134 Kilometer pro Stunde. An den Top-Speed von Ski-Superstar Lindsay Vonn in der jüngsten Abfahrt in Lake Louise kann sich Conor McKeown genau erinnern. Der Skilehrer steht im Steilstück vor dem Coaches-Corner, einer tückischen Rechtskurve, bevor die Läufer ins Ziel brettern. Im alpinen Skizirkus hat der Ort gut 200 Kilometer nordwestlich der Olympiastadt Calgary seinen festen Platz.

Während in Europa im November die ersten Schneekanonen anlaufen, hat hier schon die Saison begonnen. Und das zum größten Teil mit Naturschnee. Zeit für eine Einkehr in eine der urigen Holzhütten, die Temple-Lodge, die ihren Namen zu Ehren des mächtigen Mount Temple trägt. Mit seinen 3.547 Metern ist er einer der höchsten Gipfel in dieser Region der kanadischen Rocky Mountains – und mit seiner schroffen Form auch ein Blickfang für jeden, der von Lake Louise das Bergpanorama genießt.

Freeriding und Top-Pulverschnee in Alberta

Partyatmosphäre wie in Ischgl – das ist eine andere Welt. In der Temple Lodge, wie in den allermeisten anderen Hütten an Kanadas Pisten, geht es entspannter, gemütlicher zu. Bei einem Bison-Burger und Country-Musik erzählt McKeown, warum immer mehr Europäer das Besondere der Rockys suchen.

Am Lake Louise warnen Schilder vor Lawinengebieten.
Am Lake Louise warnen Schilder vor Lawinengebieten. Foto: Philipp Lackner

„Es ist der Schnee“, meint der Sunnyboy aus Edmonton. So trocken ist er und pulvrig, dass es kaum möglich sei, einen Schneeball daraus zu formen. Die Voraussetzung für ein außergewöhnliches Fahrgefühl. Und: „Die Möglichkeit zum Freeriding abseits der präparierten Pisten.“

Wer sich auf solches Terrain begibt, sollte sich seiner Sache sicher sein. Denn zumeist sind diese Strecken recht steil und nichts für Anfänger. Darauf weisen auch die Warnhinweise mit der Aufschrift „Double-Diamond-Black“, also ziemlich schwierig, hin. Hinein geht es auf eigene Gefahr. Die Abfahrten werden auf Lawinen und sonstige Gefahren kontrolliert. Wer sich also geübt auf zwei Brettern bewegt und etwas Mut mitbringt, riskiert hier nicht unbedingt Kopf und Kragen – sondern kann es ganz legal genießen, das „Champagne Powder“.

Auf 2.300 Metern Seehöhe in Lake Louis

Der „Top of the World Express“ bringt Gäste in Lake Louise auf gut 2300 Meter Seehöhe. Ein Blick in die Ferne lässt an der schier unendlichen kanadischen Weite und Unberührtheit der Natur teilhaben. Zwischen dichten Tannenwäldern und Bergketten schlängelt sich eine einzige Straße durch den Banff- und den Jasper-Nationalpark gen Norden: der Icefields Parkway, wohl eine der schönsten Fernstraßen der Welt.

Gut drei Stunden dauert die Fahrt auf dem Teilstück des Highway 93 von Lake Louise nach Jasper. Es sind 180 Minuten Naturkino. Eiserstarrte Wasserfälle, tiefe Schluchten, zugefrorene Seen und idyllische Flüsse, wie der Athabasca River, machen die Fahrt zum Erlebnis. Genauso wie das Columbia-Eisfeld, eine der größten Eismassen südlich des Polarkreises.

Winterliche Ruhe im Nationalpark

In Jasper selbst ist im Winter Ruhe eingekehrt. Während im Sommer etwa zwei Millionen Menschen durch den Nationalpark rund um die Kleinstadt wandern – und dabei auch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit den einen oder anderen Bären, Wolf oder Elch entdecken –, sind es in der kalten Jahreszeit deutlich weniger. „Wir sind hier von der Wildnis geschützt, sagt Erin Reade. Sie arbeitet für das nahe Skigebiet Marmot Basin.

Über Bergstraßen geht es hoch hinaus, ehe du erst die Talstation erreichst. Sie liegt schon auf 1700 Metern. Rundherum: nicht viel, außer Wald. Egal, ob Strecken für Anfänger, anspruchsvolle Buckelpisten, Waldwege mit reichlich Pulverschnee oder einladende Carving-Hänge oder Funparks: Hier gibt es alles – bis auf Schlangen bei den Liften.

Ein Haus im Sunshine Village, einem der ältesten Ski-Resorts in Kanada.
Ein Haus im Sunshine Village, einem der ältesten Ski-Resorts in Kanada. Foto: Philipp Lackner

Massenabfertigung suchst du auch in Sunshine Village vergeblich. Auch, wenn dort seit Kurzem Kanadas erster Sessellift mit beheizten Sitzkissen in Betrieb ist. Das älteste Skigebiet der kanadischen Rocky Mountains liegt unweit von Banff und hat wie alle anderen Resorts auch schon im November geöffnet. Die Saison läuft bis Ende Mai. Es ist die längste im Land. „Manchmal ginge es vom Schnee her sogar noch länger, aber im Juni hat keiner mehr Lust auf Skifahren“, sagt Don Beaulieu aus Quebec, der seit 1981 in der Sunshine Mountain Lodge arbeitet.

Weite Pisten, tiefschwarze Abfahrten

Hier, direkt an der Grenze der Provinzen Alberta und British Columbia, bekomme der Skifahrer noch das, wovon er träumt, betont der Frankokanadier. Weite, zumeist menschenleere Pisten und tiefschwarze, unpräparierte Abfahrten, auf die du dich auch nur mit Schaufel und Lawinenpiepser wagen darfst. So steht es nüchtern auf der Warntafel beim Einstieg vor dem Abschnitt namens „Delirium Dive“.

Durchschnittliches Gefälle: 39 Grad – an manchen Stellen sind es 50. Steiler geht es in den Rockys kaum. Ski schultern, von der Liftstation ein paar Hundert Meter bergauf marschieren, eine Treppe nach unten gehen, anschnallen, losfahren – und über den ersten Felsen springen. Eine Mutprobe, selbst für Geübte.

Aber: Viel Verkehr ist hier nicht. Genauso wie auf den anderen, harmloseren Pisten. Der Grund für das unbeschwerte Skivergnügen liegt bei den Auflagen des Naturschutzes. „Unsere Kapazität ist deswegen begrenzt“, erklärt Beaulieu. Draußen, vor der Lodge auf gut 2.200 Metern, spielt sich indes ein Naturspektakel ab: Das Nordlicht wandert langsam über den sternenklaren Himmel.

Wer hat das älteste Ski-Resort?

Während sich Sunshine Village und Mount Norquay bei Banff um den Titel des ältesten Ski-Resorts Kanadas streiten, betreibt man in Nakiska erst seit den Olympischen Winterspielen 1988 Alpinsport: Das Gebiet liegt 45 Autominuten von Calgary entfernt und wurde für das Spektakel gebaut – inmitten von Kananaskis Country, wo Leonardo DiCaprio unlängst „The Revenant“ drehte.

Hier trainieren die Nationalteams vieler Länder, bevor in Lake Louise die Speed-Saison startet: Italiener, Franzosen, unlängst auch die Deutschen. „Ein Traum für Racer“, sagt Area-Manager Jan Sekerak. Allein mit Naturschnee könne man hier kein Skigebiet betreiben, betont er bei der Fahrt mit dem Sessellift hinauf zu den sogenannten Monster Trails. Es ist also hauptsächlich griffiger Kunstschnee, auf dem du das selektive Gelände bewältigst.

Jan Sekerak ist der Area-Manager in Nakiska.
Jan Sekerak ist der Area-Manager in Nakiska. Foto: Philipp Lackner

„Autobahnen“ nennt sie der ehemalige slowakische Europacup-Läufer. Beschaulich ruckelt der Lift bis zur Bergstation. Mit dem Skistock deutet Sekerak auf eine Stelle im Wald: „Und hier“, sagt er, „überwintert übrigens ein Grizzlybär.“ Aber ein anderer als der von „The Revenant“.