Wenn Mo den Wind in seinem Schirm spürt, fühlt er sich frei. Dann gibt es nur noch ihn, das Kiteboard und das türkisfarbene Meer vor der Küste El Gounas. „Dann habe ich alle Sorgen vergessen“, sagt der Ägypter. Und wen wundert’s? Die Bedingungen am Roten Meer sind traumhaft für Kitesurfer. Das Wasser ist auch jetzt, Anfang Januar, noch angenehm warm, die Sonne scheint, und ein leichter Wind weht von der Küste aufs Meer hinaus. Und das alles nur knapp fünf Flugstunden entfernt von Deutschland. Genau deshalb hat sich El Gouna in den vergangenen Jahren zu einem Mekka für Kitesurfer entwickelt.

Es ist früh am Tag, und Mohamed Aboul Fotouh (35), den hier am Strand alle bloß Mo nennen, sitzt mit seiner Frau Birte (33) auf der Terrasse des Kiteboarding Clubs am Man-groovy Beach in El Gouna. Es ist ein besonderer Ort für die beiden. Hier haben sie sich im Sommer 2011 kennengelernt. Sie kam als Touristin ans Rote Meer und wollte kitesurfen lernen. Er hatte damals gerade sein Wirtschaftsstudium in Kairo erfolgreich abgeschlossen und jobbte als Kitesurflehrer in seiner Heimatregion. Die beiden verliebten sich ineinander. Sie kündigte ihren Job bei einer Werbeagentur in Hamburg und zog zu ihm nach Ägypten. Seitdem sind sie hier. Mittlerweile sind Mo und Birte verheiratet und haben einen gemeinsamen Sohn – Nuri (1). Zusammen managen sie jetzt den Kiteboarding Club.

Birte, Mo und ihr gemeinsamer Sohn Nuri.
Birte, Mo und ihr gemeinsamer Sohn Nuri. Foto: Patrick Hoffmann

„Die Menschen hatten wieder das Gefühl, dass Ägypten sicher ist“

Ein Traumjob, wie die beiden sagen. Auch wenn sie in den vergangenen zwei Jahren viel durchgemacht haben. 2015 war kein gutes Jahr für den Tourismus in Ägypten, nach all den Unruhen in dem politisch instabilen Land, hatte aber zumindest Hoffnung gemacht auf eine bessere Zukunft. „Die Menschen hatten langsam wieder das Gefühl, dass Ägypten sicher ist“, sagt Mo. Bis am 31. Oktober 2015 die russische Maschine Metrojet nach ihrem Start in Scharm El Scheich über dem Sinai wegen einer Bombe an Bord explodierte. „Für viele Urlauber verschwand unser Land erneut von der Weltkarte“, sagt Mo.

Das Geschäftsjahr 2016 war von einem Tag auf den anderen ruiniert. Bis Ende Oktober kamen 60 Prozent weniger Urlauber nach Ägypten als noch im Vorjahr. Mo kam nicht umhin, fünf Angestellte zu entlassen. „Das ist ein schwieriger Spagat“, sagt Mo. „Auf der einen Seite wollen wir unseren hohen Standard halten. Aber auf der anderen Seite fehlen die Einnahmen. Wir brauchen mindestens 60 Gäste, um wenigstens zu überleben.“ Nach dem Metrojet-Absturz waren es aber selten mehr als 40. Zu besten Zeiten, kurz vor der Revolution 2011, hatten noch täglich bis zu 200 Gäste den Kiteboarding Club El Gouna besucht, fast alle waren Deutsche.

Luftbild vom Kiteboarding Club El Gouna.
Der Kiteboarding Club: Idyllisch gelegen und in unmittelbarer Nähe zum Strand. Foto: Kiteboarding Club

El Gouna ist nicht Ägypten

Immerhin, El Gouna hat es im vergangenen Jahr nicht ansatzweise so hart getroffen wie andere Urlaubsorte am Roten Meer, die Hotels waren hier nicht ganz so leer. Was sicher auch mit dem besonderen Charakter der künstlichen Lagune (Arabisch: El Gouna) zusammenhängt, der einen entspannten Urlaub ermöglicht. Das gigantische Resort mit seinen 17 Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, zahlreichen Apartments, zwei Golfplätzen und mehr als 100 Bars und Restaurants ist ruhig, sauber – und somit so ganz anders als der Rest des Landes.

El Gouna, sagen sie im hektischen, völlig überfüllten Kairo, ist nicht Ägypten. In diesem Fall ist das sogar ganz gut so. Der ägyptische Milliardär Samih Sawiris, Sohn einer einflussreichen Unternehmerfamilie, hat El Gouna Ende der Achtzigerjahre aus dem Wüstensand stampfen lassen. Ursprünglich hatte er bloß nach einer schönen Bucht für sein privates Ferienhaus gesucht, doch schnell reifte die Idee, 22 Kilometer nördlich von Hurghada ein kleines Urlaubsparadies zu errichten.

In El Gouna ersetzen Tuk-Tuks fast alle Autos

Mittlerweile leben mehr als 20.000 Menschen in El Gouna. Hässliche Hoteltürme findet man nicht. Sawiris legt großen Wert auf die Architektur, alles ist im nubischen Stil gehalten. Innerhalb El Gounas fahren zudem kaum Autos, die Touristen können sich stattdessen mit dem Tuk-Tuk oder dem Boot von einem Platz zum nächsten bringen lassen. Mehrere hundert private Sicherheitsleute sorgen Tag und Nacht für Sicherheit. Nur hat sich das eben noch nicht überall in Europa herumgesprochen, klagt Mo auf der Terrasse seines Kiteboarding Clubs.

Die Terrasse vom Kiteboarding Club am Mangroovy Beach in El Gouna.
Die Terrasse vom Kiteboarding Club am Mangroovy Beach in El Gouna. Foto: Kiteboarding Club

Seit Herbst hat das Geschäft mit Ägypten wieder Fahrt aufgenommen, teilen die deutschen Reiseveranstalter mit. Sie haben die Kapazitäten für die aktuelle Wintersaison 2016/2017 nach eigenen Angaben deutlich erhöht, auch die Flugverbindungen wurden wieder ausgebaut. FTI, das durch den ägyptischen Gesellschafter Sawiris eng mit El Gouna verbunden ist, glaubt fest an einen Aufschwung. „Der Tourismus nach Ägypten entwickelt sich sehr gut“, sagt FTI-Manager Elia Gad, zuständig für die Destination Ägypten. „Wir rechnen mit einer starken Wintersaison.“ Im vergangenen Geschäftsjahr (bis Ende Oktober) seien etwa 300.000 Kunden mit FTI ans Rote Meer gereist, für 2017 kalkuliert das Unternehmen mit 500.000 Gästen.

Auch in Mos und Birtes Kitesurfclub sind die Geschäfte zuletzt wieder besser gelaufen. „Es geht aufwärts, der Oktober, der November und der Dezember liefen gut“, sagt Mo. Dann schaut er sich auf der Terrasse um und sagt: „Ich bin so froh, wieder neue Gesichter zu sehen.“