Dieses norwegische Schlittenhunderennen ist hart

Das musst du selbst erleben. Aber hier gibt's einen Vorgeschmack auf das Finnmarksløpet, das härteste Schlittenhunderennen Europas in Nordnorwegen.

Unterwegs in der Kälte: Hanna und ihre Schlittenhunde beim Rennen in Norwegen.
Unterwegs in der Kälte: Hanna und ihre Schlittenhunde.

Foto: Stefan Stosch

Hunderte stehen Spalier für Hanna und ihre Hunde. Die Zuschauer in der ersten Reihe strecken die Hände über die Absperrung, lachend klatscht Hanna ihre Fans ab. Die sechs Huskys, angeführt von den Leithunden Single und Timotei, stürmen begeistert voran. Endlich dürfen sie das tun, wozu sie geboren sind: laufen, laufen, laufen. Die aufpeitschende Musik aus den Riesenlautsprechern scheint Zwei- und Vierbeiner gleichermaßen anzufeuern.

Volksfeststimmung herrscht in Alta, der mit knapp 20.000 Einwohnern größten Stadt in der nordnorwegischen Provinz Finnmark. Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Nordkap, im Sommer schieben sich Blechlawinen über die Europastraße 6. In Altas Zentrum ist im März bei den üblichen Minusgraden sonst nicht viel los, an diesem Wochenende schon. Finnmarksløpet startet, das längste und härteste Hunderennen Europas und das nördlichste der Erde.

Hanna (rechts) ist mit Schlittenhunden groß geworden.
Hanna (rechts) ist mit Huskys großgeworden. Foto: Stefan Stosch

1.500 Huskys beim Schlittenhunderennen

Für Norwegen ist das ein Ereignis, über das auch das Fernsehen im fernen Oslo berichtet. Rund 150 Mushers, wie die Schlittenhunde-Führer heißen, begeben sich jedes Jahr auf die bis zu 1.000 Kilometer lange Distanz, mehr als 1.500 Hunde hetzen durch den Schnee. Die Teilnehmer kommen aus ganz Europa, auch aus Deutschland.

Sobald Hanna die weit verstreuten Holzhäuser der Küstenstadt hinter sich lässt, ist sie auf dem menschenleeren Finnmark-Plateau auf sich gestellt, allein mit ihren Huskys und der Notfallausrüstung auf dem leichten Rennschlitten – GPS-Gerät, Ersatzkleidung, Schlafsack, Windplane, Lebensmittel, Hundefutter, Leuchtraketen.

Mehr als ein ganzer Fahrtag und 200 Kilometer liegen in der Juniorenkonkurrenz vor ihr. Die ganze Zeit wird sie auf den Schlittenkufen stehen, bei Steigungen abspringen, um ihren Huskys die Arbeit zu erleichtern.

Mit Schlittenhunden großgeworden

Am Abend treffen die Informationen vom ersten Checkpoint ein: Hanna hat einen Vorsprung von rund zehn Minuten herausgefahren. Ein paar Stunden in der Nacht darf sie in einer Berghütte schlafen. Aber zuerst muss sie die Hunde mit Futter und Stroh versorgen, ein Veterinär begutachtet die Tiere. Bald schon geht es für Hanna wieder raus in Einsamkeit und bitterkalte Nacht.

Beim Rennen zwei Jahre zuvor musste Hanna wie die meisten anderen Teilnehmer auch in den Bergen ausharren. Ein Sturm war überraschend aufgekommen, das Rennen musste abgebrochen werden. Nach Stunden fand ein Rettungsteam Hanna. Im Jahr darauf wurde sie Zweite. Und jetzt will die 16-Jährige endlich gewinnen.

Unterwegs beim Schlittenhunderennen in Nordnorwegen.
Unterwegs beim Schlittenhunderennen in Nordnorwegen. Foto: Stefan Stosch

Hat Mutter Trine Lyrek Angst um die Tochter? Trine lacht: „Hanna hat ein unbändiges Durchhaltevermögen.“ Das gilt ebenso für die Mutter: Trine ist in Alta schon die Ultra-Distanz gefahren und auch in Alaska beim legendären Iditarod-Rennen ins Ziel gekommen – der mit rund 1.800 Kilometer längsten Schlittenhunde-Konkurrenz überhaupt. 

Die Töchter Hanna und Emma sind mit Huskys groß geworden. „Ich konnte einen Hundeschlitten steuern, bevor ich laufen konnte“, hat Hanna am Tag zuvor erzählt. Und ihre Schwester erinnert sich, dass sie die im Sommer geborenen Welpen wie Puppen angezogen hätten – was es dann umso leichter gemacht habe, diese später ans Geschirr zu gewöhnen.

Tausende Kilometer Training vor dem Finnmarksløpet

Mehr als 60 Hunde leben auf der Husky-Farm der Familie Lyrek, eine Viertelstunde mit dem Auto von Alta entfernt und idyllisch am Fluss Alta gelegen, den Angler wegen seines Lachsreichtums rühmen. Jeder Hund hat seine eigene Hütte mit Namen an der Holzwand. Da stehen auch seltsame Namen: Pudding, Brûlée, Panna oder auch Cotta. Es ist wohl nicht immer ganz leicht, sich bei so vielen Hunden neue Namen einfallen zu lassen, und das hier war eben der Wurf zum Nachtisch.

Jeder Husky ist begierig darauf zu rennen. Auf dieses Ziel hin sind sie aus vielen Rassen gezüchtet worden, tausende Kilometer trainieren sie vor dem Finnmarksløpet. Kommen die Hunde ins Rentenalter, werden sie an Familien verkauft. Der eine oder andere darf bleiben. Einen Hundefriedhof gibt es auch auf Hannas Hof.

Fahrt auf einem Hundeschlitten durch Nordnorwegen.
Selbst einmal auf einem Hundeschlitten stehen. Das können Touristen in Nordnorwegen testen. Foto: Stefan Stosch

Manchmal stimmen die Huskys das große Heulen an, dann verstehst du dein eigenes Wort nicht mehr. Aber davon sollte sich niemand abschrecken lassen: Die Tiere freuen sich über jeden Besucher, der auf eine Streicheleinheit vorbeischaut. Touristen, auch von den Kreuzfahrtschiffen, machen hier Schnupperkurse als Musher. Sie bekommen ihr eigenes Gespann zugewiesen und leinen die Hunde eigenhändig vor die Holzschlitten. Da kann man sich schon mal verheddern, die Hunde tragen’s mit Geduld.

Alleine unterwegs in Taiga und Tundra

Für sie sind die Touristentouren sowieso nur Spazierfahrten mit Ungeübten, die gelegentlich in den tiefen Schnee purzeln, wenn es im Lärchenwald allzu rasant um die Kurve geht. Die Hauptaufgabe für Anfänger besteht darin, das Tempo per Boden-Bremse zu drosseln.

Bei längeren Stopps empfiehlt es sich, einen Anker über Bord zu werfen: Die Hunde laufen auch ohne Gast weiter. Hast du den Dreh halbwegs raus, bekommst du eine Ahnung davon, wie das ist: alleine unterwegs in Taiga und Tundra. Nur das Kratzen der Kufen und das Hecheln der Hunde sind dann zu hören.

Hanna und ihre Huskys spurten beim Finnmarksløpet begeistert los – gefeiert von den Fans im Zentrum von Alta
Hanna und ihre Huskys spurten beim Finnmarksløpet begeistert los – gefeiert von den Fans im Zentrum von Alta Foto: Stefan Stosch

Hanna ist inzwischen zurück Richtung Alta, wo sie vor mehr als 24 Stunden gestartet ist. Ihren Vorsprung hat sie noch weiter ausgebaut. Und dann hat sie die Stadt erreicht, biegt auf die Zielgerade ein. Irgendjemand hat der designierten Siegerin eine Norwegenflagge in die Hand gedrückt.

Tiefe Ringe haben sich unter Hannas Augen eingegraben. Aber sie lacht immer noch, und auch die Hunde traben zielstrebig voran. Aus den Lautsprechern dröhnt wieder die Musik – so wie es in den nächsten Tagen und auch Nächten immer wieder der Fall sein wird. Die Ultra-Fahrer werden erst in gut einer halben Woche erwartet.

Nächstes Ziel: Iditarod-Rennen in Alaska

Als die Ziellinie passiert ist, gilt Hannas erster Dank ihren Huskys: Jeder einzelne wird gedrückt. Mutter Trine hat ein paar fette Stücke Lachs für die Tiere mitgebracht. Die Reporter, die ein paar Meter weiter weg mit ihren Mikrofonen stehen, müssen warten: Die Versorgung der Hunde geht vor.

Hanna hat es geschafft, sie hat den Finnmarksløpet gewonnen, aber das nächste Ziel schon vor Augen: In ein paar Jahren möchte sie wie ihre Mutter auch beim legendären Iditarod-Rennen in Alaska starten.

Hin & weg

Anreise: Die Fluggesellschaften SAS oder Norwegian bieten Flüge über Oslo nach Alta an.

Rennen: Das nächste Finnmarksløpet-Rennen startet am 11. März 2017 mitten im überschaubaren Zentrum von Alta. 

Unterkünfte: Zu empfehlen sind Lodges mit eigenem Husky-Rudel im Umkreis von Alta. Dort kannst du deine eigenen Fähigkeiten als Hundeschlittenlenker testen – und bekommst mit etwas Glück auch die Vorbereitungen der Rennprofis mit. Alternativ: Thon Hotel Alta mit direktem Blick auf die Rennstrecke.

Dicke Schneedecke auf zwei Hüttendächern in Nordnorwegen
Idyllisch: Dicke Schneedecke auf zwei Hüttendächern in Nordnorwegen. Foto: Stefan Stosch

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Der Autor
Stefan Stosch, RND-Redakteur, ist mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking gefahren, mit dem Expeditionsschiff in die Antarktis, mit dem Huskyschlitten durch Norwegen und mit ... mehr
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