Wie hört sich Glück an? Vielleicht so wie das Geräusch der gleichmäßig sanft an den Strand rollenden Wellen auf Rügen. Das Rauschen ist durch das Fenster zu hören. Einatmen, ausatmen. Wer diesen Sound der Ostsee im Ohr hat, braucht kein Mantra, um zur Ruhe zu kommen.

Binz im Winter. Du schläfst ein mit dem Glücksrauschen, du wachst damit auf. Und das im Hotel direkt hinter den Dünen. Am Strand laufen die ersten Jogger gegen den Wind an, und die ganz Harten schleppen ihre Kite-Ausrüstung oder Surfbretter zum Strand. Kannst du machen. Kannst du aber auch lassen und dich erst mal in Ruhe stärken, um dann bei einer frischen Brise am Strand entlangzuwandern. Bernstein suchen. Na ja, du kannst es wenigstens versuchen. Muscheln sammeln geht immer. Und ist das hier ein Hühnergott? Tatsächlich, der Stein hat ein kleines Loch. Glück zum Mitnehmen. Kilometerweit erstreckt sich der Sandstrand – im Sommer wie im Winter ein Plus des größten Ostseebades auf der Insel Rügen. Ruhe ist eingekehrt in den im Sommer so quirligen Ort. Hinter den Dünen scheinen auch die schicken blitzweißen Villen im Winterschlaf. Zeit, mal etwas genauer hinzusehen. Die Bäderarchitektur entpuppt sich als lustvoller Stilmix. Du findest Säulen neben gotischen Fenstern, russisch anmutende Holzhäuser, antike Tempelportale und eine Backsteinvilla mit dem Namen Glückspilz. Per Smartphone und QR-Code erfährst du die Geschichte von mehr als 20 Villen, vor einigen Prachtstücken stehen Erklärschilder. Doch spannend wird die Geschichte ja erst mit den kleinen Storys über frühere und heutige Bewohner, Bausünden und Baulöwen. Und diese Geschichten lässt du dir am besten von einem Fremdenführer erklären.

Binz wird auch von Angela Merkel geschätzt

Hartmut Netschas etwa erzählt, dass eine 100-Quadratmeter-Wohnung in 1a- Lage gut und gerne eine Million Euro kostet oder dass die Nixe auf dem Haus Sirene ursprünglich ein Neptun war. Und dass in der schmucken Villa Salve zu DDR-Zeiten Kindergartenkinder betreut wurden. Heute kannst du hier erstklassig wohnen und regional essen.

Das weiß auch unsere Bundeskanzlerin zu schätzen. Angela Merkel lud bereits Monsieur Hollande zum Essen ein, und die deftige Fischsuppe des Hauses hat sie zu ihrem 60. Geburtstag für ihr Büfett in Berlin geordert.

Sanddorn: Schnaps, Seife, Creme

Überhaupt, das Essen. Auch ein Stück vom Glück in Binz. Frisch geräucherter Fisch von Fischer Kruse direkt am Strand? Sterne-Küche? Tapas? Biorestaurant? Hausmannskost? Die Auswahl ist groß und häufig kommen regionale Produkte auf den Tisch.

Wie der Hippophae rhamnoides, eher bekannt als Sanddorn. Oder wie Werbeleute dwegen des hohen Vitamin-C-Gehalts ichteten: Zitrone des Nordens. Produkte der kleinen orangefarbenen Beeren gibt es in jeglicher Form: Saft, Likör, Seife, Salz, Gelee, Bonbons, Creme, Schnaps. Das altehrwürdige Hotel Loev bietet ganze Vitaminbombem-Menüs an. Karotten-Sanddorn-Suppe, Dorschfilet auf Apfel-Sanddorn-Kruste und Sanddorn-Creme im Baumkuchenmantel.

Gut gestärkt und dick eingepackt geht es weiter auf die Kunstmeile. Keramiker, Glas- und Kunsthandwerker haben sich in der Margaretenstraße angesiedelt. Und Lebenskünstler, wie gleich um die Ecke in der Paulstraße Finbarr Corrigan, der „irische Engländer“, der des Bernsteins und der Liebe wegen in Binz gestrandet ist.

Ein Laden voller Bernstein

Sein Laden bietet ein Sammelsurium von Bernstein, Hühnergöttern, Hölzern und Strandgut von „all over the world“, wie Finbarr in seinem kultivierten Denglisch erklärt. Sehr viel Bernstein hat er selbst gesammelt, der größte Klumpen ist faustgroß und wiegt 585 Gramm.

Im Herbst und Winter, wenn hier so mancher Sturm tobt, fährt er nachts mit seiner Frau Yvonne und deren Tochter Tina an den Strand, die drei Keschern und durchsuchen den Seetang nach kleinen oder großen braungelben Steinen. Den Bernstein verarbeitet Finbarr in seiner kleinen Werkstatt zu Schmuckstücken, die Geschichten vom Gold des Meeres gibt es gratis dazu.

Da packt den gemeinen Touristen dann auch schnell das Jagdfieber, doch die Bernsteinfischer nehmen niemanden mit. „Zu gefährlich, da können wir keine Verantwortung übernehmen.“ Natürlich können die Touristen auf eigene Faust suchen. „Aber die Gäste schlafen lieber“, sagt Finbarr.

Recht hat er. Einschlafen mit dem Sound der Ostsee im Ohr. Manchmal braucht es nicht mehr zum Glück.