Im Kullu-Tal besuchte ich meinen Freund Peter, um mit ihm auf den Enfield 500er Bullets eine Scouting-Tour in die umliegenden Täler zu unternehmen. Mein Freund Peter Paulo dos Santos wohnt im Himalaya, genauer gesagt im Kullu Valley, einem Ausläufer des Himalaya-Vorgebirges im Bundesstaat Himachal Pradesh.

Er betreibt seit über 20 Jahren ein erfolgreiches Reiseunternehmen, spezialisiert auf Motorradreisen auf dem indischen Subkontinent. Sein Team organisiert das ganze Jahr über Bike-Touren im Himalaya, in Rajasthan, Goa und Südindien sowie in den benachbarten Ländern Bhutan, Nepal, und Thailand. Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, hat er sich kürzlich im Kullu Valley ein weiteres Haus mit Gästebetrieb gekauft und seine Home Base hierher verlegt. 

Mit dem Motorrad von Nashala zurück

Unsere Tour startet mit einer kleinen Bergwanderung nach Nashala, wo Peters Enfields stehen. Die Enfield Bullet unterm Hintern bullern wir zurück gen Casa. Durch Pinienwälder und entlang terrassenförmig angelegter Felder und Apfelbaumplantagen geht es auf einer einspurigen Teerpiste von Kurve zu Kurve. Die Enfield freut sich.

Da das Haus an einem Steilhang gebaut ist und nur die ersten hundert Meter von Vierrad-Jeeps bewältigt werden können, gibt es eine kleine Parkbucht für Jeeps und „Gäste“. Danach geht es, auf Schotter, Matsch und einer schmalen, selbstgegossenen Fahrspur mit gefrästen Rillen, mit zwei Haarnadelkurven steil bergab. Rechts ragen spitze Wurzeln aus dem Hang, links gähnt der Abgrund. Peter hält kurz an und grinst: „Na, glaubst Du, Du schaffst das?“ „Fahr schon!“

Realistische Einschätzungen von gefährlichen und oder lebensbedrohlichen Situationen waren noch nie meine Stärke. „In der Sekunde, wo dein Schwerpunkt und das Spiel mit Vorder- und Rückbremse ihr Eigenleben bekommen, hast du verschissen!“, denk ich nur kurz. Eine Enfield ist keine KTM.

Perfect weather to ride in the hills. #royalenfield #enfield #enfieldindia #enfieldbullet #bullet350 #mountainroads

A photo posted by Saurabh Rajkumar (@outbeyonder) on

Doch wider Erwarten komme ich da irgendwie runter, und ein Krampfgefühl im Bauch sagt mir, dass ich da morgen auch wieder hoch muss. Peter hat Devraj, seinen Koch aus Goa, mit ins Kullu-Tal genommen, und auch seine langjährige buthanesische Freundin Yangs lerne ich jetzt kennen. Morgen kommt noch Axel aus Hamburg – und dann ab in die Berge!

1. Tourtag: Nagar, Manali, Solang-Pass

Mit leicht zittrigen Beinen rauf aufs Bike, und – ich hab’s befürchtet – rauf ist kniffliger als runter. Mit dem „Tal-Bein“ kannst du dich halt schlecht abstützen, und kurz bevor ich Peters Maschinenpark um ein Exemplar reduziere, schaffen wir es beide, das schwere Bike wieder aufzurichten und dann Vollgas, erster Gang, vergiss Kupplung, hoch, rauf zur Straße. Wir fahren über Naggar, Jagatsukh entlang des Beas River, immer nördlich Richtung Manali. Eine traumhafte, gut zu befahrene Straße.

One of the places I like to call home.

A photo posted by Abhishek Mitra (@abhishekmitravel) on

Wir zuckeln gemütlich durch kleine Ortschaften. Es gibt kaum Verkehr. Am Straßenrand nur freundlich lächelnde Gesichter. Alle männlichen Wesen tragen die typischen Kullu-Kappen, bestickte Filzdeckel, und überall am Straßenrand wächst jene Pflanze, die Manali zum nordindischen Mekka für Hippies gemacht hat. „Wie soll denn der ‚War on Drugs’ funktionieren, wenn das Zeug hier wie Unkraut wächst?“, denke ich. „Heißt ja nicht umsonst ‚weed’, also ‚Unkraut’ auf Deutsch.“

Hier, in den relativ kühlen Norden, haben sich seit jeher die Machthabenden und diejenigen, die es sich leisten konnten, zurückgezogen, wenn es im Sommer in der Tiefebene Indiens unerträglich heiß wurde. Wenn dann noch ab Mai der Monsun von der Südspitze Keralas nach Norden wandert, kannst du das Regieren und eigentlich auch alles andere vergessen.

Das wussten auch die Engländer, welche die gesamte Kolonialverwaltung ihres Empires im Sommer in die sogenannten „Hill Stations“ wie zum Beispiel Shimla verlegten, das von hier ungefähr 200 Kilometer südlich gelegen ist. Auch die Goa-Freaks der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts zog es spätestens ab April hierher. Manali war sozusagen ihre Sommerresidenz und zugleich ihr Einkaufsparadies.

Das angeblich beste Dope der Welt wächst im Parvati-Tal gleich um die Ecke. Es heißt „Malana“ oder „Parvati Cream“. Hippies findest du in Manali allerdings kaum mehr. In „Old Manali“ gibt es noch eine kleine Gasse mit den bekannten Goa-Trance-Ganja-Tattoo-Piercing-Gestalten, aber in den überfüllten Internetcafés überwiegt das Bild der Backpacker-Normalos und Café-Latte-Yoga-Muttis.

Auch ein famoser Italiener hat in Manali seinen Pizzaofen eingerichtet, und so gibt es eine feine Quattro Stagione in 2.050 Metern Höhe.

Wir wollen weiter nach Norden und zum Solang-Pass in 2.480 Metern Höhe. Kurz hinter Manali geht es rechts ab zum berühmten Rothang-Pass, der aber auf Grund seiner Höhe von knapp 4.000 Metern nur ein paar Monate im Sommer schneefrei, sprich befahrbar, ist, und selbst dann ist die Strecke – aufgrund der zahlreichen Militärkonvois (Nachschub-Route nach Kaschmir) und der unzähligen indischen Touristenbusse kein Motorradfahrvergnügen. 

Through the Himalayas

A photo posted by Vinod Sebaan (@sebaanvinod) on

Wir fahren den östlich gelegenen Solang-Pass, und ich komme plötzlich auf den aberwitzigen Gedanken, dass mir hier vielleicht so ein Yeti, einer dieser geheimnisumwitterten Schneemenschen, vor die Kamera läuft. Das wird auch bald der Fall sein! Aber ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe. Denn nun erreichen wir die Baumgrenze und wundern uns erst einmal über die über 1.000 (sie sind wirklich durchnummeriert!) Bretterbuden links und rechts der Straße, die alle sogenannte „Snow Dresses“ anbieten. In grellen Neonfarben für 100 Rupies.

Jetzt, da die Straße urplötzlich endet, sind wir mitten drin in einem Indian Tourist Hot Spot: zwischen den Bretterbuden eine Talstation für einen Skilift, unzählige Hang-Gliding-Möglichkeiten, Fahrgeschäfte für die Kleinen, Quadbike-Vermieter und Old-School-Maulesel-Reiten. Überall wird gegessen, getrunken, fotografiert und gelacht.

2. Tourtag: Kullu und  Barot

Wir brechen früh auf, da wir ungefähr sechs Stunden im Sattel sitzen werden. Und wie überall in Indien, ist es angeraten, bei Tageslicht anzukommen. Diesmal geht es in südliche Richtung entlang des Beas River. Kurzer Chai Stop (Teepause) am Waterfall Café. Wir überqueren den Fluss bei Kullu, einstmals bekannt unter dem Namen „Kulanthpitha – „Das Ende der bewohnbaren Welt“, inzwischen eine uncharmante 100.000 Einwohner zählende Stadt, wie es sie zu Tausenden in Indien gibt, inklusive dem üblichen Verkehrschaos.

#kullu_city #beatiful_kullu_valley

A photo posted by Styander Chauhan (@styander_chauhan) on

Kurz hinter dem Flughafen, zehn Kilometer südlich von Kullu, biegen wir bei Bajaura rechts ab und sind damit wieder die „Kings of the Road“. Kein Verkehr, eine Serpentine nach der anderen, Fahrspaß pur. Überall sehen wir Aprikosen-, Kirschen-, Pflaumen-, ja selbst Kiwi- und Mandelbäume auf den intensiv genutzten Terrassenfeldern. Aber vor allem Apfelbäume! Überall, wohin das Auge blickt. Himachal Pradesh ist der „Apple Orchard“ Indiens mit einer Anbaufläche von über 18.000 Hektar und einem Jahresertrag von 80.000 Tonnen, das sind 9.000 Lkw-Ladungen! Leider hat die übereifrige Verwendung von Pestiziden die Bienenpopulation so gut wie vernichtet, und so beginnst du auch hier verstärkt über „organic farming“ nachzudenken.

Schepper! Klonk! Mein Vordermann Axel verliert seinen Auspuff. „No problem!“, sagt Bunti. „Jetzt hat sie erst den richtigen Sound!“ Axel aus Hamburg ist bei Peters Motorradreisen ebenfalls Wiederholungstäter. Genauso wie Anthony aus London, der mit zwei Reifenpannen innerhalb von vier Stunden dazu beiträgt, dass Bunti, Peters Mechaniker und „Rundum-Helferlein“, der uns mit dem Jeep auf diesem Trip hinterherfährt, alle Hände voll zu tun hat.

Wir fahren über Kandi, verfahren uns kurz in Paddar und erreichen, nach einer spektakulären Fahrt auf einer Geröllpiste über einen kilometerlangen Bergrücken mit unendlicher Sicht nach links und rechts auf die grünen, sanft auslaufende Hügellandschaften, wieder einen Gebirgspass: Jhatingiri, in 2012 Metern Höhe. Hier, am Scheitelpunkt, gibt es einen lebensbejahenden „Masala Tea“. Hier ist es so karg, kalt und stürmisch, dass du dich fragst, warum hier überhaupt vier bewohnte Häuser stehen.

Nach sechs Stunden Fahrt für die lächerliche Tour von 136 Kilometern (Durchschnittsgeschwindigkeit 22,5 Kilometer pro Stunde) kommen wir müde, erschöpft und hungrig endlich in Barot an. Wir belegen das nettere der zwei „Guest Houses“ des Dorfes, und uns ist es schon fast egal, dass wir das Abendessen, welches wir bei der Ankunft gegen 18 Uhr bestellt hatten, um 23 Uhr vor die Tür gestellt bekommen. Dafür hat Peter dann am nächsten Morgen ein paar Inder zusammengefaltet, als es ums Bezahlen ging.

Am nächsten Tag fällt uns die Entscheidung leicht, einfach hier zu bleiben, denn es regnet Bindfäden und ist bitterkalt, und den Thermo-Regenkombi habe ich auch zu Hause gelassen – ich wollte ja schließlich nach Indien!

3. Tourtag: Barot und Jalori-Pass

Die Straße endet in Barot. Deshalb verfährt sich kaum ein indischer Tourist hierher, außer ein paar Forellenfischer, denn mitten durch das Dorf braust ein gewaltiger Schmelzwasser-Fluss, der auch mit Wehren und Schleusen kaum zu bändigen ist. An diesem Morgen habe ich dann auch noch ständig ein leicht dumpfes Rauschen im Ohr, wie ich es zuletzt nach einem Iggy-Pop-Konzert empfunden hatte. Ist Flusskrach eigentlich eine Lärmbelästigung?

Es geht also wieder die gleiche Strecke zurück, diesmal aber über Mandi. Wir überqueren den Bea River bei Pandoh, diesmal ohne Brücke, offroad sozusagen, und fahren am linken Flussufer auf einer jetzt sehr gut ausgebauten Straße Richtung Nord-Ost. In Larji, 975 Meter hoch, geht es rechts ab zum höchsten Punkt unseres Trips. Eine Haarnadelkurve nach der anderen klettern und kämpfen wir uns den Jalori-Pass hinauf bis zu einer Höhe von 3.223 Metern. Hier liegt der Schnee noch meterhoch, und länger als für eine Chai-Pause und ein Foto willst du dich hier auch nicht aufhalten. Ein herangrollendes Gewitter lässt Böses erahnen. Ein paar Kilometer unterhalb des Jalori-Passes finden wir Unterschlupf in einem komfortablen „Guest House“, wo wir diesmal auch mit wirklich köstlichen indischen Gerichten verwöhnt werden. Nur mit dem Bier ist das so ein Problem. Himachal Pradesh ist „Strictly Hindu State“. Das heißt, es gibt nur sehr wenige lizensierte „Wine Shops“, die Alkohol verkaufen dürfen und auch das nur zu saftigen Preisen. Aber Motorrad fahren ohne Bier geht ja wohl gar nicht, und so muss Bunti mit seinem Jeep schon mal ein paar Umwege fahren, um bei den spärlich gesäten Distributoren die Biervorräte aufzukaufen, bevor die durstige Horde einfällt.

„Home on the Ranch“, und wir feiern Peters Geburtstag. Woody Woodbaker hat einen Kuchen gebacken, und wir trinken indischen Wein aus Goa. Peter erzählt uns, wie er es vom „Rock Business Entrepreneur“ zum anerkannt professionellsten Motorradreise-Anbieter in Asien gebracht hat, und Woody berichtet mit einem leicht nostalgischen Schmunzeln, wie er mit 23 Jahren von Berlin mit dem Mofa nach Indien gefahren ist, schließlich irgendwann Hunger auf gutes Brot hatte, von seiner Mutter ein Päckchen Dr.Oetkers Trockenhefe geschickt bekam, um dann die erste „German Bakery“ in Asien aufzumachen. Aber das ist eine andere Geschichte...