Sprichst du zufällig Schwedisch? Dann bist du in Engelberg genau richtig. Hier sprechen nämlich fast alle Schwedisch. Und bist du Freerider? Auch dann ist Engelberg genau das Richtige für dich. Denn in diesem kleinen, aber famosen Skigebiet in der Zentralschweiz gelten Sportler mit Carvingski schon fast als Exoten.

In den vergangenen Jahren hat sich der Ort mit den vielen Jugendstil-Bauten zu einem internationalen, nicht mehr ganz so geheimen Geheimtipp für Off-Piste-Skifahren entwickelt. Besonders in Schweden kann niemand als Freerider gelten, der Engelberg nicht kennt. Ein Teil des Personals in den Bars und Hotels kommt aus Schweden, und in manchen Häusern – wie im gemütlichen Hotel Hoheneck – kann sich der Gast nur auf Englisch verständigen.

Das Skigebiet Engelberg: Interessant, aber überschaubar

Oder eben auf Schwedisch. Wieso Engelberg gerade in Skandinavien so populär ist, kann Janicke Svedberg nicht genau sagen. „Es hat sich über die Jahre so entwickelt“, sagt die Leiterin des örtlichen Tourismusbüros. Eine Schwedin. Und eine Freeriderin.

Das Skigebiet von Engelberg ist interessant, aber überschaubar. Die Möglichkeiten, auf den Hängen außerhalb der Pisten zu fahren, sind dagegen vergleichsweise riesig. Das bringt für den Ort nicht nur Vorteile mit sich. Mit der Anzahl der vogelfreien Skifahrer und Snowboarder steigt das Risiko von Unfällen in unkontrollierten Gebieten. Freaks mit GoPro-Kameras auf den Helmen stürzen sich lawinengefährdete Hänge hinunter, ohne die Gefahr abschätzen zu können.

Deshalb gibt es in Engelberg ein bemerkenswertes Angebot: ein kostenloses Lawinentraining und einen Tag Freeriden mit einem Bergführer, der Technik, Gefahren und die Besonderheiten des Gebiets vermittelt. Ein solches Paket kostet eigentlich einen dreistelligen Betrag. „Wir mussten einfach unserer Verantwortung gerecht werden“, sagt Svedberg, „alle Hotels sind angewiesen, ihre Gäste auf dieses Angebot aufmerksam zu machen.“

Der Titlis überragt alles

Einer der Off-Piste-Guides des Ortes ist Daniel Perret. Schon früh ist er an diesem Morgen mit seiner Gruppe zur Gipfelstation des 3.239 Meter hohen Titlis – des alles überragenden Berges im Gebiet – gefahren. Er kennt den Weg zwischen den Gletscherspalten und weist seine Gruppe an: „Mir nach – niemand fährt hundert Meter rechts oder links von mir!“

Als Boris, ein französischer Könner, auf der Jagd nach einem jungfräulichen Hang oberhalb der Gruppe fährt, fordert Daniel ihn auf zu warten, bis die Gruppe weitergefahren ist – weil Boris ein Schneebrett lostreten könnte, das die ganze Gruppe unter sich begräbt.

Der 28-jährige Daniel ist ein zurückhaltender, freundlicher Sonnyboy, der wie eine Feder über den Schnee zu fliegen scheint – und übrigens fließend Schwedisch spricht. Wenn er aber eine Gefahr wittert, duldet seine Tonlage keinen Widerspruch. Nach diesem Tag mit ihm hat jeder in der Gruppe verstanden, wie gefährlich es ist, sich außerhalb der Pisten zu bewegen – und wie genussvoll.

Skifahren auf unberührten Hängen

Denn Daniel führt seine Gruppe zu spektakulären Passagen, wie der steilen „Gaf“-Route im Steinberg-Gletscher unterhalb des Titlis-Gipfels. „Gaf“ bedeutet sinnigerweise „Ganz am Fels“ – und das ist wörtlich gemeint. Und Daniel führt die Gruppe zu unberührten Hängen. 20 Minuten harter Aufstieg am Jochstock werden mit einer kilometerlangen Abfahrt zum Engstlensee belohnt: Ein Teilnehmer nach dem anderen surft durch den Tiefschnee talwärts und schreibt seine Spur in das makellose Weiß. Berauschend.

Ernüchternd ist dagegen der Lawinenkursus. Die Sicherheitsausrüstung hat jeder dabei – ohne Lawinensuchgerät, Klappschaufel und Suchsonde darf niemand in freies Gelände. Daniel erklärt, wie sich die Gruppe verhalten muss, wenn jemand von einer Lawine erfasst und verschüttet wird. Wie alle ihre Lawinen-Piepser auf den Suchmodus umstellen. Wie ein Gruppenmitglied die Rettung autoritär und entschlossen organisieren muss. Wie die Sucher das Detektorsignal richtig deuten und sich in der Lawine bewegen. Und mit welcher Technik sie am schnellsten den Verschütteten ausgraben.

Viel Zeit bleibt nicht: In den ersten 15 Minuten liegt die Chance, ein Opfer lebend zu bergen, bei 92 Prozent. Dann sinkt sie rapide. Ein Helikopter mit Rettungsteam braucht oft 20 Minuten, bis er am Unfallort ist – daher ist es lebenswichtig, dass sich die Gruppe richtig verhält.

95 Prozent der Skiunfälle auf der Piste

Trotz der Gefahren, die außerhalb der markierten Strecken lauern, geschehen allerdings 95 Prozent der Skiunfälle auf den Pisten, erklärt Christoph Bissek, Sicherheitschef der Engelberger Bergwelt. Während aber ein normaler Skiunfall den Medien keine Zeile wert ist, wird über jedes Lawinenunglück europaweit berichtet, sagt Bissek. „Das ist ein ähnliches Phänomen wie bei einer Haiattacke. Sie ist extrem selten, aber durch die Medienberichterstattung glauben viele Menschen, sie sei die größte Gefahr, die das Meer bereithält.“ Allerdings haben Lawinen und Haiangriffe eine weitere Gemeinsamkeit: Beide sind akut lebensgefährlich.

Von all der Dramatik – und den Glücksgefühlen, die Wintersportler in Schnee und Eis erleben, bekommen die vielen Asiaten, die Engelberg besuchen, wenig mit. Sie kommen in den Ort, weil hier am Titlis berühmte Bollywood-Filme gedreht wurden – und weil ein Chinese in einer Felsformation einen Buddha erkannt haben will. So ist bei gutem Wetter die Panoramaterrasse der Titlis-Gipfelstation voll mit Asiaten, die in dem beeindruckenden Schweizer Gipfelmeer den „Titlis-Buddha“ suchen und sich gegenseitig fotografieren.

Engelberg – dieser kleine Ort hält noch viele weitere kuriose Geschichten bereit. Zum Beispiel die von Kurt Mathis, der einen eigenen Sessellift am Haldigrat betreibt. Mathis wirft in der Gipfelhütte den Motor an, wenn ein Gast von der Talstation aus anruft. Ein Geheimtipp für Freerider – denn präparierte Pisten gibt es am Haldigrat nicht. Geschichten ranken sich auch um den Nachtklub Spindle und das Hotel Ski Lodge. Frag einfach das Personal, wenn du mal da bist. Am besten auf Englisch – oder auf Schwedisch.