Zunächst sehen wir nur ein Horn, das aus dem dichten Buschwerk ragt. Dann tritt der graue Koloss heraus, bleibt stehen und blickt direkt zu uns. Nur 50 Meter trennen uns nun noch von dem Nashornbullen, etwa doppelt so weit ist es bis zu unserem schützenden Geländewagen.

Wir erinnern uns an die Worte unseres Guides Johann Cloete vor der Pirsch: „Dicht zusammenbleiben. Nicht bewegen. Nicht fotografieren. Am besten einfrieren.“ Wir sind Bäume. Nashörner haben schlechte Augen. Der Bulle, erklärt Johann, hat lediglich ein Geräusch und eine fremde Witterung bemerkt. „Er sieht uns nicht. Sonst würde er näher kommen.“

Auf den Spuren der Nashörner

Schon im Morgengrauen sind die Fährtenleser des Desert Rhino Camps aufgebrochen, um den Spuren der Nashörner zu folgen. Fünf Stunden sind wir ihnen im knarzenden Geländewagen durch die Geröllwüste gefolgt, zunächst in Decken gehüllt, weil es am frühen Morgen kalt in der Wüste ist. Fasziniert haben wir in die archaische Landschaft des Damaralandes im Nordwesten Namibias geschaut, sind der Natur erlegen, während sich der Nebel zwischen den grandios geformten Etendeka-Bergen langsam lichtete und die Sonne sie in glühende Farben tauchte.

Das Desert Rhino Camp liegt 1.700 Meter hoch auf Vulkangestein. Es gehört zu den elf exklusiven Camps, die das Ökotourismusunternehmen Wilderness allein in Namibia betreibt. Unsere Reise führt uns zu den drei abgelegensten Lodges im Nordwesten des Landes, in nahezu unerschlossene Gebiete des Damaralandes und Kaokovelds.

Die Wilderness-Camps bestehen aus sechs bis acht Zelthäusern und sind jeweils mit kleinen Propellerflugzeugen zu erreichen, Reisebusse oder Geländewagen-Karavanen gibt es nicht. Der Strom wird über Solarenergie gespeist. Handy-Empfang ist selten, das Naturschauspiel umso gewaltiger. Irgendwann knipsen wir auch nicht mehr so oft. „Wenn du nicht andauernd durch die Kamera schaust, bist du mit dem, was du siehst, enger verbunden“, hatte Johann gesagt.

Fährtenlesen am Rand der Skelettwüste

Wilderness unterstützt die Bevölkerung und schützt den Bestand der Tiere. Zum Rhino Camp gehört auch der „Save the Rhino Trust“, eine Tierschutzorganisation, die sich für die Erhaltung des seltenen Spitzmaulnashorns einsetzt – mit dem Geld der Touristen, die sich das leisten können. Wir lernen die Fährten der Dickhäuter lesen, essen gemeinsam, lauschen am Lagerfeuer den traditionellen Gesängen der Mitarbeiter und werden später sicher zu unseren Zelthäusern begleitet. Im Bett gluckert eine Wärmflasche. Unser nächstes Ziel: das Camp Hoanib im Kaokoveld, unmittelbar an der Grenze zur Skelettküste.

Pilot Meik, Herr über eine nostalgische Cessna, zeigt uns den Weg auf der Landkarte. „Dort bläst heute starker Wind. Um den Landestreifen des Camps zu treffen, müssen wir zwischen zwei Bergen hindurch. Das wird knifflig“, erklärt er. Wir atmen tief durch und pressen uns auf die Rückbank. Der Blick auf sanfte Hügel und mäandernde Trockenflüsse beruhigt bald und lässt Hände entkrampfen. Am Ende die beiden Berge: Treffer. Die Maschine hüpft beim Landen, aber rollt dann auf der Sandpiste sanft aus.

Zeltcamp am Wasserloch

Das nach dem Fluss Hoanib benannte Wüstencamp empfängt uns mit Stilsicherheit. Die Architekten haben die Zeltdächer der Behausungen doppelt gespannt und damit eine natürliche Klimaanlage geschaffen – die dazwischen zirkulierende Luft kühlt am Tag und wärmt in der Nacht. Durch Panoramafenster in ihren Zelthäusern können die Gäste Wildtiere beobachten, die die Wasserstelle in der Mitte des Camps aufsuchen. Spuren von Elefanten und Löwen führen dorthin.
 
Campmanager Clement lädt uns in seinen Geländewagen und schon sind wir im 60.000 Hektar umfassenden Naturschutzpark, wo die extrem trockene Namib-Wüste an den rauen Atlantik grenzt. Das Schicksal vieler Schiffbrüchiger gab dieser lebensfeindlichen Küste ihren Namen: Skelettküste. Doch viele Tiere haben sich den Bedingungen angepasst. Der kondensierte Nebel sorgt für Nahrungsquellen, und wenn es in den Hochebenen regnet, füllen sich auch die Wasseradern in hundert Kilometer Entfernung. 

 

Auch wenn der Hoanib-Fluss fast immer trocken ist, hat sich in den Tiefen doch Grundwasser gesammelt. Bäume und Büsche wachsen wundersam aus dem Sand und locken Wüstentiere: Wir sehen Giraffen, die durch karge Mondlandschaften schreiten, Elefanten, die steile Berghänge erklimmen, Bergzebras und Antilopen, die nach Nahrung suchen – ständig auf der Hut vor Löwen, deren von weit her kommende Spuren bis zur Küste führen, wo sie Robben und andere Meeressäuger jagen oder deren Aas fressen.

Schiffswracks an der Skelettküste

Von Clement erfahren wir, dass die namibischen Wüstenelefanten mehrere Meter tief nach Wasser graben können und es drei bis vier Tage lang ohne Wasser aushalten. Prompt kommt ein junger Bulle von der Seite, nähert sich, wild mit den Ohren wedelnd, unserem Auto. Clement setzt es langsam und respektvoll zurück. Mit gereizten Elefanten ist nicht zu spaßen. Lässiger ist der Bulle, der sich nur wenige Meter von uns entfernt auf die Hinterbeine stellt, um mit hochgestrecktem Rüssel an die besten Blättchen einer Akazie zu gelangen.
 
Unser Trip führt uns bis zur rauen Küste, wo wir bei einer Flugsafari den Kontrast zwischen sanft geschwungenen Sanddünen und den brechenden Wellen des Atlantiks, einsame Schiffswracks und Schwärme von rosa Flamingos überblicken. Schroff und schön zugleich. 

Später springen wir in die Fluten des Nordatlantiks – aber nur kurz, das Wasser ist klirrend kalt, die Haidichte hoch. Kurz vor Sonnenuntergang sitzen wir auf einem der gewaltigen Sandsteinfelsen, die aussehen, als hätten Riesen sie arrangiert. Wir fühlen Demut. Und schweigen lange. Der Weiterflug an die nordwestliche Grenze Namibias dauert gut eine Stunde. Hier, an der Grenze zu Angola, hat der Kunene-Fluss eine grüne Oase geschaffen. Die komfortablen Hütten des Serra Cafema Camps am Fuß der Hartmannberge stehen auf Stelzen. Bei einer Bootstour sehen wir Krokodile, die auf warmen Steinen lauern, und Frauen, die auf der angolanischen Seite scheinbar unbekümmert ihre Kleidung im Fluss waschen.

Zahlreiche Sandstürme in der Wüste

In der Nacht schlafen wir beim Konzert der Natur ein: Zikaden schrillen Kreissägen gleich, Frösche quaken im Brautschaurausch, Kriechtiere streifen glucksend durchs Schilf. In der Ferne schreit eine Hyäne. Als wir am Morgen zu unserem Guide Steward in den Geländewagen steigen, wirbelt ein Sandsturm durch die Wüste. Wie ein Schleier legt sich die körnige Luft über die Hütten der Himbas, des letzten (halb)nomadischen Volkes Namibias. Die Hütten sind verwaist. Es bleibt immer länger trocken, die Wüstenstürme nehmen zu. 

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Viele Himbas haben ihre Dörfer verlassen und sind an den Marienfluss gezogen, wo es keine Krokodile gibt, erklärt Steward. „Aber dort ist nicht genug Platz für alle.“ Auch die Tiere leiden. Mehr als 30 Kilometer, erklärt Steward, müssen etwa Antilopen zwischen Gras und Wasser zurücklegen. Zweimal in der Woche wandern die zähen Tiere einen halben Tag lang, um sich mit beidem versorgen zu können.

Auf dem Weg sehen wir Knochen und Hörner von Tieren, die das nicht geschafft haben. Der Sandsturm wird stärker, aber unser Guide lenkt den Wagen sicher durchs Nirgendwo. Plötzlich stoppt er. „Dort“, raunt er und deutet auf einen Dünenkamm. Fast 50 Oryxantilopen haben sich dem Sturm ergeben und ruhen kniend im Sand, die Köpfe in Richtung Fluss gerichtet, ihrem Ziel. „So ein Anblick ist selten“, sagt Steward. „Wir haben großes Glück.“