Diese Stadt treibt alles auf die Spitze. Ausgerechnet auf dem schwankenden Schwemmlandboden am Jangtse-Delta wachsen jedes Jahr 65 Wolkenkratzer in den Himmel. Oder sind es mittlerweile 75? 85? Mit Statistiken ist dem Phänomen kaum beizukommen; versuchen sie doch, die Gegenwart zu erfassen.

Doch die fand hier bereits gestern statt. Es gibt Städte, die leben auf der Höhe ihrer Zeit. Schanghai aber lebt auf der Höhe der Zukunft.

Zumindest sieht es sich so am liebsten. Doch es gibt noch einen zweiten Trend: der Hang zum Gestern, die Suche nach der verlorenen Zeit. Vor allem nach jener glanzvollen Epoche der zwanziger bis vierziger Jahre, als die Stadt schon einmal einen Boom sondergleichen erlebte.

Das sichtbarste Vermächtnis jener Jahre ist der Bund (sprich: „Band“; auf Chinesisch firmiert er als Waitan oder Zhongshan Donglu). Diese legendäre Uferpromenade sollte Wall Street, Victoria Embankment und Champs-Elysées in einem werden. Das dahinter liegende Viertel besaß als „Internationale Niederlassung“ exterritorialen Status. Der Bund ist ein guter Ort für einen Spaziergang mit Blick auf den Fluss Huangpu Jiang.

Spaziergang am Bund mit Sightseeing

Unser Bummel am Bund beginnt an der alten Wetter- und Signalstation, dem Gützlaffturm. Benannt nach einem pommerischen Heilkundler und Missionar, der als Dolmetscher für die Briten eine wichtige Rolle spielte. Der Turm zeigte Windrichtung und Gezeiten an; Sturmwarnungen erfolgten per Kanonenschuss. Wettermeldungen von der Mündung des Amur bis zum Delta des Mekong liefen hier zusammen. Heute beherbergt er ein Café.

Die ehemalige Prunkpromenade „The Bund“
Die Fassaden der alten Prunkpromenade reihen sich in die moderne Skyline Schanghais ein. Foto: pixabay.com/Sean Sheng

Dahinter liegt die Hausnummer 2, wo das neu eröffnete Waldorf Astoria den legendären Shanghai Club wieder aufleben lässt. Der nächste Brummer trägt Hausnummer 12, die Hong Kong and Shanghai Bank, lange das zweitgrößte Bankgebäude der Welt.

Von außen ein granitener Tresor, von innen eine Orgie aus Marmor, Stuck und Perlmutt. Insgesamt residierte einst ein Dutzend Bankhäuser am Bund, dazu das Telegrafenamt, das Zollhaus und die Repräsentanzen der großen Schifffahrtslinien. Sie alle standen in pompöser Phalanx der aufgehenden Sonne zugewandt. 

Peace Hotel: markantes Gebäude auf dem Bund

Eines der markantesten Gebäude ist die Nummer 20, das ehemalige Cathay und spätere Peace Hotel. Mit seinem grünen Spitzdach ragt es wie eine Rakete auf. Seine Gemächer sind mit persischen Teppichen ausgestattet, mit Lalique-Glas und golddurchwirkten Vorhängen. Wie eine Turbine schaufelte die Drehtür aus prächtigem Teakholz einst die Gäste ins schummrige Foyer. Sie wirbelte Berühmtheiten wie Charlie Chaplin und Marlene Dietrich herein, sie fegt Globetrotter und Industriemagnaten hinaus auf den Bund.

Seltsamerweise ist sie heute stets mit einer schweren Kette versperrt. Wir müssen durch den Seiteneingang. Welches Hotel in Paris würde seine Tür auf die Champs-Élysées verbarrikadieren? Welches in Berlin den Ausgang zum Kurfürstendamm? Das einstige Cathay aber tut genau das, und niemand hat eine Erklärung dafür.

Wegen des ungünstigen Feng Shui, meint die Hausdame – was freilich sämtliche Nachbarn nicht daran hindert, ihre Tore zum Bund zu öffnen. Weil Victor Sassoon es damals so wollte, glaubt der Concierge – als ob irgendjemand sich nach den Wünschen des Erbauers richten würde. Es weiß auch niemand, wer den Schlüssel für die Kette hat. 

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Die Skyline von Pudong vor Augen

Achselzuckend schlendern wir weiter an Schanghais Waterkant entlang. Am anderen Ufer steht uns dabei stets die Skyline von Pudong vor Augen, Chinas Antwort auf das imperiale Vermächtnis des Bunds. Bis vor 30 Jahren dehnten sich dort hinter ein paar kleinen Fabriken noch Felder bis zum Horizont. Inzwischen gibt es keine Felder mehr, keine Fabriken und auch keinen Horizont. Die Wolkenkratzer schossen in die Höhe wie ein Bambuswald im Frühling. 

Doch seit einiger Zeit gibt die Stadtmitte Kontra. Der wohl spektakulärste Neuzugang ist das Kreuzfahrtterminal. Denn nun kommen wieder Schiffe mitten in die Stadt: mächtig große, leuchtend weiße und unwiderstehlich romantische Kreuzfahrtschiffe. Sie legen gleich hinter der frisch renovierten Waibaidu-Brücke an, früher Garden Bridge genannt. Seit hundert Jahren verbinden ihre stählernen Arkaden den Bund mit dem Stadtteil Hongkou. 

Rund um das grünschillernde, wie ein riesiger Wassertropfen geformte Terminal wächst derzeit eine neue Skyline. Hongkou, bislang als letzter innerstädtischer Bezirk weitgehend unverändert, wandelt sich im Zeitraffer vom Hinterhof zur ersten Adresse. Entlang der neuen Uferpromenade sind etliche große Hotels, ein Autotunnel und zwei weitere U-Bahn-Linien entstanden.

Traditionell ein Viertel der kleinen Leute, legt es sich ein komplett neues Image als Schanghais „Tor zur Welt“ sowie als Kulturbezirk zu. Die sprießende Skyline am Fluss kommt einer Kampfansage an den großen Bruder gegenüber gleich: Pudong war gestern – Hongkou kommt spätestens morgen.