Radtour durch die unendliche Weite Südafrikas

Wer Südafrika mit dem E-Bike erkundet, sieht einfach mehr – und muss weder Wind noch Steigungen fürchten.

Die E-Biker sind auf der Kap-Halbinsel unterwegs
Dank elektrischer Unterstützung fällt das Trampeln leichter. Bei einer 13-tägigen Radtour durch Südafrika eine echte Hilfe.

Foto: Michael Zgoll

Auf diese Idee musst du erstmal kommen. E-Bike-Fahren in Südafrika. Gibt’s da überhaupt Radwege? Selten. Sind Fahrräder auf den Straßen am Kap zu Hause? Nein. Und kannst du mit einem Pedelec auf Safari gehen? Sicher nicht. Also Thema durch? Keineswegs.

Das Berliner Spezialreisen-Unternehmen Lernidee hat mit seiner neuen Marke Belvelo ein besonderes touristisches Angebot geschaffen: ungewöhnliche Radtouren in der Komfortzone. Und das weltweit. In Kambodscha und Costa Rica. In Chile, Neuseeland oder Marokko. Und in Südafrika. Wir wollten wissen, wo das hinführt. Und sind in die Pedale getreten.

Unterwegs mit kleiner Gruppe

Bei unserer Tour ist die Teilnehmerzahl auf zwölf Personen beschränkt. Reiseleiter Jens Deister will seine Herde ja nicht verlieren im Asphaltdschungel. Zwölf ist zudem eine gute Zahl, wenn die Gruppe zu Fuß unterwegs ist. Im botanischen Garten Kirstenbosch in Kapstadt. Im spektakulären Cango-Tropfsteinhöhlensystem in den Swartbergen. Auf dem toskanisch anmutenden Weingut Morgenhof in Stellenbosch. Oder auf der Straußenfarm nahe Oudtshoorn, wo wir junge Riesenvögel kurz vor dem Schlüpfen bestaunen.

Mit dem Fahrrad durch Südafrika

Bei einer Radtour durch Südafrika siehst du mehr als die gängigen Sightseeing-Spots, bekommst feines Essen und hast kontrollierte Bewegung. Außerdem bekommst du politische und naturkundliche Hintergrundinfos.

Zwölf ist auch die Zahl der Tour-Teilnehmer, die im begleitenden Kleinbus Platz finden, und ein Dutzend E-Bikes passt bei der Überbrückung großer Distanzen auf den Hänger. So läuft‘s.

Die Innenstadt von Kapstadt, spätestens zu Rushhour-Zeiten ein Garant für endlos aufgestaute Automassen, ist ebenso wenig Radlerland wie viele andere Gegenden im Großraum der 4-Millionen-Metropole am Atlantik. Und überflüssig sind die Pedelecs natürlich auch bei der Seilbahnfahrt auf den 1.086 Meter hohen Tafelberg, der uns – wolkenfrei – mit einem fantastischen Weitblick über Stadt und Strände beglückt.

Oder beim Schlendern durch das historische Hafenviertel oder beim Rundgang durch den Kirstenbosch-Park. Die gepflegte Anlage, die zum Weltnaturerbe zählt, stellt etliche der 18.000 Pflanzenarten zur Schau, die ausschließlich in Südafrika sprießen.

Mit dem Rad ins älteste Township Südafrikas

Doch dann kommen die Räder zu ihrem Recht. Wir begeben uns auf eine Tour vom schicken Weißen-Wohnviertel Pinelands zum ältesten Township Südafrikas. Zunächst rollen wir an feinen Villen, die von violett leuchtenden Jacaranda-Bäumen eingerahmt sind, vorbei. Die Grundstücke sind sorgfältig vergittert und weisen mit Schildern auf Alarmanlagen und bewaffnete Wachdienste hin. Entschleunigt auf zwei Rädern nimmst du viel mehr Details wahr als aus dem Auto- oder Busfenster.

Dann folgt der größtmögliche Kontrast, nur wenige hundert Meter entfernt. 50.000 Einwohner leben in dem von Ausfallstraßen und Eisenbahnlinie eingekesselten Township Langa, das der älteste Slum im Lande ist und vor rund 90 Jahren entstand.

Zwei Kinder im Township Langa in Kapstadt präsentieren voller Stolz ihre Fahrräder.
Zwei Kinder im Township Langa in Kapstadt präsentieren voller Stolz ihre Fahrräder. Foto: Michael Zgoll

Unter kundiger Führung von Nathi Gigaba, einem hier lebenden schwarzen Anwalt, radeln wir durch den Distrikt; in den Abendstunden sollten Weiße diese Gegend aber besser meiden. Wir sehen zahllose Elendshütten und Läden in abgewrackten Schiffscontainern. Beobachten das pulsierende Leben in der Brettersiedlung. 

Persönlicher Einblick in das Leben im Township

Beim Mittagessen in einer einheimischen Familie sprechen wir mit Gemeinwesen-Mitarbeiter Vusi Mandindi, der seit 50 Jahren in Langa lebt. Ja, sagt er, das Bauprogramm der Regierung mit dem schrittweisen Abriss der primitiven Hütten und dem systematischen Aufbauen von einfachen Steinhäusern habe schon Früchte getragen, ebenso wie der Bau eines kleinen Einkaufscenters. „Aber das öffentliche Bildungssystem in Südafrika ist immer noch eines der schlechtesten der Welt“, klagt Mandindi. Die Arbeitslosigkeit in Langa liege bei rund 40 Prozent. 

Eine Frau vor Elendshütten im Township Langa in Kapstadt.
Eine Frau vor Elendshütten im Township Langa in Kapstadt. Foto: Michael Zgoll

Ebenso wie Tourguide Deister kann der Aktivist stundenlang erzählen von den Schrecken der Apartheid. Von den hoffnungsvollen Neunzigern mit dem Amtsantritt von Nelson Mandela. Und der Ernüchterung, die spätestens mit dem Selbstbedienungspräsidenten Jacob Zuma eingekehrt ist.

Zwei Millionen Farbige, 1,5 Millionen Schwarze und eine halbe Million Weiße leben derzeit im Großraum Kapstadt, Tendenz steigend. Doch trotz einer inzwischen respektablen Zahl farbiger und schwarzer Mittelschichtler, sagt Deister, lägen 90 Prozent des südafrikanischen Volksvermögens immer noch in der Hand von Buren und Engländern. Und dass sich ein Land mit elf offiziell zugelassenen Sprachen nur schwer zu einer Einheit formen lässt, liegt auf der Hand. 

Mit dem Pedelec Richtung Kap der Guten Hoffnung

Am nächsten Tag zeigen unsere elektrisch unterstützten Bikes ihre Stärken auch auf anderem Terrain, der Halbinsel Richtung Kap der Guten Hoffnung. Der Wind tut das, was er in dieser Gegend häufig tut – er bläst kräftig. Auch das hügelige Auf und Ab in karger Fels- und Buschlandschaft lässt uns Dankbarkeit verspüren, dass wir auf dieser 50-Kilometer-Etappe auf externe Energiereserven zurückgreifen können.

Während ihrer Tour in Südafrika sind die Radfahrer auch auf der Kap-Halbinsel unterwegs.
Während ihrer Tour in Südafrika sind die Radfahrer auch auf der Kap-Halbinsel unterwegs. Foto: Michael Zgoll

Treten müssen wir natürlich trotzdem, und am Ende des Tages zeigen die schmerzenden Oberschenkel, dass E-Bike-Fahren auch ein wenig mit Sport zu tun haben kann. 

Südafrika: Fahren auf der linken Seite

Ein Picknick in einer verschlafenen Bucht und ein Pavian, der den Touristen geduldig Modell steht, sind die Extras dieses Ausflugs. 

An das Fahren auf der linken Straßenseite haben wir uns erstaunlich schnell gewöhnt, doch sicherheitshalber sollte man sich an Kreuzungen und Einmündungen dreimal mehr umdrehen als gewohnt. Dass es in südafrikanischen Weiten nur selten separate Radwege gibt, ist auf den spärlich befahrenen Straßen in den Nationalparks zu verkraften.

Die Küste auf der Kap-Halbinsel am Kap der Guten Hoffnung
Die Küste auf der Kap-Halbinsel am Kap der Guten Hoffnung. Foto: Michael Zgoll

Die meisten Autofahrer haben den Urlaubsgang eingelegt, überholen uns Radtouristen ohne Eile und mit respektvollem Abstand. Und auch in kleineren Orten wie dem bezaubernden Unistädtchen Stellenbosch, das uns auf stillen Sträßchen mit seinen Häusern nach kapholländischer Art in den Bann zieht, weisen unsere Pedelecs ihre Existenzberechtigung nach. 

Garden-Tour: 250 Kilometer im Sattel

Ein besonderes Vergnügen für das Team E-Bike ist es, wenn es im Begleitfahrzeug hinaufgeht in die Swartberge – und auf dem Sattel in die Ebene hinab. Dann verlieren auch 27 Grad im Schatten, die Ende November – im afrikanischen Frühsommer – ganz normal sind, ihren schweißtreibenden Schrecken. 

Rund 250 Kilometer sitzen wir während der 13-tägigen Garden-Tour auf dem E-Bike-Sattel. Das ist locker zu schaffen. Das Ziel ist Port Elizabeth, rund 800 Kilometer östlich von Kapstadt gelegen.

Unser Fazit: Wer im wunderschönen Südafrika mehr sehen will als die gängigen Sightseeing-Spots, wer feines Essen und kontrollierte Bewegung ebenso schätzt wie politische und naturkundliche Hintergrundinfos, ist mit dieser Tour auf gutem Weg.

Tipps zur Reise nach Südafrika

Einreisebedingungen
Reisende brauchen einen Pass, der im Anschluss an die Rückreise noch mindestens einen Monat gültig ist. Impfungen sind nicht vorgeschrieben, auch bei einer Tour durchs südliche Südafrika ist keine Malariaprophylaxe erforderlich.

Beste Reisezeit
Die wenigsten Regentage verzeichnen die Monate Oktober bis März, im südafrikanischen Frühling (von Oktober bis Dezember) sind die Temperaturen am besten auszuhalten.

Kosten
Die Preise für den 13-tägigen Urlaub mit dem Reiseveranstalter Lernidee schwanken (inklusive Flug) zwischen 3.495 und 3.695 Euro pro Person, abhängig von der Reisezeit. Eingeschlossen im Preis sind Fahrradmiete und alle Transfers, eine Deutsch sprechende Reiseleitung, die Eintrittsgelder für alle Tourziele sowie Frühstück und Mittagessen. Die Teilnehmerzahl beträgt mindestens sechs und höchstens zwölf

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Der Autor
Michael Zgoll, HAZ-Lokalredakteur und Gerichtsreporter. Ist mit seinen 61 Jahren schon durch viele Staaten in Asien, Afrika, Amerika und Europa gereist. Schätzt die Ostsee inzwisch ... mehr
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