Das ist ja noch mal gut gegangen! Ein halber Meter noch, und der tonnenschwere Toyota hätte den giftgrünen Winzling überrollt. Doch Sabelo hat alles im Blick und den Fuß schnell auf dem Bremspedal. Wenig später zeigt er uns, was da beinahe unter die Räder gekommen wäre: ein Lappenchamäleon. Es müsse sich auf die Straße verirrt haben, erklärt uns Sabelo. Seit zehn Jahren begleitet er Touristen durch diesen Teil der im Nordosten gelegenen Provinz Kwazulu-Natal. Flora und Fauna bieten hier so viele Wunder, dass davon auch der der Sprache der Zulu entlehnte Name des Nationalparks kündet: iSimangaliso („Wunder“).

Das Revier von Fremdenführer Sabelo umfasst 330.000 Hektar und damit erheblich größer als etwa das Saarland (250.000 Hektar) und gehört mit seinen verschiedenen ökologischen Schutzgebieten seit 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe. Seinerzeit ein Novum für das mit Schätzen der Natur gesegnete Südafrika. Warum, das wird bei der Fahrt durchs hügelige Wunderland, das sich hier als bewaldete Savanne präsentiert, schnell deutlich.

Im Geländewagen über Sandpisten

Die Route beginnt gleich hinter dem beschaulichen Küstenort St. Lucia und führt zum Teil über abenteuerliche Sand- und Schotterpisten abseits der asphaltierten Hauptstrecke. Sabelo stoppt spontan. Mit dem Finger weist er auf drei Kudus, die im Gebüsch Zuflucht gesucht haben. Drei Meter aus dem Stand könnten diese Antilopen springen, erzählt Sabelo, fünf Tage kämen sie auch bei größter Hitze ohne Wasser aus.

Und weiter geht’s. Vor einer Anhöhe entdecken wir eine Herde Zebras auf der Suche nach frischem Gras. In der Luft liegt der betörende Duft der Gelbrinden-Akazien, Marulafrüchte warten in luftiger Höhe darauf, von Elefanten verspeist zu werden. Alles ist friedlich, alles farbenprächtig. Natur im Überfluss. So ähnlich muss es im Paradies gewesen sein.

Der Fahrtwind im offenen Geländewagen macht die Hitze von über 30 Grad erträglich. Und dann noch dieser Ausblick: Sabelos Hand weist ostwärts. Dorthin, wo sich der St.-Lucia-See erstreckt. Wie eine riesige Schlange windet er sich auf seinen rund 60 Kilometern Länge parallel zur Küste, vom Indischen Ozean getrennt durch zum Teil fast 200 Meter hohe Sanddünen. Hier und in den angrenzenden Feuchtgebieten des Parks sind etwa 2.000 Krokodile und rund 1.600 Flusspferde zu Hause – so viele wie nirgendwo sonst im südlichen Afrika.

Naturschutz im Wunderpark

Doch auch das Land der Wunder hat Narben. Auf dem Gebiet des heutigen iSimangaliso-Wetland-Parks erstreckten sich bis vor etlichen Jahren riesige Pflanzungen von Eukalyptus- und Pinienbäumen. Sie wurden gerodet für die Papierindustrie. Nur ein Teil der Flächen wurde bis heute neu bepflanzt.

Und dennoch: Umweltschutz ist auch hier längst ein Thema, das ernst genommen wird. Davon zeugen die sich rasch erholende ursprüngliche Vegetation und  wieder größer werdende Tierbestände. Stolz berichtet Sabelo davon, dass mehr und mehr Einheimische den Park zu ihrer Sache gemacht hätten – auch deshalb, weil dieser mit geregelter Arbeit als Wildhüter oder Bediensteter in einer der Touristenunterkünfte etlichen ein Einkommen sichert. Sie haben damit eine Perspektive jenseits der Armut, die viele Bewohner von Kwazulu-Natal bedrückt.

Unterwegs im ältesten Wildpark Afrikas

Im Park sind wieder Nashörner heimisch geworden, auch das ein Erfolg der groß angelegten Renaturierung. Wir haben mittlerweile den iSimangaliso-Wetland-Park verlassen und sind unterwegs im weiter westlich gelegenen Hluhluwe Game Reserve,  dem ältesten Wildpark Afrikas. Einst jagten hier die Zulu-Könige.

Hier hoffen wir, die Big Five aus der Nähe zu erleben: Nashorn, Elefant, Büffel, Leopard und Löwe. Was für Großwildjäger begehrte Beute war, hat uns zur Fotosafari schon vor fünf Uhr aus dem Bett getrieben. Und wir werden belohnt. Kaum haben wir das Tor zum Park passiert, kommt uns im majestätischen Wiegeschritt ein ausgewachsener Elefantenbulle entgegen. Der sei auf dem Weg zur Wasserstelle, erklärt Sabelo. „Bloß nicht aussteigen aus dem Auto, das kann gefährlich werden“, schickt er als Warnung hinterher.

1.600 Breitmaulnashörner leben im Park

Rund 600 Artgenossen zählt die Population hier. Wir aber sehen immer nur einzelne Tiere. Dafür aber große Büffelherden, die in der kargen, bergigen Landschaft unterwegs zu einem Wasserloch sind. Bei der Giraffenfamilie, die sich das Grün der Bäume schmecken lässt, reicht es immerhin dazu, uns mal neugierig den Kopf zuzuwenden. Dagegen werden wir von zwei Spitzmaulnashörnern, von denen es hier rund 400 gibt, völlig ignoriert.

Im Park leben auch an die 1.600 Breitmaulnashörner, wie Sabelo erklärt. Das hat weltweit kein anderer Park zu bieten. Die Schutzmaßnahmen für die bedrohte Art zeigen Wirkung. Andere Reservate, in die Tiere umgesiedelt werden, profitieren davon.

Und dann noch dies: Etwa 40 Antilopen rasen uns plötzlich entgegen. Vielleicht sind sie auf der Flucht vor einem Löwen, von denen im Park an die 200 leben. Wir können leider keinen Löwen entdecken. Da kann auch Sabelo nichts machen. Wir müssen wohl noch mal wiederkommen.