Wir haben Uhren. Sie haben Zeit. Im Schatten eines Eukalyptusbaumes in Alice Springs sitzen Doreen, Nora und ihre Kinder vor ihrem Haus. Die dunkelhäutigen Frauen in T-Shirts und Röcken haben Leinwände vor sich auf dem roten Wüstensand. Reiseleiter Phil hat uns gewarnt. Scheu seien die Ureinwohner. Auf keinen Fall fotografieren. Nicht in die Augen sehen. Und nicht die Hand geben.

Wir beobachten Nora, die mit ruhiger Hand eine weiße Linie an die andere schmiegt. Fotos? Kein Problem. Nora posiert. Ihr Bild, das für uns wie ein schlichtes Muster aussieht, erzählt die Geschichte einer Zeremonie ihres Stammes. Eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nora singt und tanzt für uns. Und Doreen präsentiert ihr jüngstes Bild.
 
Etwa 50 Aborigine-Frauen malen für das Kunstzentrum in Alice Springs, mit 27.000 Einwohnern die einzige größere Stadt im Umkreis von 1.500 Kilometern im Outback. Das Many Hands Art Centre vermarktet die Bilder. Etwa die Hälfte der Einnahmen erhalten die Künstler, der Rest wird für Management, Material und unterschiedliche Aktivitäten verwendet. Es ist – wie in vielen anderen Orten im Outback – Anlaufpunkt, Arbeitgeber, sozialer Treffpunkt für die Ureinwohner.
 
Und natürlich interessant für den Tourismus. Die meisten Kunstzentren sind für private Gäste offen, für den Besuch mancher Aborigine-Communitys ist allerdings eine Genehmigung nötig. Mehrere Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, Touristen die alte und neue Kultur der Ureinwohner nahezubringen. Phil Taylor von „Way Outback“ macht das seit einigen Jahren. Unser Reiseleiter, Fahrer, Koch, Bäcker, Feuerwachmann und Sternenhimmelerklärer ist Mitte 50 und mit Aborigines aufgewachsen. Doch selbst ihm gelingt es nicht immer, zwischen den Ureinwohnern und den weißen Gästen zu vermitteln.

Rainbow Valley: Tourismus als Chance

Einige Künstlerinnen signalisieren deutlich, dass sie mit uns nicht sprechen möchten. Andere Aborigines sehen den Tourismus als Chance, ihre Kultur zu erhalten, so wie Ricky Orr, den wir etwa 80 Kilometer südlich von Alice Springs im Rainbow Valley treffen.

Die vielfarbige Felsformation ist eine der großen Touristenattraktionen im Outback und ein heiliger Ort von Rickys Vorfahren. Das Land gehört jetzt wieder seinem Stamm. Ricky erklärt die heilende oder auch berauschende Wirkung der Pflanzen im Outback und die Zeichnungen, die seine Vorfahren im bunten Sandstein hinterlassen haben. Die dürfen allerdings auf keinen Fall fotografiert werden – er selbst weiß sich vor dem Valley in Szene zu setzen.

Das ist der Spagat. Einerseits wollen die Ureinwohner ihre heiligen Stätten schützen, andererseits bringen Touristen Geld. Nirgends wird das deutlicher als am Uluru, früher bekannt als Ayers Rock, der australischen Touristenattraktion Nummer eins. Dem wichtigsten Ort der Ureinwohner, denen das Land inzwischen wieder gehört. Hier begann für sie die sogenannte Traumzeit – ihre Schöpfungsgeschichte, die das Woher und Wohin beschreibt und deren Geschichten sich bis heute in den Bildern der Aborigines wiederfinden. Der Grat zwischen Traumzeit und Zeitgeist ist schmal.

Fotografieren und Besteigen des Felsmassivs wird von den Aborigines zwar nicht gern gesehen, aber geduldet, denn Tausende Touristen bringen dem Nationalpark einen zweistelligen Millionenbetrag. Vom feinen Hotel bis zum Camp gibt es hier für jeden Geldbeutel Unterkünfte. Hubschrauberflüge, Wanderungen, Kamelritte zum Allerheiligsten gehören längst zum Marketing wie auch ein abendliches Dinner an weiß gedeckten Tischen vor der spektakulären Kulisse des feuerrot schimmernden Berges bei Sonnenuntergang.

Sound of Silence nennt sich das Event. Den Klang der Stille haben wir gratis beim nächtlichen Kampieren in der Wüste – einem Teil des Outback-Programms. Gegen 18 Uhr dämmert es bereits. Sonnenaufgang und -untergang bestimmen den Tagesablauf. Also wozu Uhren? Phil steuert eine Feuerstelle weit abseits der Straße an. Kein Ort, nirgends. Roter Sand, Büsche, trockenes Gras. Wir rollen unsere Swags, große Schlafsäcke, auf dem Sand aus, tragen trockenes Holz zusammen. Phil macht Feuer, backt Brot in einem Topf auf der Glut, zaubert einen Kartoffelauflauf, Salat und grillt saftige Steaks.
 
Ende Oktober ist es auch abends noch angenehm warm. Lodernde Flammen, Stille, über uns das Sternenleuchten – mehr Australien geht nicht. In der ersten Nacht im Swag beschwört noch jedes Geräusch abenteuerliche Träume, doch spätestens nach der dritten Nacht im Outback hast du dich daran gewöhnt. Schlangen, Käfer, Skorpione haben kein Interesse an deutschen Touristen. Doch ohne einen Guide solltest du dich hüten, irgendwo im Nirgendwo allein auf der nackten Erde zu kampieren.
 
Was wir außerdem lernen: dass du besser nicht nachts durchs Outback fährst, weil einem sonst andauernd – ups – Kängurus vors Auto hüpfen. Dass Schuhe unter den Schlafsack geschoben werden, damit sich keine Krabbeltierchen darin einnisten.

Auf den Spuren der Aborigines

Nach drei Tagen Outback und Hunderten Kilometern auf roten Staubstraßen, auf denen einem manchmal stundenlang außer Kängurus, Kühen und Kamelen niemand begegnet, ist Sydney fast ein Kulturschock. Doch auch in Australiens Metropole kannst du auf den Spuren der Aborigines wandeln. 1788 entstand hier die erste englische Siedlung auf dem Kontinent – der Beginn von brutaler Vertreibung und Diskriminierung der Ureinwohner.
 
Zu Weltruhm hat es das Bangarra Dance Theatre gebracht, das die Geschichte und traditionellen Tänze der Ureinwohner in Szene setzt. Im botanischen Garten gibt es spezielle Führungen über Heilpflanzen, Werkzeuge und Instrumente der Ureinwohner. Und Benowee, eine emanzipierte Aborigine-Nachfahrin, bietet Stadtführungen zum Thema der Ureinwohner an. Benowee hat studiert. Ihr Sohn geht in Sydney auf eine katholische Schule, wird aber von den Verwandten auf dem Land in die Traditionen seiner Vorfahren eingeweiht.
 
Die Welten schnurren zusammen, auch natürlich durchs Internet. Willkommen in der Traumzeit 2.0. Das Bild, das Doreen unterm Eukalyptusbaum gemalt hat, zeigt das Many Hands Art Centre online. Und für 950 Dollar kaufen – falls es noch nicht verkauft ist.