Rot und violett glüht der Himmel im Westen. Über uns das Kreuz des Südens und im Norden die flache Sichel des Mondes – wir genießen den Abend auf der Veranda des Etosha Safari Camps. Erst zehn Stunden ist es her, dass wir in Windhoek gelandet sind. Doch gut 500 Kilometer Fahrt durch die sich endlos dahinziehende Trockensavanne wirken irgendwie stimulierend. Kargheit kann süchtig machen. Und Namibia ist karg.

Denn Regen ist im ehemaligen Deutsch-Südwest absolute Mangelware. Dass hier überhaupt wilde Tiere leben und Rinder gezüchtet werden, erscheint auf den ersten Blick nur schwer vorstellbar. Doch unser Guide und Fahrer Michael Niemeyer, der sich stolz Namibianer nennt, klärt uns auf: „Es gibt hier unter der Erde überall Grundwasser.“

Riviere: Wasser sammelt sich im Boden

Der Grund: So genannte Riviere (Trockenflüsse) füllen sich, wenn es mal nach Jahren doch mal kräftig regnet, kurzzeitig mit Wasser. Das versickert recht schnell – sammelt sich aber. Landwirte pumpen es mit Windmühlen an die Oberfläche, Wildtiere kennen die Plätze, wo auch bei Dürre noch Wasser zu finden ist.

Der 55-jährige Tourexperte von Sense of Africa weiß alles über Geschichte, Geologie, Tier- und Pflanzenwelt, spricht außer Deutsch noch Englisch, Afrikaans, Ovambo und Herero. Seine Vorfahren kamen bereits vor fünf Generationen nach Afrika. Michael ist einer von gut 20.000 Deutschen in Namibia. Insgesamt leben hier rund zwei Millionen Menschen; ein bunter Mix unterschiedlicher Völker und Ethnien.

Nationalpark: Löwen sind ein Sechser im Lotto

Als wir am nächsten Morgen in den Nationalpark (Eintritt: etwa 5 Euro pro Person) aufbrechen, wächst die Spannung. Doch unser Guide dämpft die Erwartungen. „Einen Löwen im Etosha zu sehen, ist wie ein Sechser im Lotto.“ Wir reagieren jedoch bereits enthusiastisch, als wir die ersten Giraffen entdecken. Dann kommen noch Gnus, Zebras, Oryx-Antilopen – und immer wieder Springböcke. Die grazilen Gazellen verlieren daher schnell an Wert. Und zwei Schakale machen auch noch keinen Löwen. Der König der Tiere lässt sich einfach nicht blicken.

Am Wasserloch im Etoscha-Nationalpark. Der Elefant ist fast so grau wie die Savanne.
Am Wasserloch im Etoscha-Nationalpark. Der Elefant ist fast so grau wie die Savanne. Foto: Maike Geißler

Kein Sechser also – dafür ein Fünfer mit Zusatzzahl: Denn zum Schluss entdecken wir versteckt zwischen Mopane-Bäumen noch drei Elefanten. Sie sind fast so hellgrau wie der Kalk der Etosha-Pfanne. Die Senke ist ein ehemaliger See, doch zuletzt war diese 1978 überflutet – nach gewaltigen Regenfällen in Angola. Jetzt wirbelt der aus der Kalahari herüberwehende Ostwind den Kalkstaub durch den Nationalpark, taucht die ausgedörrte Savanne in ein oft irreal anmutendes Weiß.

Namibia, etwa doppelt so groß wie Deutschland, ist die ideale Adresse für Afrika-Einsteiger: Du kommst gut voran, auch wenn die meisten Straßen noch nicht asphaltiert sind. Zudem ist das Land sicher. Und die Unterkünfte sind deutlich günstiger als in den Nachbarländern Botswana und Südafrika. Kein Wunder, dass die Besucherzahlen steigen: Anke Pfeffer aus Frankfurt, zuständig für die Pressearbeit des Namibia Tourism Board: „Nach einer kleinen Ebola-Delle kommen wieder mehr Touristen.“ 2014 waren es 1,32 Millionen, die meisten aus Südafrika. Aber mit 86.000 sind die Deutschen Europameister.

Outjo, das Tor zum Damaraland

Namibia bietet aber nicht nur spektakuläre Landschaften und exotische Tiere, auch die zwischen Kalahari und Namibwüste lebenden Menschen faszinieren. Die meisten Touristen nutzen den Ort Outjo vor allem für einen Tankstopp auf dem Weg in den Norden. Outjo ist das Tor zum Damaraland, einer wildromantischen Region am Rande der Namib. Hier finden sich überall jahrtausendealte Spuren der Urbevölkerung, einst als Buschmänner bezeichnet, heute – politisch korrekt – als San. Sie hinterließen Felszeichnungen und Gravuren: Jagdszenen aus der Vorzeit. Die Abbildungen bei Twyfelfontein sind inzwischen Unesco-Weltkulturerbe (Eintritt: etwa 3 Euro).

Felsgravuren in Twyfelfontein.
Felsgravuren in Twyfelfontein. Foto: Claus Lingenauber

Die Sammler und Jäger der San wurden jedoch von den aus Norden einwandernden Bantuvölkern mit ihren Viehherden immer weiter in die Kalahari verdrängt. Wobei die Damara noch bis heute Rätsel aufgeben. Sie haben zwar die Statur und Lebensweise der Bantu, ihre Sprache erinnert mit ihren Klick- und Schnalzlauten jedoch an die der San.

Die meisten Damara sind noch immer Viehzüchter, ziehen aber nicht mehr mit ihren Herden über Land, sondern bewirtschaften Farmen. Wie dieses Volk einst gelebt hat, wird im Living Museum (Eintritt: etwa 5 Euro) bei Twyfelfontein gezeigt. Cherrean, eine 22-jährige Damara-Frau: „Wir wollen, dass unsere traditionelle Lebensweise nicht in Vergessenheit gerät.“

Wenige Autostunden entfernt gibt es im Erongo-Gebiet auf der Farm Omandumba ein weiteres Living Museum (Eintritt: etwa 5 Euro). Die bizarre Felslandschaft in diesem Gebiet nahe dem Hohenstein (2.319 Meter) raubt einem den Atem. In dem Museum präsentieren Angehörige der Ju/’Hoansi-San ihre Kultur. Johannes N!ani/kurn (die ungewöhnlichen Zeichen stehen für die uns so fremden Klicklaute) spricht gut Englisch.

Der 34-jährige Vater von sechs Kindern übersetzt die Erklärungen seines Stammesbruders Khaxo (54). Der alte Jäger weiß alles über Heilpflanzen – Mopanebäume und Weihrauchsträucher scheinen die Wundermittel der Buschapotheke, helfen bei Magenproblemen, aber auch bei Kopfschmerzen. Khaxo erzählt, aus welchen Käfermaden Pfeilgift gewonnen wird, wie man Spuren lesen kann, zeigt, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht.

Auf der Omandumba-Farm geben der Ju/’Hoansi-San Johannes und sein Stammesbruder Khaxo einen Einblick in ihre traditionelle Lebensweise – zum Beispiel mit dem Feuermachen.
Eindrucksvoll: Auf der Omandumba-Farm geben der Ju/’Hoansi-San Johannes (links) und sein Stammesbruder Khaxo einen Einblick in ihre traditionelle Lebensweise – zum Beispiel mit dem Feuermachen. Foto: Claus Lingenauer

Ob seine Kinder auch noch das traditionelle Leben führen werden, wollen wir von Johannes wissen. Er sagt nur vier Wörter: „Sie gehen zur Schule.“ Schon jetzt arbeitet die Mehrzahl der San auf Farmen.

Zwischen dem Damaraland und Swakopmund, dem wohl deutschesten Ort Namibias, liegen nur wenige Fahrstunden – und die Namibwüste, eine der trockensten Gegenden der Erde.

Swakopmund ist kurios

Der Ort am Atlantik, der wegen des kalten, aus der Antarktis kommenden Benguela-Stroms nicht zum Baden einlädt und oft im Nebel versinkt, ist ein Kuriosum. Hier gibt es noch das Alte Amtsgericht, auch wenn hier nicht mehr Recht gesprochen wird, und den Deutschen Bahnhof, auch wenn hier längst keine Passagierzüge mehr verkehren. Vor allem aber gibt es die Primary School Swakopmund. Das Motto der Schule steht noch immer im Wappen: „singen spielen lernen forschen“. Und das knapp 100 Jahre nach Ende von Kaiserreich und deutscher Kolonialzeit. Außerdem gibt es eine Bismarckstraße – und im Fischgeschäft Bismarckhering.

Unsere Tour nähert sich dem Ende: hinter uns die Dünen von Swakopmund, vor uns der Kalahari-Highway, über uns der fahlblaue Wüstenhimmel – und unter uns niemand, der nach rund 2.700 Kilometern genug hat von diesem ungewöhnlichen Stück Afrika.