Schottland: Besonders schön in der Nebensaison

Schottlands Südwesten ist eine der schönsten Gegenden der britischen Insel. Kein Wunder, dass James Bond und Harry Potter hier gedreht wurden. Beste Reisezeit: Die Nebensaison, wenn die Touristen weniger werden. 

Das Castle Stalker nördlich von Oban liegt scheinbar unerreichbar im Wasser.
Wie gemalt: Castle Stalker nördlich von Oban liegt scheinbar unerreichbar im Wasser.

Foto: Visit Britain

Schottland schüttet seinen Tuschkasten aus. Über Lough Linney im Südwesten der schottischen Highlands senkt sich die Sonne und tönt die Landschaft dabei in leuchtende Töne. Das eben noch erdig-grüne Heidekraut der umliegenden Berge erstrahlt plötzlich rotbraun. Die eigentlich trist graue Eisenbahnbrücke, eine von mehreren in dieser Gegend, erhält einen rötlichen Schimmer. Das Wasser im Lough ist ruhig wie in einer Gießkanne.

Und als wenn diese Bilderbuchidylle nicht schon hinreißend genug wäre, grast ein Stück weiter noch eine ganze Herde von Schafen, gänzlich unbeeindruckt von dem, was sich da am Himmel und drumherum abspielt. Schottland wirkt hier im Südwesten der Highlands an diesem Abend wie eine Filmkulisse, die durch einen Instagram-Filter gezogen wurde. Etwas unnatürlich, aber wunderschön.

Das Schönste ist: Die Fortsetzung folgt am nächsten Abend. Und am übernächsten. Und immer wieder. Es sind diese ständig wiederkehrenden Farben, die Fotografen aus aller Welt hier in den Norden Großbritanniens ziehen, auch wenn doch so langsam jeder Winkel, jedes Schaf fotografiert worden sein müsste. 

Viele reisen gleich weiter bis hoch in die nördlichen Highlands. Doch spektakulär ist es bereits hier, knapp zwei Autostunden von der Großstadt Glasgow entfernt. Wer aber braucht angesichts dieser Landschaft eine Großstadt?

 

Oban: Kleines Zentrum der Westküste Schottlands

Oban ist so etwas wie das Zentrum der Westküste. Nicht mal 9.000 Einwohner leben hier, abendlicher Mittelpunkt ist einer der beiden Tresen in Aulay’s Bar am Aird’s Crescent. „Hier habe ich alles, was man braucht“, sagt Paul, ein Angestellter aus einem der umliegenden Geschäfte, nicht unzufrieden. „Und Idylle gleich mit dazu.“

Tagsüber sieht man früher oder später jeden Einwohner ein Stück weiter am Hafenbecken, denn viele leben davon. dass es diesen Hafen überhaupt gibt. Schon vor Jahrhunderten hat er sich zum Ausgangspunkt für Fährverbindungen zu zahlreichen Inseln der vorgelagerten Inneren Hebriden entwickelt. Und dieser Standortvorteil ist geblieben. 

Die Isle of Mull liegt nur einen Sprung mit der Fähre entfernt vor der Oban Bay. Wer schon mal da ist, reist gleich noch zwei Inseln weiter: nach Staffa und Iona. Letztere hat außer ein paar Ruinen kaum etwas zu bieten, dennoch pilgern Reisende bei Wind und Wetter geradezu hierher.

Nordirlands bekanntestes Naturwunder

Die Insel gilt als einstiges Zentrum der keltischen Kirche. Mehrere schottische Könige liegen hier begraben, darunter der durch Shakespeare bekannte Macbeth aus dem 11. Jahrhundert. Staffa ist gewissermaßen das östliche Ende des Giant’s Causeway, Nordirlands bekanntestem Naturwunder: Im Meer setzen sich die prägnanten eckigen Basaltsäulen des Causeway bis nach Staffa fort. Hier tauchen sie wieder auf und bilden den Rahmen für eine zwar kleine, aber nicht minder spannende Insel.

George Stewart hält es mehr mit den Sehenswürdigkeiten an Land. „Wir mögen zwar nur fünf Millionen Einwohner hier in Schottland haben“, sagt der Busfahrer, der gern ganz klischeehaft in einem Kilt mit dem Karomuster des namensverwandten Stewart-Clans auftritt. „Aber im Sommer nicht weniger als 15 Millionen Schafe.“

Die großen weißen Wollknäuel grasen tatsächlich überall: links der Straße, rechts der Straße; teilweise ruhen sie sogar mitten darauf. Sie bilden den passenden Rahmen für das, was Stewart seinen Fahrgästen nur allzu gern zeigt: die schottische Landschaft in all ihren Prachtfarben.

Die Highlands als Filmkulisse

Kinozuschauer können sie immer wieder bewundern. Als sich etwa 2012 James Bond im Film „Skyfall” zum Ort seiner Kindheit aufmachte, zog es ihn direkt in den Westen Schottlands – nach Glencoe. Die Filmcrew baute in der Landschaft am Lough Leven das Geburtshaus Bonds auf und ließ es zum Finale auch gleich wieder abfackeln.

Auch Harry Potter tauchte im „Gefangenen von Askaban” genau hier auf, auch wenn Busfahrer George für Harry-Potter-Fans noch etwas viel Spektakuläreres parat hat: Auf dem Glenfinnan-Viadukt brauste gleich in mehreren Filmen der Hogwarts-Express entlang. Das 1901 erbaute Eisenbahnkonstrukt zählt zu den Höhepunkten der Gegend.

In Bussen karren Veranstalter Reisende aus aller Welt an, damit sie einen Blick auf das tatsächlich beeindruckende Bauwerk erhaschen können. Werbeargument ist längst die Möglichkeit geworden, dieses auch zu berühren.

Und schon die britische Komikertruppe Monty Python zog es in den Achtzigerjahren nach Schottland, der einzigartigen Kulisse wegen. Die Wasserburg Castle Stalker, knapp 30 Kilometer nördlich von Oban, diente als eines der Schlösser im Film „Die Ritter der Kokosnuss“. Im selben Film lachte ein Franzose von Doune Castle aus die Truppe auf der Suche nach dem Heiligen Gral aus. Das Schloss befindet sich in Stirling, rund 50 Kilometer nördlich von Glasgow. 

Die Liste könnte ewig weitergehen: „Highlander“, „Game of Thrones“, selbst der „Da Vinci Code“ und diverse weitere James-Bond-Filme – immer wieder zieht es Filmcrews hierher nach Schottland. Der Schlösser wegen? Der Schafe? Der Schottenröcke? Der Grund dürfte vor allem einer sein: das schottische Farbenmeer.

Schottland: Anreise & Unterkunft

Anreise:
Am mobilsten bist du in Schottland eindeutig mit dem eigenen Wagen. DFDS Seaways bietet eine Fährverbindung von Amsterdam nach Newcastle an. Die Schiffe legen täglich ab. Die Tickets solltest du unbedingt vorab buchen – dann ist es deutlich günstiger. Von dort sind es noch knapp drei Stunden bis Glasgow, knapp fünf bis Oban. Mit dem Flugzeug geht es idealerweise nach Glasgow, dann weiter mit dem Mietwagen. Easyjet fliegt zum Beispiel ab Berlin, Eurowings ab Düsseldorf.

Unterkunft:
Ruhig, an Obans Promenade: The Queens Hotel, Corran Esplanade.
Einfach und modern: Premier Inn, Forthside Way, Stirling.
Edel und zentral: Dakota Deluxe Hotel, 179 West Regent Street, Glasgow.   

Beste Reisezeit:
Frühjahr bis Herbst. Im Winter kann Schnee fallen und es wird früh dunkel – allerdings kommst du dann auch am besten mit Einheimischen ins Gespräch.

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Der Autor
Michael Pohl ist Journalist, Art Director, Großbritannien-Experte und vor allem seit frühester Jugend reiseabhängig. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo ... mehr
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