Dicht hängen die tiefblauen Trauben an den Rebstöcken, die zum Weingut Matarromera nahe Valbuena de Duero gehören. Auf 120 Hektar gedeihen hier in langen Reihen die roten Tempranillo-Trauben. Nach Monaten und Wochen schönsten Herbstwetters soll die Temperatur in den nächsten Tagen umschlagen – jetzt wird es höchste Zeit für die letzte Ernte. Bevor am nächsten Tag dafür die Profis anrücken, dürfen sich die Touristen in Sachen Weinlese versuchen. 

Juan Fernandez Segovia drückt jedem ein Körbchen und eine Rebenschere in die Hand. „Nur die Trauben an den unteren Zweigen nehmen“, rät der Matarromera-Mitarbeiter und erklärt den unkundigen Erntehelfern, worauf sie achten müssen, damit nur die beste Qualität im Körbchen landet. Zum Beispiel, dass der Stiel der Traube nicht holzig-braun, sondern sattgrün aussehen muss. Dass beim Entfernen der Rispen immer ein Fetzchen Fruchtfleisch hängen bleiben sollte und – besonders wichtig – dass die Form der Traube eine große Rolle spielt. 

Weinbau hat lange Tradition in Kasilien-Leon

750.000 Flaschen Wein produziert die Kellerei bei Valbuena, die in der Region noch sechs weitere Bodegas und eine Destillerie betreibt. Wie viele weitere auf der Weinroute in Kastilien bietet sie Besuchern regelmäßige Führungen und Verkostungen an. 

Der Weinbau hat eine jahrhundertlange Tradition in der Region Kastilien-Léon. Die dünn besiedelte Gegend, etwa zwei Autostunden von Madrid entfernt, ist von der Landwirtschaft geprägt: Für mehr als 100 Kilometer bestimmen Getreidefelder das Landschaftsbild.

Dem Duero, mit knapp 900 Kilometern drittlängster Fluss der Iberischen Halbinsel, der sich durch den Nordwesten Spaniens und den Norden Portugals schlängelt, verdankt die Ribera-del-Duero-Weinroute ihren Namen. Werden hier in erster Linie die roten Tempranillo-Trauben angebaut, ist die Route Rueda eines der wenigen europäischen Weinanbaugebiete, die sich auf den Anbau von Weißwein spezialisiert haben. Hier reift die Verdejo-Traube, die dank der klimatischen Bedingungen auf den lehmigen Böden besonders gut gedeiht.

Weinprobe unter der Erde

In dem kleinen Örtchen La Seca führt Mathilde de Caix durch die Bodega „Campo Eliseo“. In dem zehn Meter unter der Erde liegenden Weinkeller unterhalb des schmucken Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert wird aus Verdejo-Trauben in glänzenden Stahltanks, Barrique-Fässern und eiförmigen Betonbehältern in komplizierten Gärungsprozessen edler Wein. Bei einer anschließenden Verkostung mit feinem Serrano-Schinken und würzigem Manchego-Käse aus der Region können die Besucher fasziniert feststellen, wie sich die Reifung in den unterschiedlichen Behältern auf den Geschmack des edlen Tropfens auswirkt. 

Am frühen Sonntagmorgen ist das Städtchen Tordesillas wie ausgestorben. Der hoch über dem Ufer des Duero gelegene 9.000-Seelen-Ort in der Provinz Valladolid ist von großer historischer Bedeutung: Nach einem Schiedsspruch von Papst Alexander VI. wurde im Jahr 1494, zwei Jahre, nachdem Kolumbus die Neue Welt entdeckt hatte, die Welt mit dem  „Vertrag des Tordesillas“ in zwei Hälften aufgeteilt. Eine große schwarze Steinskulptur ziert den Platz vor der Stadt: Die Gegend rund um Tordesillas ist auch für die Züchtung von Kampfrindern für den Stierkampf bekannt. 

Weinberge der Muelas: „Goldener Wein“

Inmitten der sehenswerten Altstadt des mittelalterlichen Städtchens, unweit der zentralen Placa de Mayor, liegt die Bodega „Muelas“. Seit ihrer Gründung im Jahr 1886 ist sie in Familienbesitz. Der kleine, mit antiken Möbeln eingerichtete Verkaufsraum ist über und über mit Flaschen bestückt. An den Wänden hängen Gemälde mit Motiven von der Weinlese, die der Familienvater gemalt hat und die hier gekauft werden können.

Tochter Reya bietet zudem selbstdesignten Modeschmuck, bei dem sie sich von Trauben und Weinstöcken inspirieren ließ, zum Verkauf an. Im Mittelpunkt steht aber natürlich der Wein selbst: In den Weinbergen der Muelas reifen auf fünfeinhalb Hektar Tempranillo-Trauben für die Rot- und Roséweine sowie auf einem halben Hektar die Verdejo-Trauben für den berühmten fruchtigen Weißwein.

Bei einer Führung durch den historischen Weinkeller tauchen die Besucher tief in die Wissenschaft der Weinproduktion ein. So erfahren sie zum Beispiel, dass heute leichtere Weine gefragt sind, bis in die späten Siebzigerjahre dagegen eher schwere Weine und Süßweine bis zum Likör in der Gegend populär waren. Der sogenannte „Goldene Wein“, den schon der Ururgroßvater der Familie produziert hat, ist heute die Spezialität der Muelas. Der süße und schwere Wein wird noch heute in kleinen Mengen in der historischen Bodega produziert. 

Weinkellereien größtenteils in Familienbesitz

Wie bei den Muelas sind viele Weinkellereien seit Jahrzehnten, mitunter seit Jahrhunderten, in Familienbesitz. Manche produzieren pro Jahr hunderttausend Flaschen des Rebensaftes, andere nur eine kleine Menge. Das zur Provinz Valladolid gehörende Dorf Mucientes auf der Route Cigales hat nur rund 700 Einwohner – aber unter den Häusern des Örtchens verbergen sich fast 200 Bodegas. Die alten Weinkeller werden bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr genutzt – könnten aber wieder aktiviert werden. 

Die Bodega „La Cueva“ am Ortsrand ist auf den ersten Blick ein kleines Restaurant, doch wer die vielen steilen Treppenstufen in den Keller hinabgeklettert ist, kommt aus dem Staunen nicht heraus: In den verzweigten Gängen des historischen Weinkellers aus dem 16. Jahrhundert reiht sich Raum an Raum. Das Restaurant, das so köstliche Spezialitäten wie zartes Milchlamm, Rinderspieße vom Grill, Serranoschinken oder Schafskäse mit Membrillo, einer würzigen Quittenpaste, serviert, bietet Platz für rund 700 Gäste.

Die kommen an manchen Wochenenden tatsächlich hierher, denn für große Familienfeiern reisen die Gäste auch aus der weiteren Umgebung ins „La Cueva“ an.

Auch der beschauliche Ort Valoria la Buena hat nur knapp 700 Einwohner, und Besucher kommen aus der weiteren Umgebung, um ihre Familienfeste zu feiern. In der Posada Concejo Hospederia, einer Burganlage aus drei Jahrhunderten, hat Enrique Concejo ein kleines, aber feines Restaurant eröffnet, bietet 14 individuell eingerichtete Hotelzimmer zum Übernachten sowie einen großen Saal an. Vor sieben Jahren hat der 44-Jährige beschlossen, seinen Job bei einer Fluggesellschaft in Madrid an den Nagel zu hängen und noch einmal neu anzufangen.

Er renovierte die Burg, die schon zum Teil in Familienbesitz war, nach und nach und machte daraus eine ganz besondere Gästeunterkunft. „Alle im Dorf haben mich für verrückt erklärt und gewettet, dass ich nach einem halben Jahr aufgebe“, sagt Concejo. „Das ist jetzt sieben Jahre her.“ Und er hat schon die nächsten Pläne: eine Bodega in den Weinbergen.