Am Anfang, sagt Harry Eslick, hätten die Franzosen bloß müde gelächelt. Schwarze Trüffel in Australien? „Ihr müsst verrückt sein“, hatten die europäischen Feinschmecker gelästert. Harry Eslick atmet tief durch. Dann holt er behutsam eine große schwarze Trüffel aus seiner Hosentasche. „Heute“, sagt er stolz, „heute lachen sie nicht mehr.“
 
Es ist früh am Morgen in Manjimup, tief im Westen Australiens, 300 Kilometer südlich von Perth. Nachts hat es geregnet, Nebel hat sich wie ein Schleier über die welligen Felder gelegt. Harry bittet uns, die Schuhe zu desinfizieren. Reine Vorsicht. Trüffel sind empfindlich und wer weiß, was unter unseren europäischen Sohlen klebt. Dann öffnet er das Tor zum riesigen Anwesen der Wine & Truffle Company. Im firmeneigenen Shop gibt es reichlich Spezialitäten zur Auswahl, wie etwa Trüffelsenf (das Glas für etwa 12,50 Euro) oder Trüffelhonig (12,50 Euro). 

Harry ist Mykologe, ein Pilzforscher. Angetan haben es ihm vor allem die edlen Trüffel. Er führt uns durch kilometerlange Alleen, vorbei an Tausenden Eichen und Haselnusssträuchern, bis hinauf auf einen kleinen Hügel. Von hier aus hat man einen wundervollen Ausblick auf die Umgebung mit ihren unzähligen Weinbergen, den vielen Eukalyptusbäumen und der schmalen Landstraße, die sich durch die Felder schlängelt. Hier, im Bundesstaat Western Australia, zeigt sich das Land von seiner grünen Seite. Rund um Perth haben Gold, Öl und seltene Erden viele Menschen reich gemacht. In Manjimup aber ist all das ziemlich weit weg. Hier haben sie seit jeher von der Land- und Holzwirtschaft gelebt.

Schon der erste Siedler, Thomas Muir, war Holzfäller. Die Natur hat es den Farmern in der dicht bewucherten Gegend mit ihren turmhohen Bäumen nie besonders leicht gemacht – aber sie hat die Menschen mit einem reichhaltigen Boden und mediterranem Klima gesegnet. Auf die Idee mit den Trüffeln sind sie trotzdem erst vor ein paar Jahren gekommen. Damon Boorman, ein Geschäftsmann aus der Region, war Ende der Neunzigerjahre mit Freunden nach Europa gereist, in die französische Weinregion Périgord.

Erste Trüffel nach sieben Jahren

Er staunte nicht schlecht. „Die Landschaft im Périgord sieht genauso aus, wie bei mir in Australien“, verkündete Boorman überrascht. Und da kam ihm die geniale Idee: Wenn sich beide Regionen schon so sehr ähneln, warum sollten dann nicht auch in In Australien die berühmten schwarzen Trüffel wie in Frankreich wachsen? Zusammen mit 21 Geschäftspartnern kaufte Boorman in der Provinz Périgord 13.000 Eichenbäumchen und Haselnusssträucher – jene Pflanzen also, in deren Wurzelgeflecht sich die Trüffel am wohlsten fühlt. 

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Und er ließ sie in Containern nach Australien verschiffen. Dort pflanzte er die Bäumchen und Sträucher auf einer 30 Hektar großen Fläche in Manjimup wieder ein und wartete. Und wartete. Sieben lange Jahre. Bis am 28. Juli 2003, so steht es in der Firmenchronik, Labrador Guinness die erste – immerhin 160 Gramm – schwere Trüffel auf australischem Boden erschnüffelte.

Australiens Trüffelbauern

„Von diesem Tag an“, sagt Firmenchef Alf Salter rückblickend, „waren wir endlich Trüffelbauern!“ Zwölf Jahre später ist daraus schon ein kleines Imperium geworden. Knapp 3.500 Kilogramm Trüffeln werden heute jedes Jahr auf der Farm gesammelt, insgesamt sind es in Western Australia sogar knapp 4,5 Tonnen pro Jahr – nur in Frankreich werden mit geschätzten zehn Tonnen pro Jahr mehr Edelpilze aus der Erde gegraben.
 
Preislich und geschmacklich, sagen Kenner, befinden sich die australische und die französische Trüffel längst auf Augenhöhe. Sterneköche aus der ganzen Welt zahlen bis zu 2.000 Euro für ein Kilogramm Edelpilze. Innerhalb von 22 Stunden werden die „schwarzen Diamanten“ per Flugzeug von Perth über Dubai nach Europa geliefert. Selbst französische Küchen servieren mittlerweile australische Trüffeln.

Der kulinarische Aufschwung Australiens

Die Trüffel ist nur ein Beispiel für den kulinarischen Aufschwung im Westen Australiens. Auch, weil sich die Regierung zum Ziel gesetzt hat , bei den Exporten weniger auf Mineralien, Edelmetalle oder Gas zu setzen. Ein "dining boom" soll den "mining boom" ablösen. Schon jetzt eine Erfolgsgeschichte. Austern aus Albany, Riesengarnelen aus Exmouth oder Esskastanien aus Pemberton werden immer häufiger in den teuersten Restaurants von Sydney bis Melbourne. 

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Hinzu kommen Hunderte erstklassige Wein-, Bier-, Cider- und Whiskeysorten. „Restaurant Australia“ heißt die Kampagne, mit der die Regierung in den kommenden Jahren Appetit auf einen Urlaub in Down Under machen will. Überall in der Region werden das ganze Jahr über sogenannte Food-and-Wine-Festivals gefeiert, unter anderem das „Taste Great Southern“ im Februar und März, das „Truffle Keruffle“ im Juni und das „Margaret River Gourmet Escape“ im November.

Grüner Tee aus Manjimup

In Manjimup wollen sie es dabei aber nicht belassen und planen schon das nächste große Ding: grünen Tee. Derzeit testet die westaustralische Regierung den Anbau von verschiedenen Teesorten. Die Bedingungen, so heißt es, sind vielversprechend. Manjimup liegt im gleichen Abstand zum Äquator wie klassische Teeanbaugebiete auf der nördlichen Erdhalbkugel. Auch die jährliche Niederschlagsmenge, die Durchschnittstemperatur und die Bodenbeschaffenheit sind ähnlich. Gut möglich also, dass der Westen Australiens bald auch den Teemarkt erobert.