Rundreise in Israel: Baden & Beten | reisereporter.de

Rundreise durch Israel: Baden und Beten

Vom See Genezareth über Jerusalem und das Tote Meer bis nach Tel Aviv: In fünf Tagen durch Israel – Eindrücke eines Erstbesuchers.

Millionen Bitten an Gott stecken in den Fugen der Klagemauer in Jerusalem.
Millionen Bitten an Gott stecken in den Fugen der Klagemauer in Jerusalem.

Foto: Mathias Begalke

Wir baden im See Genezareth, und Syrien ist nur 15 Kilometer weit weg. Rechterhand: die Golanhöhen. Ganz nah. Wie oft haben wir den Namen schon in den Nachrichten gehört ... Früher beschoss die syrische Armee von dort die Menschen am See. Lange schon ist die Hochebene von Israel annektiert. Es wird Wein angebaut. Doch Wanderer sollten nicht vom Weg abkommen. Noch immer liegen dort Minen.

Das Wasser ist perfekt. Die Luft am Strand des Kibbuz-Hotels duftet nach Eukalyptus. Nicht weit von hier soll der Rebell und Pazifist Jesus aus Nazareth vor zwei Jahrtausenden die Bergpredigt gehalten haben. „Selig sind die Friedfertigen“ hieß eine seiner Botschaften.

Ich versuche, wellnessmäßig zu schwimmen, und denke, wie faszinierend es ist, dass sich Asien, Afrika und Europa hier berühren. Und doch ist Israel ein eigenartiges Urlaubsland. Glauben und Gewalt erscheinen allgegenwärtig. Denn die beiden großen israelischen Themen reisen mit. Sie sind immer da: in den eigenen Gedanken sowieso, aber auch in vielen Gesprächen. Wie soll man da abschalten?

Schräge T-Shirts in der Altstadt von Jerusalem

In der Jerusalemer Altstadt, dort, wo Juden, Christen und Muslime auf engstem Raum leben, arbeiten und beten, kann man T-Shirts mit dem Aufdruck „Guns n‘ Moses“ kaufen, eine Verballhornung des Bandnamens Guns n‘ Roses. Wer hat sich das ausgedacht? Selbstironische Israelis? Wütende Palästinenser? Wer zieht so etwas an? Touristen? Oder Kabarettisten, die sich dem Nahostkonflikt verschrieben haben?

Diese TShirts gibt es in der Altstadt von Jerusalem.
Diese TShirts gibt es in der Altstadt von Jerusalem. Foto: Mathias Begalke

Ofer Moghadam, unser Reiseführer, stellt uns Menschen vor, die wie viele Erstbesucher mit Bedenken, Vorurteilen oder einfach nur einem mulmigen Gefühl gekommen waren, dann aber geblieben sind, weil sie sich in Land und Leute verliebt haben. Sie haben irgendwie gelernt, mit der Möglichkeit von Attentaten zu leben – und den Ungereimtheiten. „Je länger ich in diesem Land lebe, desto komplizierter erscheint es mir“, sagt Pater Matthias Karl. Der 47-jährige Benediktiner aus Bayern wirkt seit acht Jahren am See Genezareth.

Sein Orden betreut in Tabgha am Nordufer die Brotvermehrungskirche. Jesus soll dort 5.000 armen und unglücklichen Menschen, um die sich sonst niemand kümmerte, Essen gegeben haben. Dafür vervielfachte er fünf Brote und zwei Fische.

Pater Matthias Karl aus Bayern wirkt seit acht Jahren am See Genezareth.
Pater Matthias Karl aus Bayern wirkt seit acht Jahren am See Genezareth. Foto: Mathias Begalke

Tausend christliche Pilger besuchen täglich Tabgha wegen dieses Wunders. Die Benediktiner inspirierte es dazu, selbst sozial zu sein und zu teilen. Sie ermöglichen in einer Begegnungsstätte jungen Behinderten aus Israel und Palästina Ferien am See für den Symbolpreis von einem Euro pro Person. Pater Matthias lächelt, wenn er über dieses Projekt der Nächstenliebe erzählt.

Wenn er dagegen vom Anschlag berichtet, werden seine Hände zu Fäusten. Am 18. Juni 2015 versuchten fanatische Juden die Kirche niederzubrennen. Sie scheiterten, der Schaden an benachbarten Gebäuden war trotzdem hoch. Hat er denn keine Angst, hier in Israel, mit all den Gefahren? „Nein“, antwortet er und fügt zwei Sätze an, die wir so oder ähnlich auf einer Reise durch das Heilige Land häufiger hören: „Wir sind nicht die Mega-Idealisten. Ich bin dankbar, dass Israel eine Militärmacht ist.“

Auf dem Highway Richtung Totes Meer

Wir fahren weiter. Auf dem Highway 90 nach Süden. Durch das Westjordanland. Richtung Totes Meer. Wir passieren die palästinensische Stadt Jericho. Der Klang von Trompeten soll ihre Mauern einst zum Einsturz gebracht haben. Es ist sinnvoll, eine Bibel dabeizuhaben, um die Geschichte im Buch Josua nachlesen zu können. Später, in der judäischen Wüste, zeigt uns Ofer, wo in etwa die Städte Sodom und Gomorra gewesen sein sollen. Heute sehen wir nur Steine, Sand, Staub, es ist heiß und still. Nach einer Jeep-Fahrt ins blassgelbe Gebirge blicken wir von einem Plateau auf das Tote Meer und Jordanien.

In der judäischen Wüste: Etwa hier sollen einst die beiden Städte Sodom und Gomorra gewesen sein.
In der judäischen Wüste: Etwa hier sollen einst die beiden Städte Sodom und Gomorra gewesen sein. Foto: Mathias Begalke

Hemmungsloses Plantschen im See ist tabu, um Spritzer ins Gesicht zu vermeiden, denn das hochkonzentrierte Salzwasser schmeckt scheußlich und ätzt in den Augen. Wir „floaten“ – relaxen in Sofahaltung. Ein einzigartiges Erlebnis, denn du gehst tatsächlich nicht unter. Schließlich lässt du gänzlich los, streckst dich, vertraust. Nicht zu fassen, dass der Wasserspiegel in jedem Jahr um einen Meter sinkt, weil zu viel Wasser aus dem Jordan, dem einzigen Zufluss, entnommen wird.

Zur Klagemauer in Jerusalem

Jerusalem. Benni weicht Schwester Bernadette nicht von der Seite. Die 68-Jährige und ihr Findelhund begleiten uns auf die Dachterrasse des Österreichischen Hospizes, einem katholischen Gästehaus.

Es liegt an der Via Dolorosa im arabischen Viertel. Gegenüber soll Jesus auf seinem Weg zur Kreuzigung das erste Mal vor Erschöpfung zusammengebrochen sein.

Schwester Bernadette (68) und ihr Findelhund aus Jerusalem.
Schwester Bernadette (68) und ihr Findelhund aus Jerusalem. Foto: Mathias Begalke

Der Blick schweift über das Häuser-Gassen-Durcheinander. Stimmengewirr. Die drei Weltreligionen begegnen sich vor der Hospiz-Tür. Christen pilgern auf der Via Dolorosa.

Juden und Muslime haben sogar das gleiche Ziel, wenn sie freitags zum Tempelberg eilen; die einen zur Klagemauer, die anderen zur Al-Aksa-Moschee. „Für mich ist Jerusalem eine Stadt des Miteinanders“, sagt Schwester Bernadette. „Trotz allem.“ Seit 17 Jahren lebt sie hier. Anschläge haben ihren Glauben an das Gute nicht erschüttert. 

Ein Gläubiger betet an der Klagemauer in Jerusalem.
Ein Gläubiger betet an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Mathias Begalke

Millionen Bitten an Gott stecken in den Fugen der Klagemauer. Juden, aber auch Andersgläubige schreiben sie auf Zettel, falten diese, bis es nicht mehr geht, und klemmen sie in die Ritzen. Dieses religiöse Ritual ist beeindruckend, weil es so unkompliziert und leicht ist und offen für alle. Du kommst als Tourist – und plötzlich, ganz unerwartet, wird der wichtigste Gebetsort der Juden zu einem Ort der Hoffnung für dich selbst. Die Mauer, der die Menschen ihr Glück und Unglück anvertrauen, wird zu einem spirituellen Lieblingsort, an den man irgendwann zurückkehren möchte.

Für Gläubige in aller Welt, die nicht persönlich nach Jerusalem reisen können, bieten die Rabbiner der Klagemauer einen besonderen Service. Gebete können über die Internetseite per E-Mail geschickt werden. Sie werden dann ausgedruckt und in die Fugen der Klagemauer geklemmt. 

Baden im Mittelmeer am Strand von Tel Aviv

Zum Abschluss der fünftägigen Reise schwimmen wir noch einmal. Im Mittelmeer, am Strand von Tel Aviv. Salzgehalt: um die drei Prozent, im Toten Meer sind es etwa 30 Prozent. Israel ist auch ein Badeland. Viele junge Leute sind da. Es heißt, alle unter 30-Jährigen in dieser Hightech-Metropole träumen davon, eine App zu entwickeln, die von Google gekauft wird.

Wovon man selbst träumt, das steht auf einem weißen, linierten Zettel, aus einem Notizheft gerissen, in eine Ritze der Klagemauer gestopft.

Israel: Tipps und Infos

Anreise: Direktflüge aus Deutschland bieten zum Beispiel an: El Al / El Al Up (ab Frankfurt, München, Berlin), Lufthansa (ab Frankfurt, München), Air Berlin (ab Berlin), Germania (ab Hamburg, Düsseldorf) und Easyjet (ab Berlin). 

Einreise: Deutsche benötigen einen Reisepass, der bei Einreise noch mindestens sechs Monate gültig sein muss. Touristen mit deutschem Reisepass, die vor dem 1. Januar 1928 geboren sind, benötigen ein Visum. Wichtig: Schon seit einigen Jahren erhalten Einreisende keinen Israel-Stempel mehr in ihren Pass.

Beste Reisezeit: In der Hauptsaison im Juli und August ist es in Jerusalem warm, in Tel Aviv schwül und unerträglich heiß am Toten Meer. In der Zwischensaison im Oktober und November sowie von März bis Juni fällt gelegentlich Regen, meist ist es aber sonnig. Im Winter kann es im Norden kalt werden.

Weitere Informationen gibt es beim Staatlichen Israelischen Verkehrsbüro.

 

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Der Autor
Mathias Begalke, Jahrgang 1967, schreibt am liebsten über Popmusik und Reisen. Manchmal, wenn es sehr gut läuft, über beides in einer Geschichte. Er sagt: „Unterwegs zu sein bedeut ... mehr
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