Die Dschunke schaukelt nur leicht, während das letzte Licht des Tages hinter den Felsen versinkt. Ich treibe auf der Bhaya 3 in der Halong-Bucht vor Vietnam. Felsmassive heben sich um uns herum aus dem Wasser, den ganzen Tag über schob sich weißer Dunst wie Wolkenschleier durch das Gebiet.

Mir ist kalt, Ende Februar ist hier in der Vinh Ha Long um den 21. nördlichen Breitenkreis noch Winter. Das Wasser schimmert grün, die Felsen wechseln von grau zu schwarz und ich trinke billigen Rotwein aus teuren Gläsern. Die älteren Gäste vermissen lautstark die Sonne, ich nenne es „mystisch“. Die Halong-Bucht ist Weltnaturerbe und eine jener Plätze, die ich im Leben unbedingt sehen wollte. Ich bin angekommen an dem Ort, den Drachen in die Welt geschnitten haben sollen. 

Kevin und Jessica heißen die beiden Vietnamesen, die auf dem Boot das Sagen haben. Ich gehe mal stark davon aus, dass das nicht so ganz ihre richtigen Namen sind, aber sie lächeln die Frage weg. Immerhin: Kevin und Jessica haben richtig Ahnung. Sowohl von der geologischen Geschichte des Ortes, als auch von den Legenden und dem, was die Menschen in der Halong-Bucht schon so alles angestellt haben. 

Die Legende der Drachen

Die Legenden mit den Drachen sind so alt wie das Leben hier. „Vinh Ha Long“ bedeutet Bucht des untertauchenden Drachen. „Thanh Long“, der alte Name von Ha Noi, vier halsbrecherische Autostunden entfernt, bezeichnet den aufsteigenden Drachen. In der vietnamesischen Kultur findet sich der Drache an jeder Hauswand, an jedem Dach. Er symbolisiert die Macht, mit der die Bewohner gesegnet sein sollen.

 

Macht wollte ein Drache auch dem Volk der Vietnamesen verleihen, vor Jahrtausenden schon, so sagt es die Legende und so erzählt es Jessica heute. Er ruhte in den Bergen vor dem Meer. Als die Not im Kampf gegen die Feinde am Größten war, erhob er sich und stampfte zum Ozean.

Aufgebracht schlug er mit den Flügeln, peitschte mit dem Schwanz und riss so tiefe Furchen in die Landschaft. Als er endlich die Küste erreichte und sich in die Fluten stürzte, stieg der Wasserspiegel durch seine Größe so stark an, dass die zerklüftete Hügellandschaft vor dem Meer überflutet wurde. Nur die felsigen Spitzen ragten noch heraus – die Halong-Bucht war entstanden. 

Jessica erzählt diese Geschichte, während sie uns durch eine Höhle führt, die Höhle der Überraschung. Die sieht heute ganz anders aus, als beim ersten Mal, als Jessica hier war – vor einigen Jahren stürzte der Boden ein, betreten starre ich in das Loch. Kurz vor dem Einsturz hatte eine deutsche Firma hier noch eine Dinnerparty veranstaltet. „Und wenn du wiederkommst“, sagt Jessica, „dann sieht die Höhle wieder ganz anders aus.“

Piraten gegen Drachen an der Küste

Ältere Menschen, die zum zweiten Mal im Leben in die Höhle kommen, machen sie darauf aufmerksam. Sie selbst sieht die Veränderungen kaum – sie ist so gut wie jeden Tag hier. Vietnamesisches Arbeitsrecht eben. Heute besteht die Höhle aus drei großen Kathedralen, Stalagmiten am Boden – Stalagtiten gar nicht selten auch, sie stürzen immer wieder von der Decke. Die Halong-Bucht bewegt sich.

Eine andere Legende erzählt von Piraten, die den Bewohnern der Küste das Leben schwer machten. Sie hatten die Rechnung nur ohne eine Drachenfamilie gemacht, die in den Bergen lebte und über die Fischer wachte. Die Mutter und ihre Kinder erhoben sich und brachten ihre Flammen über die Piraten. Zurück blieben Ascheklumpen, die heute die Felsenlandschaft bilden. Die kleinen Drachen hingegen flogen noch etwas gen Osten und legten sich schließlich zur Abkühlung ins Wasser. Sie bilden heute die Felsen der Bai Tu Long Bucht. 

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Tatsächlich war es übrigens ein bisschen anders, auch diese Zahlen sind imposant: Etwa 500 Millionen Jahre ist die Gegend alt, damals war sie der Grund des Meeres. Dann hoben Bewegungen der Erdplatten sie aus dem Wasser. Flüsse aus den höheren Lagen gruben Furchen in das Land. Ein Teil des Wassers versickerte, so entstanden gigantische Höhlen, eine Karstlandschaft.

20 Millionen Jahre dauerte der Prozess – dann stürzten die Höhlen nach und nach ein. Vermutlich vor etwa 10.000 Jahren, als die Erde wieder etwas wärmer wurde und deshalb auch die Meeresspiegel kräftig anstiegen, stieg erneut Wasser über das Land und wo einst Hügel waren, ist nun die zerklüftete Drachenbucht. Erst seit etwa 5.000 Jahren sieht die Gegend ungefähr so aus wie jetzt – erdgeschichtlich betrachtet also eher nicht so lange. 

Je nach Zählung besteht die Halong-Bucht aus 1.969 Kalkfelsen, vielleicht auch ein paar mehr. Auf der größten Insel Cát Bà leben etwa 12.000 Menschen, es gibt schwimmende Dörfer, steile Monolithen unter denen sich das Wasser langsam in den Fels schält.

Frühaufsteher haben in der Halong-Bucht die besten Chancen

Doch die Natur ist nicht der einzige Grund, aus dem sich die Halong-Bucht bewegt. Da sind auch noch etwa 2.5 Millionen Menschen, die in jedem Jahr auf ihr herumschippern, über Felsen klettern, wie Ameisen durch ihre Höhlen wandern und kniehohe Treppenstufen erklimmen, um auf Aussichtsplattformen zu gelangen.

Protipp: Früh am Morgen oder nie mehr – die meisten Touristen schaffen es nicht hinauf, weil die Plattform zu klein ist, um alle zu fassen. Sie müssen umkehren, damit sie nicht ihr Boot verpassen.

Gegen Mittag legen die Touristen-Boote ab, wie geflügelte Perlen auf einer Schnur machen sie sich auf den Weg auf festgelegten Routen. Langweilig? Möglicherweise. Aber die strengen Regeln sollen vor dem Untergang schützen – sowohl die Touristen, als auch das Naturparadies. Holzboote sind verboten, was heute in der Bucht unterwegs ist, besteht aus Metall und wird regelmäßig geprüft. Segel sind noch immer zu sehen, dienen aber eher der Dekoration. Stattdessen tuckern die Motoren einen nervösen Rhythmus, doch daran gewöhnt man sich schnell. 

⛵️ Rumschippern. #Vietnam #HaLongBay

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Drachenlegenden sind nicht die einzigen Träume, die hier in der Halong-Bucht spielen. Ältere Reisende denken an „Der Morgen stirbt nie“, darin jagt James Bond den Medienmogul Elliott Carver. Das Britische Königreich hatte jedoch damals noch nichts gegen Fake News, viel mehr ging es um den Dritten Weltkrieg, den Carver gern auslösen wollte, Angriffsziel: China. Das dazu nötige Tarnboot versteckte er in der Halong-Bucht. James Bond, damals noch von Pierce Brosnan gespielt, nimmt gemeinsam mit der chinesischen Agentin Wai Lin (Michelle Yeoh) den Kampf auf. 

Jetzt muss ich aber ein paar Träume platzen lassen, sorry: Die berühmten Szenen drehte die Film-Crew in Thailand. Ja, kein Scherz. Vietnam zog die Drehgenehmigung wieder zurück. Statt in Saigon spielt die Motorrad-Jagd deshalb auch in Bangkok. Solche Film-Fälschungen sind gar nicht so selten – auch die Vietnam-Szenen aus Forrest Gump entstanden eigentlich in den USA. 

 

Hollywood in Vietnam

Wer Vietnam im Kino sehen will, der kann schauen, ob noch irgendwo „Kong: Skull Island“ läuft. In der Provinz Ninh Binh, nur ein paar Autostunden entfernt, steht sogar noch eine Kulisse des Films, die besichtigt werden kann. Ein cinéastisches Meisterwerk ist der Film nicht gerade, aber vielleicht eine gute Ergänzung zur Reisevorbereitung mit dem ZDF-Traumschiff und dem ARD-Traumhotel (wo die Halong-Bucht erstaunlich nahe am knapp 1.000 Kilometer entfernten Hoi An liegt). Hallo Disney, könntet ihr bitte eine von diesen Drachen-Geschichten verfilmen?

Während ich über die Geschichten der Halong-Bucht sinniere, ist es dunkel geworden. Die Nacht verbringen wir in einer kleinen Bucht, umringt von anderen Schiffen. Anfangs schallt noch Musik durch die Stille, irgendwann scheint eine Sperrstunde zu greifen. Früh am nächsten Morgen werde ich den Tag mit Tai Chi beginnen, im Sonnenlicht auf einen Berg steigen und schließlich zurück ins wilde Hanoi fahren.

Von der Ruhe der Vinh Ha Long zehre ich noch lange. Und die Drachen-Legenden folgen mir ebenfalls durchs ganze Land. Von jedem Giebel blicken mir die Symboltiere der Macht hinterher, bis ich endlich meine Finger durch das Wasser des „Fluss der Neun Drachen“ gleiten lasse. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die steht hier:

Zucker für die Neun Drachen des Mekong