinne ein, die Menschen wurden arbeitslos und suchten das Weite. Als Dann zurückkehrte, wurde er Zeuge der Folgen. Aberdeen lag buchstäblich in Trümmern, die Stadt war in Depression verfallen, den Menschen erging es nicht viel besser.

Aberdeen: Raus aus der Krise

Fragt man Dann nach dem Aberdeen von heute, klingt er optimistisch. Die Arbeitslosenquote sei verglichen mit anderen Gegenden in den USA zwar noch immer relativ hoch, die Situation habe sich aber merklich verbessert. Der alte Geist sei in den Ort zurückkehrt, sagt Dann. 

Und doch, bisher verirren sich nur wenige Touristen nach Aberdeen. Die meisten reisen ins zwei Stunden entlegene Seattle, und vor gar nicht all zu langer Zeit gab es dort im großartigen von Frank Gehry entworfenen „Experience Music Project“ eine umfassende Ausstellung  zum Thema „Nirvana – taking Punk to The Masses“ mit Hunderten von Devotionalien. Und wäre Dann Sears nicht so ein stiller, in sich ruhender Mann, er hätte es als Affront sehen können. 

Seit Jahren bemüht er sich, Cobains Erbe in sein kleines Museum zu bringen; es gab Gespräche mit Cobains inzwischen verstorbenem Großvater. Er versuchte, an Courtney Love, Cobains Ehefrau, ranzukommen, vergeblich. Don Cobain, der Vater, lebt heute in oder nahe Bellingham nördlich von Seattle. Wendy O’Connor, Kurts Mutter, ist nach Kalifornien verzogen, allein zu Schwester Kim gab es Kontakte – aber der letzte ist auch schon eine Weile her. „Alles, was Cobain betrifft, ist mit hohen rechtlichen Auflagen verbunden“, sagt Dann, es klingt etwas müde, es ist kein einfacher Kampf, er schlägt sich tapfer.

Gedenktafel mit Gedenkstein im Kurt Cobain Riverfront Park.
Gedenktafel mit Gedenkstein im „Kurt Cobain Riverfront Park“. Foto: Hahnfeldt

Es gibt kein Grab in Aberdeen für Cobain, und es gibt auch keinen von der Stadt finanzierten Wallfahrtsort. Für nicht wenige war der Musiker lange Zeit ein langhaariger Junkie, ein Nichtsnutz, ein Aussteiger, ein Schulabbrecher, einer, der die Arbeit scheute,  der sich von seiner Freundin aushalten ließ.

Aberdeen: „Come As You Are“

Doch mit jedem Tag, den die Stadt in ihre alten Form zurück findet, desto mehr besinnt sie sich auf ihren umstrittenen Sohn, auch wenn die Schritte klein sind und für einen Außenstehenden womöglich schwer nachzuvollziehen.

Immerhin aber wurde inzwischen am Ortseingangsschild eine Täfelchen mit dem Hinweis „Come As you are“ in Anspielung auf einen Songtitel von Nirvana angebracht, das allerdings auch nur, weil eine Handvoll Jugendliche darauf aufmerksam machte, dass es ausgerechnet in der Wiege des Grunges keine Erinnerung daran gibt.

Am Wishkah-River steht nun ein Gedenkstein, dazu eine Skulptur in Form einer Gitarre, unter der Young Street Bridge hatte er angeblich die Nächte verbracht, aber das ist inzwischen ins Reich der Mythen verwiesen. Und ob Courtney Love wirklich einen Teil von Cobains Asche dem Fluss überantwortete, wie es in Internetforen heißt, auch darüber lässt sich spekulieren.

Cobain ist eine Legende, Legende ziehen Mythen nach sich. Es ist ein Kreislauf, das ist in Aberdeen nicht anders als an anderen Orten dieser Welt, wo Stars ihren Fußabdruck hinterlassen. 

Aberdeen hat einen „Kurt Cobain Tag“

Dann Sears hat in seiner Karriere viele Nirvana-Fans kennengelernt. Sie kommen aus der ganzen Welt in sein kleines Museum, sie kommen aus Asien, Mexiko, Kanada, aus Europa, darunter viele junge Menschen, geboren erst nach Cobains Tod. Trotzdem erzählen sie ihm, wie wichtig seine Musik für ihr Leben sei,  und nicht selten tragen sie wie ihr Vorbild Flanellhemd und zerrissene Jeans.

Am 20. Februar ist in Aberdeen neuerdings „Kurt Cobain Tag“. Es ist der Tag, an dem der Nirvana-Frontmann Geburtstag hat. Im Museum interpretieren dann Laien Nirvana-Songs, und in Augenblicken wie diesen kommt man Cobain womöglich am nächsten.

Andererseits, das Haus in dem der Sänger und Musiker seine Kindheit verbrachte, existiert noch immer, und wer möchte, könnte es kaufen. Es befindet sich nur ein paar Häuserblocks von Danns Büro entfernt in der East First Street. Es steht zum Verkauf wie so viele Häuser in Aberdeen, es sieht aus wie so viele in Aberdeen.

Und wenn es nach dem Wunsch eines Fans aus Portland, Oregon, geht, wird es ein Museum. Seit beinahe zwei Jahren sammelt er via Crowdfunding Geld. Das Problem nur ist, von den nötigen 700.000 Dollar fehlt noch immer der größte Teil, und so wird die Aktion wohl sang- und klanglos im Nirwana verschwinden.

Dann Sears ist jetzt 71 Jahre alt. Er ist ein Kind der Flower-Power-Generation, aufgewachsen mit Elvis, dann kam Joe Cocker, dann die Rolling Stones. Jetzt ist er Experte für Grunge. Wenn er könnte, wie er wollte, würde er sich gerne mit Courtney Love treffen, und wenn er könnte, wie er wollte, würde er gerne seine Cobain-Sammlung im Museum vergrößern. Nur, das Leben ist kein Wunschkonzert, und insofern müssen er und seine Besucher sich mit einer kleinen Ecke und einer kleinen Anzahl von Erinnerungsstücken begnügen.

Gedenktafel an der North Aberdeen Bridge am Wishkah-Fluss.
Gedenktafel an der North Aberdeen Bridge am Wishkah-Fluss. Foto: Hahnfeldt

Dafür aber, und das ist schon sehr speziell, gibt es die beigefarbene Couch, auf der sich Cobain als Jugendlicher die Nächte um die Ohren geschlagen haben soll. Die Familie Shillinger, bei der er als Jugendlicher zeitweise lebte, hat sie dem Haus zur Verfügung gestellt. Und mit etwas Glück triffst du bei einem Besuch im Museum auf Amely Airhard. Bei ihr ist Cobain in den Hort gegangen, sie ist einer der Mitbegründerinnen des Hauses – aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Aberdeen: Tipps für Kurt-Cobain-Tour

Aberdeen Museum of History: Wer das Museum in Aberdeen besuchen möchte: Neben einem guten Überblick über die Geschichte der Stadt gibt es eine kleine Cobain-Ecke. Zu sehen unter anderem eine Couch, auf der Cobain seinerzeit schlief und diverse Memorabilia. 

Das historische Museum in Aberdeen bietet auch eine „Kurt Cobain Walking Tour“ an. Sie führt über sein Elternhaus bis hin zu seiner ersten eigenen Wohnung. Wer möchte, kann eine begleitete Tour buchen. 

Aberdeen Museum of History | 11 East Third Street, Aberdeen | Telefon: (360)/533-1976 
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 10 Uhr bis 17 Uhr, Sonntag von 12 Uhr bis 16 Uhr, Montag geschlossen 

Kurt Cobain Memorial Park: Der übersichtliche Park mit Gitarren-Statue und Gedenkstein befindet sich in der Young Street Bridge. Cobain soll sich dort die Zeit um die Ohren geschlagen haben. Dass er unter der Brücke zeitweise lebte, ist nicht bewiesen.

Kurt Cobain Memorabilia & Info Center: Souvenirs und andere Andenken gibt's unter anderem im „Kurt Cobain Memorabilia & Info Center“. Der Laden ist zugleich ein Star-Fan-Shop, und wer möchte, kann dort das Schild mit dem Schriftzug „Welcome to Aberdeen: Come As You Are“ kaufen. 

Kurt Cobain Memorabilia & Info Center | 413 East Wishkah Street, Aberdeen | Öffnungszeiten: täglich von 12 Uhr bis 17 Uhr

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Die Autorin
Aufgewachsen im Brandenburgischen, arbeitet Marion Hahnfeldt seit mehr als 20 Jahren im Journalismus. Zunächst als Ressortleiterin für die Redaktionen Blickpunkt/Seite 3 und Weltsp ... mehr
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