Eine Regenwaldschule auf Sumatra, ein Orang-Utan-Rehabilitations-Zentrum auf Borneo: Beispiele, die zeigen, dass Wissenschaftler und Urlauber gemeinsam der bedrohten Natur und Tierwelt helfen können. Immer mehr Forschungsstationen öffnen Besuchern und Touristen die Türen ihrer Lodges.
 
„Nicht die Erhaltung einer einzelnen Tierart wie die der Orang-Utans ist uns wichtig. Erst der nachhaltige Schutz seines Lebensraums macht die Anstrengungen sinnvoll“, sagt Dr. Peter Pratje (Zoologische Gesellschaft Frankfurt) und stellt damit fest: Nicht nur die vom Aussterben bedrohten Orang-Utans müssen gerettet werden. Es geht auch um uns!
 
Das Leben hatte Unyil seine schrecklichste Fratze gezeigt: Angekettet an einen Feigenbaum steckte das ausgewachsene Orang-Utan-Weibchen noch immer in dem Käfig, in den es als Baby gesperrt worden war: Arme und Beine der 13-jährigen waren längst durch die rostigen Gitterstäbe gewachsen, die ihren Rumpf wie ein Korsett umschlossen. Ihr Kinn lag auf der Brust. Den Kopf zu heben, ließ ihr Gefängnis nicht zu. Sie spuckte häufig Blut.

Orang-Utan-Schutzprogramm rettet Unyil

Dabei hatte Unyil ihrem Besitzer, einem Oberst der indonesischen Armee, jahrelang Freude bereitet: Sie hatte Zigaretten geraucht, Alkohol getrunken und war danach zur Belustigung seiner Kumpane durch ihren Kot gestolpert. Dass die Männer ihre Zigaretten auf ihrer Brust ausdrückten, auch dies hatte Unyil ertragen müssen – bis zum Tag ihrer Rettung. Ein Mitarbeiter eines Orang-Utan-Schutzprogrammes entdeckte das sterbende Tier, befreite es mit einer Eisensäge. Unyil hatte beide Käfighälften noch um Oberkörper und Unterleib, als sie sich reckte, ihre Arme hob und ihren Retter weinend umarmte.
 
Bukit Tigapuluh im Herzen der indonesischen Insel Sumatra. Ein 145.000 Hektar großer Nationalpark, auch „Gebiet der 30 Hügel“ genannt. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt betreibt hier eine professionelle Auswilderungsstation für Orang-Utans, die wie Unyil nie lernen durften, in Freiheit zu leben, zu überleben. 

Das Camp liegt mitten im Dschungel, versteckt zwischen bis zu 60 Metern hohen Tropenbäumen. Riesige Käfiganlagen stehen hier für mehr als zwei Dutzend Tiere, die sich in diesem geschützten Raum erholen können und dann Schritt für Schritt auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden. Dazwischen stehen Labore, Geräte- und Wohnhäuser. Es gibt weder fließendes Wasser noch Strom. Dafür Blutegel, gefühlt 100 Millionen Mücken und Luft, die die Kleidung wie Klarsichtfolie am Körper kleben lässt.

Diese Augen ließen mich nicht mehr los

Szenenwechsel, aber das gleiche Problem. „Den Blick in Uces Augen werde ich nie vergessen“, erzählt Dr. Willie Smits. „Es war auf dem Markt in Balikpapan. Auf einmal hielt mir jemand einen kleinen Käfig vors Gesicht, aus dem mich die traurigsten Augen anblickten, die ich je gesehen habe. Ein Händler wollte mir diesen jungen Orang-Utan verkaufen. Ich ging nach Hause, doch diese Augen ließen mich nicht mehr los. Deshalb kehrte ich abends zu dem Markt zurück und fand den kleinen Orang-Utan dort im Dunkeln auf einem Misthaufen. Der Händler hat ihn als 'verdorbene Ware' weggeworfen. Ich nahm das Orang-Utan-Mädchen mit nach Hause, steckte ihr einen Strohhalm in die Kehle, damit sie atmen konnte, und massierte sie 24 Stunden. Ich habe ihr den Namen Uce gegeben.“
 
Dieses Affenbaby war der Beginn des Orang-Utan-Rehabilitationszentrums, der „Borneo Orangutan Survival Foundation“ (BOS, www.orangutan.de), die der Holländer Smits 1991 in Wanarist gründete. Heute ist die Organisation das größte Primatenschutzprogramm der Welt. Inzwischen beschäftigt BOS über 600 indonesische Mitarbeiter und bietet der Bevölkerung wirtschaftliche Alternativen zum Raubbau an der Natur. Nur vor diesem Hintergrund ist der neue Ökotourismus zu verstehen. Und auch nur deshalb hat der berühmte Primatenschützer seine Öko-Lodge für Touristen geöffnet. Seit mehr als 20 Jahren kämpft der Holländer inzwischen in Indonesien für die Orang-Utans.
 
Während es nach Schätzungen vor 100 Jahren weit mehr als 320.000 Exemplare gab, leben heute nur noch etwa 18.000 Tiere in Freiheit. Durch die Zerstörung der Urwälder hat sich ihr natürlicher Lebensraum in den letzten 20 Jahren um 80 Prozent reduziert.

Samboja-Lodge im Herzen der Aufforstungsstation

Sprung in den Regenwald auf die Insel Borneo. Das Gästehaus „Samboja-Lodge“ ist aus recyceltem Material und liegt im Herzen der Aufforstungsstation. Rund 80 Euro kostet die Nacht, ohne viel Luxus, aber dafür mit viel Arbeit. Zum Beispiel bei der Aufforstung.
 
Öko-Touristen lernen natürlich auch viel über Pflege und Auswilderung beschlagnahmter oder verletzter Orang-Utans. Direkter Kontakt zwischen Mensch und Tier soll aber vermieden werden – zu groß ist die Gefahr, dass Krankheiten übertragen werden. „Schau, das kann man essen“, sagt eine Pflegerin. Sie nimmt das Blatt eines Baumes zwischen die Zähne. Und reicht dem Affenmädchen, das sich an sie klammert, ein zweites. So recht weiß die Kleine mit dem grünen Leckerbissen nichts anzufangen. Ihr ist das Fläschchen lieber. Doch ewig wird ihre indonesische Ziehmutter sie nicht mehr damit füttern.
 
Kesi muss die Lektionen in der Waldschule Samboja Lestari schnell lernen und selbstständig werden. Nur dann hat sie eine Chance, jemals wie ein Orang-Utan zu leben – frei und hoch oben in den Wipfeln von Indonesiens Urwäldern. Die kleine Kesi ist einer von 850 Orang-Utans, die aus thailändischen Vergnügungsparks, illegalen Tiermärkten, Bordellen und privaten Haushalten konfisziert wurden, und derzeit in einem der Rehabilitationszentren der BOS leben. Bis zu ihrer Auswilderung werden die Waisen des Waldes von rund 100 einheimischen Frauen vom Volk der Dajak mit Flasche und Windeln aufgepäppelt. Sie pflegen die kleinen Affen wie ihre eigenen Kinder. Nur lehren sie sie nicht lesen oder schreiben, sondern wie man auf Bäume klettert und sich im Dschungel ernährt.
 
Und die Touristen auf der Öko-Lodge lernen mit: Wer den Orang-Utan schützt, schützt auch den Regenwald und seine überwältigende Artenvielfalt. Regenwaldschutz bedeutet auch Klimaschutz. Tieflandregenwälder sind für das Weltklima von großer Bedeutung. In den bis zu 20 Metern starken Torfböden sind riesige Mengen Kohlendioxid gespeichert, die bei Rodung freigesetzt werden. Touristen, die die BOS unterstützen, leisten so nicht nur etwas für die Tier- und Pflanzenwelt vor Ort, sie engagieren sich auch als Klimaretter. Für uns alle.