Ungefähr so heiß muss auch die Hölle sein. In einem Wok mit einem Meter Durchmesser blubbert heiße Zuckermasse vor sich hin, darunter ein Feuer, daneben ein Haufen aufgeschnittener Kokosnüsse, davor ich, sprachlos, unerwartet im Glück gelandet. Sie machen Karamell. Und ich liebe Karamell. Hier kann ich es riechen, es atmen, meine Zungenspitze daran verbrennen. Hölle? Es ist das Süßigkeitenparadies. Ausgerechnet in Vietnam habe ich es gefunden. 

Ich bin im Mekong-Delta, dort wo dieser Fluss sich nach mehr als 4.000 Kilometern Weg ins südchinesische Meer ergießt. Aus Tibet kommt er, durchquert China, trennt Myanmar und Thailand von Laos, fließt dann noch durch Kambodscha und teilt sich in Vietnam schließlich in diesen „Fluss der neun Drachen“, weil er neun große Hauptwasserstraßen hat.

Wie die Wurzeln eines Baumes greifen die feinen Wasseradern in das Land hinein, Kanäle geben den Plantagen im Mekong das Wasser des Lebens, sind Schulweg und Touristenattraktion. 

 

Und mittendrin ist diese Bonbonmanufaktur. Als ich aus dem Boot klettere, weiß ich noch gar nicht, was mich erwartet. Ich stoße mich vorsichtig ab und springe auf einen Reifen, dann auf den Felsen. Etwas unelegant stolpere ich in ein Holzhaus. Ich atme Zucker. Wo sind wir hier?

Ich bin mit meinem Freund unterwegs und einer Vietnamesin namens Lieu. Tags zuvor zeigte sie uns Saigon, der alte Name und das Zentrum der heutigen Ho Chi Minh Stadt. Zwei Stunden Autofahrt über eine nagelneue Schnellstraße bringen uns mitten ins Mekong-Delta nach Cai Be.

Wir klettern in eine Dschunke, ein längliches Boot, vorn und hinten spitz zulaufend mit Gartenstühlen, Dach und rumpelndem Motor. Den Tag verbringen wir in der Ben Tre Provinz. Schwimmende Märkte, Obstplantagen, Pfahlbauten und überwucherte Wasserkanäle bestimmen das Bild. Und eben die Bonbon-Manufaktur in Cuu Long Village. Sie suchten die Nähe zu den Kokosnüssen und den Schlangen, aber dazu komme ich später. 

Bonbon-Herstellung: Showgeschäft und Knochenarbeit

Lieu führt uns aus dem ersten Haus heraus, um zwei Ecken und dann bleibe ich stehen und starre. Ein junger Vietnamese stochert in einem Feuer herum, Funken flirren, es ist heiß. Dann gießt er Kokosmilch in eine zähe hellbraune Masse und rührt und rührt und rührt. Der Junge reicht mir kaum bis zur Brust, es muss ein Knochenjob sein. Willkommen im Bonbon-Paradies.

Man kann sich gut vorstellen, dass dieser Job für einige Menschen doch die Hölle ist. Die Arbeitsbedingungen hier sind jedoch vergleichsweise entspannt – schaut kein Tourist, hat der Rührer Pause. 

Wer’s nachmachen will: Zucker und Kokosmilch in die Pfanne (Verhältnis etwa drei zu eins, mehr Milch: Karamell-Sauce. Mehr Zucker: Karamell-Bonbons), heißmachen, rühren, rühren, rühren. Es darf mal blubbern, aber weniger ist mehr. Und denkt dran: abgekühlt härtet es ein wenig aus. In Vietnam kommt noch etwas Malz dazu (etwa soviel wie Zucker).

Das Karamell – blasenfrei und super-crémig – gießt der junge Vietnamese schließlich auf eine Metallplatte mit langen Rillen; darauf wird es platt gewalzt und in Stückchen geschnitten. Fehlt nur noch das Reispapier – das isst man später mit, es schmeckt nach nichts, schützt die Finger aber vor dem zuckrigen Superkleber. 

 

Bonbons machen ist ein Familienbetrieb, mehrere junge Mütter mit ihren Babys sitzen bei den Arbeitenden, kleine Kinder laufen herum, wer mit anpacken kann, der tut das. Zwischen den Pfeilern der Holzhalle sind Hängematten gespannt, darüber hängen Schilder: „No Photo Baby“; und wenn ich ehrlich bin, dann haben sie wirklich recht mit dem Hinweis. 

Ein paar Ecken weiter komme ich am nächsten Wok vorbei – sein Inhalt ist pinkfarben. Sehr pink. Und noch ein Wok weiter knistert der Puffreis aus einer Schüssel, angereichert mit heißem Sand, der dem Reis beim Puffen hilft. Puffreis und Karamell wird nun zusammengeschüttet und wieder kräftig durchgerührt, dann plattgewalzt mit Nudelhölzern wie Oma sie schon hatte. Hier ist viel Kraft am Werk. Heraus kommen warme süße Karamell-Riegel; die Touristen dürfen probieren, der Rest wird verkauft.

Vietnams Wirtschaftsmotor?

Ein großer Wirtschaftsfaktor sind die Bonbons nicht, der Mekong lebt vom süßen Obst. 17 Millionen von etwa 90 Millionen Vietnamesen leben hier, die Wirtschaft wächst stärker als im Rest des Landes, die Löhne sind vorerst niedrig geblieben. Viele Händler-Familien leben noch immer auf ihren Booten, andere im Grün der Inseln. Sie rudern Touristen durch Kanäle, bauen Papayas an, Ingwer oder Kokosnüsse und natürlich Reis, hier wächst wirklich überall Reis. Es gibt Restaurants und Schnaps mit Schlangen und Skorpionen.

Stimmt, diese Geschichte wollte ich ja noch nachreichen. Sie beginnt in Hanoi, wo uns unsere Gastgeberin Duyên in das Haus ihrer Eltern einlädt und Reisschnaps auf den Tisch stellt. Darin: eine Schlage, im Maul trägt sie einen Skorpion. Wir trinken tapfer, es schmeckt gar nicht so schlecht. 


Hergestellt wird diese Spezialität ebenfalls im Mekong-Delta, ebenfalls in der Bonbon-Fabrik. Schlange an Schlange ringelt sich in bauchigen Flaschen, sie reichen mir fast bis zur Hüfte. Die Tiere sind tot, gefordert wird nur noch ihr Aroma. Ausgeführt werden darf diese Spezialität nicht und auch für Jagd und Verarbeitung vergibt der Staat nun Lizenzen. Zu groß wäre die Bedrohung für die Tiere. 

Für die Menschen ist der „Snake Wine“ ruou thuoc dagegen gar keine Bedrohung: Der Alkohol denaturiert Gift, macht es also unwirksam, erzählt uns Reiseführerin Lieu. Im übrigen hat Schlangengift auch der menschlichen Magensäure nicht viel entgegenzusetzen. Helfen soll es uns gegen Haarausfall und – natürlich – soll der Sex besser werden.

Nach dem Snake Wine serviert Lieu uns mehr Karamell, mit Sesam oder ganz süß, dazu würzige Reiscracker, die Puffreis-Riegel und den sanftesten Jasmin-Tee, den ich je getrunken habe. Einige Wochen später versuche ich, diese kleine Mahlzeit zu wiederholen, daheim in Berlin. Doch es schmeckt mir nicht mehr, es fehlt die Luft am Mekong, der Karamell-Duft in meiner Nase und das Gruselkabinett an meiner Seite.