Seit Jahrzehnten zieht es Hunderttausende Urlauber auf das Eiland im Wattenmeer, das sich immer wieder neu erfindet. Doch seit wenigen Jahren vollzieht sich dort ein stiller Wandel – Norderney positioniert sich als Marke mit gehobenem Anspruch. Natürlich gibt es im Sommer noch die klassischen Familienurlauber, doch außerhalb der Hauptsaison kommen immer mehr Gäste, die hauptsächlich Erholung suchen und dabei auf nichts verzichten wollen.

"Viele unserer Gäste machen ihren Jahresurlaub woanders und kommen nur für ein paar Tage auf die Insel, um mal auszuspannen und es sich gut gehen zu lassen“, sagt Nils Klimek, der zusammen mit seiner Frau Insa das Hotel Inselloft führt – eine Zeile von vier Häusern aus dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die entkernt, behutsam saniert und neu aufgebaut wurden. Verbunden sind die Gebäude durch eine überdachte Veranda.

Das Inselloft: Norderneys neuer Tourismus

Das Hotel, das 2012 eröffnet hat, steht bis heute wie kaum ein anderes Haus für das neue Norderney. Auf eine Klassifizierung wurde bewusst verzichtet, dafür setzt es auf Design und nennt sich Konzepthotel, auf Klimeks Visitenkarte steht nicht Geschäftsführer, sondern Gastgeber.

Denn im Inselloft ist tatsächlich vieles anders als in Hotels herkömmlichen Zuschnitts: Die 34 Zimmer unterscheiden sich alle, das Restaurant heißt Esszimmer, es gibt ein „Wein & Deli" (ein kleines Restaurant mit Weinverkauf), eine Bäckerei, einen Shop für Accessoires und natürlich den obligatorischen Spabereich. 

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Doch den eigentlichen Unterschied macht der Ton. Sätze wie „Wie geht es euch, habt ihr gut geschlafen?“, „Falls ihr irgendwelche Wünsche habt, lasst es uns wissen“ oder auch nur ein einfaches: „Schön, dass ihr da seid“ zeigen den Grundgedanken auf, auf dem das Konzept ruht – der Gast wähnt sich unter Freunden, rückt im Esszimmer an den einfachen Holztischen näher zusammen und unterhält sich in der Küche mit den Köchen.

Dass im Hintergrund alles hochprofessionell abläuft, ist selbstverständlich. Schließlich hat Klimek sein Handwerk gelernt – im Hilton Ras Al Khaimah, im Grand Hyatt in Berlin oder auch im Adlon Kempinski. Auch wenn Norderney ein anderes Geläuf ist als die Vereinigten Arabischen Emirate oder die deutsche Hauptstadt, weiß Klimek, was seine Gäste erwarten.

Kreativküche im Watt

Das weiß auch Felix Wessler, der die Küche des Hotels unter sich hat. Der 26-Jährige lebt seit sieben Jahren auf Norderney und hat im Inselloft so etwas wie seine Bestimmung gefunden. Dass nebenan im Hotel Seesteg – es gehört derselben Bremer Unternehmerfamilie – mit Markus Kebschull ein echter Sterne-Koch werkelt, ficht Wessler nicht an. „Die haben da ein ganz anderes Konzept als wir.“ 

Großartig: Frische Pasta in Rote Beete Sud mit Garnelem und Ananas. Respekt. #norderney #inselloft

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Wesslers Idee ist das sogenannte Foodpairing, also die Verbindung von Lebensmitteln, die auf den ersten Blick völlig gegensätzlich erscheinen, Obst und Fleisch, Süßes und Fisch. „Ich bevorzuge eine einfache, kreative Küche, wir bringen Essen mit Freunden auf den Tisch.“ Sätze wie „mit Essen spielt man nicht“ oder „wir wollen den Gast jeden Tag überraschen“ kommen dem jungen Koch federleicht über die Lippen, überhaupt ist der gute Mann ein Kommunikationstalent, der sich mit seinen Gästen über Gott und die Welt unterhalten kann und sichtbar Freude daran hat.

Norderneys neue Ausrichtung

Dass der Gast für das Hotel- und Gastronomiekonzept dann doch ziemlich tief in die Tasche greifen muss, versteht sich. Doch es ist genau diese Klientel, die Norderney in den vergangenen Jahren für sich entdeckt hat. Ein bisschen Sylt darf sein?! Davon will man auf der Insel nichts wissen. Kein Chichi, keine Schickimickis. Lieber jung und dynamisch. Zwar hat man 2014 mit 513 000 Besuchern einen neuen Rekord hingelegt, doch die Aufenthaltsdauer hat sich verkürzt. „80 Prozent der Gäste kommen alleine oder zu zweit“, sagt Kurdirektor Wilhelm Loth. Sie bleiben nicht so lange, geben dafür aber mehr aus – was am Ende der Insel zugutekommt. Um noch mehr betuchte Kundschaft nach Norderney zu bringen, ist ein Fünf-Sterne-Hotel mit Kongresszentrum in Planung.

Ein weiteres wichtiges Standbein für die Insel gibt es quasi gratis und hat Norderney zum ältesten Nordseeheilbad Deutschlands gemacht: Meerwasser, salz- und jodhaltige Luft, Schlick und Schlamm. Wenn aus diesen Komponenten eine Therapie entwickelt wird, die nachweislich gegen bestimmte Atemwegs- und Hauterkrankungen hilft, kostet es dann doch etwas, kann aber bei entsprechender Indikation über die Krankenkasse abgerechnet werden.

Baden bei drei Grad – ohne Erkältung

Klimatherapeutin und Ernährungswissenschaftlerin Julia Ristow nutzt das Klima für ihre Patienten, um „Reize zu setzen“. Das allerdings ist nicht immer bequem, denn am aerosolhaltigsten, also am gesündesten, ist die Luft in der Brandungszone. Das heißt: raus aus den Klamotten und rein ins Wasser, selbstredend auch im Winter bei drei Grad und eisigem Ostwind. Für die Spaziergänger auf der Uferpromenade ist es jedes Mal ein Schauspiel, doch das Ergebnis spricht in vielen Fällen für sich: Training für das Immunsystem, deutliche Verbesserungen bei Asthma, chronischer Bronchitis, Neurodermitis oder Schuppenflechte. Die 32-jährige Therapeutin versichert, dass sich noch nie jemand erkältet hat.

Die Thalassotherapie, wie die alten Behandlungsmethoden mittlerweile unter einem modernen Begriff zusammengefasst werden, hat auf der Insel einen so hohen Stellenwert, dass das „bade:haus“, also das Hallenbad, rund um den Heilgedanken konzipiert wurde, es jedes Jahr mit erheblichen Mitteln runderneuert und auf den neuesten Stand bringt. Denn spätestens 2020, so das gesteckte Ziel, soll sie Europas bekannteste Thalasso-Insel sein.

Leberwurst mit Krabben als Urlaubssouvenir

Dass sich mit der Marke Norderney gutes Geld verdienen lässt, zeigt auch das Beispiel von Harald Deckena. Der 52-Jährige besitzt die letzte von einstmals sieben Fleischereien auf der Insel. „Die anderen haben aufgehört oder aufgegeben. Aber wir haben uns spezialisiert, wir sind eine kleine Manufaktur und wollen den Namen Norderney transportieren, damit die Leute ein Stückchen Insel mit nach Hause nehmen können.“ Deckenas Erfindung sind die Nordseesalami oder der Meersalzschinken. Natürlich luftgetrocknet: „Denn wir haben hier eine so tolle Luft, da braucht man keinen Rauch mehr drauf zu klatschen.“  Das Rezept zieht, der Mann von der Insel verkauft die Wurstwaren über seinen Onlineshop in ganz Deutschland.

Eine andere Produktschiene ist Fertiges im Glas, etwa die Leberwurst mit Nordseekrabben. „Das war Zufall“, gibt Deckena zu. „Die Sachen waren da, wir haben sie zusammengemixt, und ich habe die Idee anfangs für völlig bescheuert gehalten.“ Inzwischen hält er sie für nicht mehr so bescheuert, die Leberwurst ist ein Renner. Mittlerweile besitzt Deckena drei Filialen und zwei Boutiquen auf Norderney und erwägt, sein Geschäft auf die Nachbarinseln auszuweiten. Das Siegel „hergestellt im Weltkulturerbe Wattenmeer“ müsste sich schließlich auch auf Borkum, Juist oder Spiekeroog verkaufen lassen.

Solche Überlegungen interessieren den Besucher normalerweise wenig. Er genießt die Natur, lässt sich Thalasso-therapieren und trifft sich abends am nordwestlichen Zipfel der Insel an der Milchbar, um staunend mitzuerleben, wie die Sonne im Meer versinkt. Denn die Sonnenuntergänge vor Norderney, das schwören die Insulaner, gehören zu den schönsten auf dieser Welt. Und die gibt es trotz der gehobenen Ansprüche garantiert noch umsonst. 

#norderney #sunset

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