Das kleine Gerät am Armband zeigt zwei große Ziffern: 90. So schnell rast Helge Bents jetzt mit seinem selbst gebauten Strandsegler über den festen Sandboden vor der Brandung in den Wind. Die fünfeinhalb Quadratmeter Segelfläche, die an seiner Nasenspitze beginnen und sich zum Himmel recken, liefern den Schub. „Wahnsinnig wieder heute“, freut sich der 44-Jährige.

Er mag die Geschwindigkeit, die Kraft des Windes und seinen spielerischen Umgang damit. „Ich war schon mit elf Jahren das erste Mal Strandsegeln“, sagt er später, „da nahm mich mein Onkel mit, und dann bauten wir uns unseren eigenen Strandsegler – aus einem alten Bettgestell mit Schubkarrenrädern.“

Strandsegeln: Ein rasantes Vergnügen

Bents heutiges Gefährt sieht anders aus: eine flache Wanne, etwa 30 Zentimeter hoch und blau-rot lackiert, ein kleines Rad an einer langen Stange vorn, lenkbar per Fußpedal, hinten zwei schräg stehende, rote Tellerreifen an zwei angewinkelten Achsen, und oben ein 2,5 Meter hoher Mast mit Segel. „Das bauen wir hier am Vereinsschuppen alles selbst“, beschreibt der Bootsbaumeister einen Teil der Arbeit des Vereins, den er 1984 selbst mit ins Leben rief – den Strandsegler Club Langeoog.

Ein wenig ähnelt der schnelle Helge jetzt einer Mischung aus Easy Rider und Batman auf Rädern. „Die Geschwindigkeit ist schon irre, und du liegst nur 30 Zentimeter über dem Boden“, beschreibt er seine Art von Glück. Der Strandsegler-Verein, einer der wenigen in Deutschland, hat etwa 40 Mitglieder. Die Hälfte davon ist aktiv dabei.

Drei Stunden Training zwischen Ebbe und Flut

Helge Bents trainiert meist am Strand von Langeoog. „Wir haben höchstens drei Stunden zwischen Ebbe und Flut“, verdeutlicht er das schmale Zeitfenster zum Üben. „Manchmal haben wir morgens um 7 Uhr Niedrigwasser, dann geht’s halt los“, fügt er hinzu und beklagt, dass so wenig junge Leute Spaß an dem Hobby haben. „Vielleicht liegt es an diesen Uhrzeiten“, vermutet er oder am kalten Wasser im Winter. „Wenn ich durch einen Priel fahre, klar, dann läuft mir das Wasser in meine Wanne und spritzt hoch“, erläutert Bents.

Vorsicht! Strandsegler haben keine Bremse

Doch die nur vom Wind und vom eigenen Geschick abhängige Schnelligkeit macht alles wett. Pfeilschnell ziehen die Dreiräder ihre Bahnen, und das oft doppelt so schnell wie der Wind. Er fängt an, das physikalisch zu erklären und meint dann kurz: „Wer Strandsegeln macht, sollte erst den Segelschein haben, dann ist vieles einfacher.“ Für das schnelle Hobby ist ein Pilotenschein vorgeschrieben. Reaktionsschnell musst du schon sein, eine Bremse hat das Gefährt nicht. „Umkippen ist schlecht, dann ist das Gerät meist verbeult“, warnt Bents.
 
Landsegeln hat Tradition: Schon die Ägypter nutzten solche Karren mit Segel in der Wüste zum Transport. In Europa wurden um 1600 die ersten vierrädrigen Nutzsegelwagen eingesetzt. „Seit den Sechzigerjahren praktizieren wir das hier auf den Inseln“, bestätigt Bents, der jetzt seinen Strandsegler säubert und ihm dabei gutmütig auf den Karbonrumpf klopft. „Für die Bereifung nehme ich Mountainbikemäntel“, erklärt er ein Detail seiner Arbeit. „Da wird das Profil heruntergeschliffen, eine Sauarbeit.“ Die 26-Zoll-Reifen sind glatt, was sich beim Anfassen auch so anfühlt. Die großen, roten Felgen hat sich der Bootsbaumeister selbst angefertigt und lackiert.Bents: „Alles Hand- und Maßarbeit.“ Zwischen 6000 und 10 000 Euro kostet ein wettkampffähiges Gefährt. Es ist also kein ganz preiswertes Hobby. Aber der Spaß ist eigentlich unbezahlbar.