„Okay“, sagt Nick und schließt mit sattem Klack die doppelläufige Flinte. „Schon mal geschossen?“ – „Nein, noch nie“, sage ich. „Noch nie? Echt?“ Nick guckt mich an wie das jämmerlichste Greenhorn westlich des Rio Pecos. Noch nie geschossen? Hier, deep in the heart of Texas – tief im Herzen von Texas, 90 Kilometer westlich von Fort Worth, klingt das, als hätte ich noch nie eine Hose getragen.

Nick – breitkariertes Hemd, breiter Gang, noch breiterer Hut – ist Cowboy auf der Wildcatter Ranch, einer luxuriösen Besucherfarm zwischen Wellness und Wildnis. Hier geht’s nicht um „Ferien auf dem Bauernhof“. Hier geht’s darum, aus käsigen Touristen das letzte bisschen Cowboy herauszukitzeln. An Typen wie mir zünden Typen wie Nick ihre Zigarette an. „Dann los“, sagt er und drückt mir das Gewehr in die Hand. Die Tonscheibe fliegt. Ich drücke ab. Ein trockener Knall. Treffer. John Wayne, du Lappen, zieh dich warm an.

Texas verkauft den Mythos Wilder Westen

Texas rüstet auf. Nicht militärisch, da ist ohnehin kaum noch Luft nach oben. Sondern touristisch. In Fort Worth etwa, wo einst feiste Rinderbarone in Salonhotels um Millionen Dollar feilschten, pflegt man im historischen Stockyards-Viertel den Mythos des Wilden Westens. Dort, wo zwischen 1867 und 1887 tausende Tiere in riesigen Gattern darauf warteten, von Kerlen wie Nick über den legendären Chisolm Trail in zwei Monaten 1000 Meilen nördlich durch Indianerland nach Abilene in Kansas getrieben zu werden, treiben heutzutage täglich um 11.30 Uhr und um 16 Uhr städtische Angestellte in Cowboymontur 18 Longhorns über die Exchange Avenue. Touristen machen Kuh-Selfies.

Heja: Cowboys in Texas.
Heja: Cowboys in Texas. Foto: Imre Grimm

Die Spanier hatten die Longhorns einst ins Land gebracht. Zu Millionen grasten die Tiere unbeachtet auf der Prärie, bis jemand auf die Idee kam, dass die Leute auch in New York und Chicago Rindfleisch mögen. So wurde Fort Worth quasi zur letzten Tankstelle vor der Autobahn. Und was heute ein Hamburger kostet, kostete damals eine ganze Kuh: vier Dollar. In Kansas gab’s für ein Rind dann schon 40 Dollar, in New York 100.

Heute kostet ein gutes Rind bis zu 4000 Dollar. Nur 20 Jahre gab’s den Cattle Drive, den Viehtrieb. Doch aus den staubverkrusteten, 18 Stunden täglich schuftenden, unter freiem Himmel lebenden, rauchenden, fluchenden und schießenden Höllenhunden schuf Hollywood den Mythos vom amerikanischen Helden – naturnah, kompetitiv, ungezügelt, rotzcool.

Mhhhhhh. Perfektes Cowboy-Essen: Spareribs.
Mhhhhhh. Perfektes Cowboy-Essen: Spareribs. Foto: Imre Grimm

„Wir lieben, was wir tun“, sagt Nick. Das enge Verhältnis zwischen Kuh und Kuhjunge sowie der unerschütterliche Glaube an die eigene Großartigkeit machen die DNA des Staates aus. „Texas ist Amerikas Zukunft“, lobte jüngst das „Time Magazine“. Drei der fünf am schnellsten wachsenden US-Städte liegen hier. Dem Bayern Amerikas geht es blendend.

„Don't mess with Texas“

Der Slogan „Don’t mess with Texas“ – erfunden 1985 für eine Anti-Müll-Kampagne – ist das Credo des selbstbewussten Republikanerwählers, der die Existenz der US-Regierung in Washington nur am Rande zur Kenntnis nimmt. „We don’t dial 911“ heißt es auf kitschigen Schildern im Souvenirshop. Wir rufen nicht die Polizei. Wir schießen.

Und obwohl im Zentrum dieser bestens vermarktbaren Ideologie der einsame Outlaw mit lockerem Abzugsfinger steht, ist der Staat von einer spektakulären Gastfreundlichkeit – in großartigen Barbecue-Länden wie dem Woodshed Smokehouse (Fort Worth) etwa oder im Rustic (Dallas). In Billy Bob’s Texas, der größten Honky-Tonk-Partyzone der Welt, erledigen aufgerüschte Texanerinnen in Jeans-Hotpants Cocktails aus Plastikbechern. „It’s a Texas thang y’all“, heißt es auf Schildern.

Die Grenze zwischen Gängstern und Helden

Die viktorianische Dampfeisenbahn „Grapevine Vintage Railroad“ zuckelt mehrmals täglich die 30 Kilometer zwischen Stockyards und dem kaum minder malerischen 47.000-Einwohner-Westernstädtchen Grapevine hin und her, wo sich zwischen 200 Restaurants eine erstaunliche, junge Winzerszene etabliert hat. Aus dem Glockenturm von Grapevine kommen viermal täglich die beiden Zugräuber Nat & Willy. Die Grenzen zwischen Gangstern und Helden sind fließend in Texas.

Zurück auf der Ranch: Das Schießen ist beendet. Nick hat Pferde besorgt. Meines heißt Ted. Ich besteige es mit größtmöglicher Eleganz. Das bedeutet: Es gelingt mir, auf der anderen Seite nicht gleich wieder herunterzufallen. Wir reiten über steinige Pfade.

Auf den Spuren des Cowboy-Mythos: Autor Imre Grimm bei seinem Ausritt mit Ted.
Auf den Spuren des Cowboy-Mythos: Autor Imre Grimm bei seinem Ausritt mit Ted. Foto: Imre Grimm

Rot blühende Prickly-Pear-Kakteen stehen auf wildem Grasland, Schilder warnen vor Klapperschlangen, Geier kreisen über dem Brazos River. „Ein Cowboy zu sein, ist eine Lebenseinstellung“, sagt Nick. Nach 60 Minuten spüre ich die Lebenseinstellung am eigenen Hintern. „Merkt Ted, dass ich keine Ahnung habe, was ich tue?“, frage ich.

Nick guckt mich an. Nick guckt Ted an. „Oh yes, he does“, sagt er. Ted guckt Nick an, als wollte er sagen: „Okay, es ist mein Job. Aber setz mir keine Typen mehr auf den Rücken, die denken, meine Flanke sei ein Gaspedal und meine Zügel ein Lenkrad, verstanden?“

In Fort Worth beginnt der Westen, sagt man, im benachbarten Dallas endet der Osten. 25 Jahre sind vergangen seit der Ausstrahlung der letzten Folge der TV-Serie, die „Dallas“ zum Mythos machte. Bräunlich-gläserne Wolkenkratzer prägen Downtown.

Drittgrößte Stadt im Bundesstaat Texas: Dallas hat etwa 1,2 Millionen Einwohner. Downtown ist geprägt von Wolkenkratzern.
Drittgrößte Stadt im Bundesstaat Texas: Dallas hat etwa 1,2 Millionen Einwohner. Downtown ist geprägt von Wolkenkratzern. Foto: Imke Grimm

Die Ölmilliarden machen prunkvolle Projekte wie das Nasher Sculpture Center, das prall gefüllte Dallas Museum of Art oder den sehenswerten Botanischen Garten Dallas Arboretum möglich. Im Szeneviertel Trinity Groves siedeln sich Künstler und Coole an, im stylishen Restaurant „LTO“ (Limited Time Only) wechselt alle paar Monate der Chefkoch – Speeddating für Gourmets.

Hauptmagnet aber ist seit 1989 das Sixth Floor Museum im früheren Schulbuchgebäude an der Dealy Plaza, aus dessen sechstem Stock Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 John F. Kennedy erschoss (wenn es nicht doch die CIA, der KGB, das FBI, die Kubaner, die Mafia oder Billy the Kid waren). Zwei Kreuze auf der Straße markieren Kennedys Position bei den Schüssen. Die Stadt ließ sie einst übermalen, um nicht immer mit den Morden assoziiert zu werden. Die Bewohner pinselten sie in frischem Weiß wieder an. Der Mord gehört zu Dallas.

Geschichtsträchtig: Ein Kreuz auf der Straße markiert die Stelle, an der John F. Kennedy 1963 erschossen wurde.
Geschichtsträchtig: Ein Kreuz auf der Straße markiert die Stelle, an der John F. Kennedy 1963 erschossen wurde. Foto: Imke Grimm

Seit 2012 pflegt Dallas auch das Erbe des berühmtesten US-Cowboys der vergangenen 40 Jahre: In der „George W. Bush Presidential Library & Museum“, einem protzigen Palast, erbaut aus Marmor, dunklem Holz und Patriotismus. Zwischen heroischen Bush-Zitaten, zuckersüßen Weihnachtsfotos aus Camp David, einem ausgestopften Löwen (Gastgeschenk aus Tansania) und Stetson-Cowboyhüten für 109 Dollar eilen dienstfertige Damen umher, die alle aussehen wie Laura Bush.

Texas-Style: Heldinnen des Westens

Zurück zum Cowboykurs: Mein Glaube an die eigenen Outlaw-Fähigkeiten schwindet rasant im National Cowgirl Museum in Fort Worth. Hier feiert man die Heldinnen des Westens, Texas-Style. Annie Oakley ist hier der Star, feministische Ikone der Pionierzeit und Star von „Buffalo Bill’s Wild West Show“, samt einer ihrer Waffen, eines Stevens-44.25-Kaliber-Gewehrs aus den 1890er Jahren.

Unter dem Bild dreier kühn guckender Cowgirls steht ein Zitat des Künstlers Charles M. Russell. „Es ist ein magischer Moment, wenn jemand zum ersten Mal im Leben einen Cowboyhut aufsetzt.“

Ich gehe in den Shop, setze mir einen Hut auf und sehe in den Spiegel. Ich sehe keinen magischen Moment. Ich sehe Karlsson vom Dach beim Fasching. Ich setze den Hut wieder ab und kaufe mir ein Eis. Nick wäre nicht stolz auf mich. Von Ted ganz zu schweigen.