Karla, die junge Wirtin vom „Las Fumarolas“, räumt die letzten Flaschen „Barena“ in den Kühlschrank. Dann schweift ihr Blick über den Tresen der holzgezimmerten Hafenkneipe hinaus auf das offene Meer, wo sich schemenhaft die ersten Konturen eines amerikanischen Kreuzfahrtschiffes abheben. Kaum zu glauben, dass die meisten Besucher nach ein paar Stunden schon wieder weg sind. Aber umso schöner für die, die bleiben.
 
Mit ihr wartet schon eine Reihe anderer Einheimischer auf der Veranda der „Sports- und Video-Bar“, die auf einem Steg ins Hafenbecken gebaut ist: Taxi-Fahrer, Reiseführer und Tauchlehrer. In gut einer Stunde wird das Schiff angelegt haben und seine Passagiere zum Landgang entlassen – der Höhepunkt der Woche auf der kleinen Insel Roatán.

Das Inselparadies hat nur wenige Touristen

Roatán ist nur 60 Kilometer lang, acht Kilometer breit und gehört zum Land Honduras in Zentralamerika. Die Insel liegt auf der Atlantikseite des Landes und gehört zu den „Islas de la Bahia“, die, 65 Kilometer dem Festland vorgelagert, in der karibischen Sonne glitzern. Traumhaft schön – und immer noch so gut wie nicht bekannt in Deutschland.
 
Nur rund 250.000 Besucher zählt das Inselparadies pro Jahr, obwohl es über einen eigenen kleinen Flughafen verfügt. Der größte Teil der Touristen aber sind immer noch Tagesausflügler wie die von dem US-Schiff, die gerade von Karla mit rhythmischer Punta-Musik begrüßt werden. Der Rest überwiegend Tauchbegeisterte, die es zum Belize Barrier Reef zieht, dem zweitgrößten Korallenriff der Welt.
 
Über 350 Fischarten tummeln sich in den glasklaren Gewässern zwischen Kolonien von Geweihkorallen. Darunter viele Rochen und Zackenbarsche, was besonders die Angler unter den Kreuzfahrern interessiert, die sich bei Karla jetzt erst einmal mit ein paar Flaschen „Barena“-Bier für ihren „Fishing-Trip“ eindecken.
 
Andere haben die Wanderschuhe angezogen und versammeln sich um Miguel, einen jungen Reiseführer. Er führt sie gleich in die Wälder des Bergkamms, der sich über die gesamte Insel erstreckt. „Grün, Grün, so viel Grün!“, soll Christoph Columbus ausgerufen haben, als er 1552 zum ersten Mal den Boden der Insel betrat und den Dschungel sah.
 
In den Bäumen dort tummeln sich Äffchen und bunte Papageien, umschwirrt von Tausenden Kolibris. Die letzten Taxis sind weg. Langsam kehrt wieder Ruhe ein an der Hafenmole von Coxen Hole, der Hauptstadt von Roatán. Wobei „Hauptstadt“ etwas übertrieben klingt: Coxen Hole ist ein Städtchen mit knapp 5.000 Einwohnern und die Hauptstraße überwiegend von Holzhäusern umsäumt.

West Bay Beach: Ein Strand zum Träumen 

Noch kleiner ist das „Urlaubszentrum“ West End Village, wo sich die meisten Tauchschulen angesiedelt haben. Genauso wie am West Bay Beach, dem beliebtesten Badestrand der Insel, gruppieren sich hier um ein paar Hotelanlagen überwiegend einfache, aber oft sehr charmante Gästehäuser. In denen kannst du für unter 30 Euro übernachten.

Auch die Preise in den gut ausgestatten Hotels halten sich (noch) in Grenzen. Sie schwanken zwischen 50 und 150 Euro. Und dass Roatán unter deutschen Urlaubern so gut wie nicht bekannt ist, siehst du auch, wenn du dir die einschlägigen Hotelführer im Internet anschaust: Zu den meisten Hotels gibt es nur wenige oder gar keine Kommentare.
 
Allzu lange wird das nicht mehr so sein. Die Besucherzahlen auf Roatán steigen stetig. Und schon gibt es immer häufiger Plakate auf der Insel, die die Bevölkerung und die Touristen dazu aufrufen, die Umwelt zu schützen und zu erhalten. „Wir haben viele Jahre verschlafen und hinken dem modernen Tourismus immer noch hinterher“, sagt Miguel, der Dschungelführer.
 
„Aber das hat auch sein Gutes gehabt. Wir konnten aus den Fehlern anderer lernen und haben erst gar keine Hochhäuser und Bettenburgen aus Beton gebaut. Unsere Insel ist noch intakt. Und wir müssen alles tun, um den kleinen Schatz, den wir besitzen, auch weiterhin zu schützen.“