Im Hotel war ich noch ganz sicher, mir den Weg genau gemerkt zu haben. Aber schon an der ersten Kreuzung kommen Zweifel auf. Links oder rechts? Ich frage drei Frauen nach dem Hamam in Casablanca. Ungläubiges Kopfschütteln, Schulterzucken. Irgendwie verwirrt meine Frage nach der marokkanischen Badeanstalt die Menschen hier.

An einem Kiosk aber scheinen zwei junge Männer mich zu verstehen. In einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch kommt der Hinweis: immer geradeaus, dann die vierte Straße rechts oder links. Aha. Ich bedanke mich, gehe weiter. Wohin ich muss, null Plan. Wieder frage ich einen Passanten. Diesmal einen Mann mit schickem Anzug. Sicher ein Banker oder so. Er kennt tatsächlich den Hamam, den ich suche. Er sei erst vor zwei Tagen dort gewesen.

„Ich führe Sie gern dorthin“, bietet er mir an. Ein paar Schritte weiter bleibt er stehen. „Hier wohnen meine Schwester und mein Bruder. Die können weiterhelfen“, erklärt er freundlich. Ein paar Telefonate später steht sein Bruder vor mir. Gemeinsam eilen wir druch das Straßengewirr von Casablanca. Nur zehn Minuten später bleiben sie vor dem Hamam stehen. War doch ganz einfach …

Baden in der Hassan-II-Moschee

Das ist sie also: Die Hassan-II.-Moschee. Eine der größten Moscheen der Welt. Viele Gebetsräume und eben dieser sagenhafte Hamam. Kinderlachen mischt sich in dem gefliesten Hauptraum mit dem Plätschern des Wassers. Eine englischsprechende Frau namens Imane erklärt mir die Prozedur: „Erst mit der Olivenölmasse im Dampfbad die Haut einseifen, dann etwas ausruhen. Masseurin Laila reibt bei der sogenannten Gommage mit einem Handschuh den Körper von den Zehen bis zum Hals ab. Nach der Reinigung gibt es zur Entspannung eine Massage.“

Casablanca: Entführung aus Rick's Café

Und ich beginne zu träumen. In meinen Gedanken bummle in noch mal durch die Stadt, sehe die Hassan-II.-Moschee, deren Minarett mit 210 Metern eines der höchsten religiösen Bauwerke der Welt ist, vor meinen Augen. Flaniere durch die Neue Medina im Habous-Viertel mit dem Souk der Messinghändler. Und hänge noch einen Moment in Rick’s Café ab, wo die Gäste in die Welt des Hollywoodklassikers Casablanca aus dem Jahr 1942 entführt werden.

Langsam nähert sich die Massage von Laila dem Ende. Imane wartet schon. „Hier im Haman treffen sich viele Frauen. Wir tauschen uns aus, schließen Freundschaften. Der Hamam ist gut die Haut und die Seele“, sagt sie lächelnd. Und ich? Ich kann ihr nur zustimmen.

In Tanger duftet alles nach Gewürzen

Mit gereinigter Haut und gestärkter Seele geht‘s am Tag drauf nach Tanger. 330 Kilometer entfernt, ganz im Norden Marokkos und ziemlich anders. Ein Fischer rudert mit seinem blauen Holzboot auf die andere Seite des Hafenbeckens. Blühende Bougainvillea ranken sich malerisch an den weißen Mauern der verschachtelt gebauten Häuser der Altstadt empor. Wer nicht im Straßencafé sitzt oder am Strand entspannt, bummelt durch die sauberen Gassen der farbenprächtigen Medina von Tanger. Hier pulsiert alles Märkte, Geschäfte, Cafés. Teppich- und Souvenirhändler bieten ihre Waren an, eine Straße weiter reihen sich die Ateliers der Schneider aneinander.
 
Zwei Männer mit Turban diskutieren in einem Geschäft, in dem sich bis unter die Decke die Bücher stapeln. Und über allem schwebt der Duft der aromatischen Gewürze. „Die orientalische Seele braucht Fülle, deshalb sind die Läden so voll und die Portionen auf den Tellern auch so groß“, erklärt Reiseleiter Mohamed Naciri. In den Caféhäusern am Petit Socco genießen Einheimische und Touristen die Atmosphäre, die schon Maler und Schriftsteller wie Henri Matisse, Truman Capote und Tennessee Williams inspirierte.
 
In Tanger leben rund 1,2 Millionen Menschen. In den Sommermonaten sogar zwei Millionen. „Jeder in Marokko möchte nach Tanger“, sagt unser Reiseleiter Mohamed Naciri solz. Seine Heimatstadt liege „voll im Trend“. Wer hier war, kann ihn verstehen.