In Großenkneten kennen sie das. Eine Zeit lang wurde dort immer wieder das gleiche Straßenschild geklaut, und zwar in der Regenter Straße, wo die Band Trio mal lebte. In Liverpool schraubten Beatles-Fans in der Penny Lane die Schilder ab. In Memphis kamen sie auf die Idee, am Elvis Presley Boulevard die Schilder an der Stromleitung zu befestigen. Seitdem verschwinden dort keine Schilder mehr.

Graceland, die Villa von Elvis, soll nach dem Weißen Haus das meistbesichtigte Gebäude der USA sein. Was das bedeutet: Wie ein nicht enden wollender Python schlängeln sich die Besucher durch das Haus und über das Anwesen. Der Sound der Massenabfertigung übertönt vieles. Du siehst die Overalls, die Autos, die Flugzeuge, den Erfolg, den Größenwahn und das Grab. Und Gift Shops, jede Menge Souvenirläden. Nur eines hält das Sortiment leider nicht mehr bereit: Wackel-Elvisse sind out. 

GOD #elvispresley #mikelerentxun

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Die Besichtigung kostet zwischen 33 und 70 Dollar. Je nachdem, ob du das Mansion-only-, Platinum- oder VIP-Paket wählst. „Welcome To My World“, singt der King beim Eintritt in die Villa über den Audioguide. Am Ende der Tour durch den gigantischen Gift Shop Graceland hallt der Song sehr bitter und gar nicht mehr süß nach. Du kannst erahnen, wie sehr Elvis zu Lebzeiten unter dem Druck des Pythons, unter all den Erwartungen von Fans, Musikindustrie und Manager, gelitten haben muss.

Ein Muss für Elvis-Fans

Memphis, mit 1,3 Millionen Einwohnern nach Nashville zweitgrößte Stadt im US-Bundesstaat Tennessee, ist für Elvis-Fans ein Muss. Auch wegen Sun Records und dem dazugehörigen Tonstudio, wo nicht nur Elvis, sondern auch Johnny Cash seine ersten Songs aufgenommen hat. Nur 170 Kilometer sind es bis nach Tupelo, wo das bescheidene Elternhaus von Elvis steht. Wer dort war, kann verstehen, wieso er alles dafür getan hat, ein King zu werden und zu glitzern wie das Sternenzelt. Auch ein Tagesausflug ins 340 Kilometer entfernte Nashville ist von Memphis aus gut machbar. Dort hat Elvis 13 Jahre lang im Studio B seiner Plattenfirma RCA seine Lieder eingesungen.

„Of course“, sagt John Doyle, Direktor des Rock ’n’ Soul  Museum. „Graceland ist das Mutterschiff. Aber Memphis ist mehr als die Stadt, in der Elvis lebte.“ Er meint den Mississippi und die Baumwollfelder, den Blues, die Soulmusik und die beiden anderen Kings, die Spuren hinterlassen haben: B. B King und Martin Luther King. B. B. King, die 2015 gestorbene Blueslegende, betrieb einen Blues-Klub und ein Restaurant an der Beale Street. Das Stadtmarketing bewirbt die Straße mit dem Slogan „Home of the Blues“. Denn früher entwickelte B. B. mit Muddy Waters und anderen dort den Memphis Blues. Heute geht es dort zu wie auf der Bourbon Street in der Jazzstadt New Orleans. Viel Neon, viele Touristen, viel Partyvolk.

Martin Luther King starb in Memphis

Der dritte King, Martin Luther, der Star der Bürgerrechtsbewegung, wurde in Memphis ermordet. Der Tatort, das Lorraine Motel, ist Teil des National Civil Rights Museum. Noch immer parken zwei weiße Schlitten, ein 1958 Dodge und ein 1968 Cadillac, vor der Tür mit der Nummer 306, so wie an jenem Abend. Auch das Zimmer ist wie eingefroren. Dr. King hatte sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt, bevor er auf den Balkon trat. Die Tasse steht noch da. Scheinbar unberührt. Auf dem Bett liegt die Zeitung vom 4. April 1968. Um 18.01 Uhr fiel der Schuss. 

#LorraineMotel

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In den Sechzigern wurden die Schreie nach Freiheit und Gleichberechtigung in den USA immer lauter und die schwarzen Stimmen immer selbstbewusster. Solomon Burke, Curtis Mayfield und James Brown drückten diese Atmosphäre in Songs wie „I Wish I Knew (How It Would Feel To Be Free)“, „We’re The Winner“ und „I’m Black And I’m Proud“ aus.

Der Memphis-Sound: Gospel und Straßensoul

Auch in Memphis gab es ein legendäres Plattenlabel. Stax Records landete bis zum Konkurs Mitte der 1970er Jahre 237 Top-Ten-Hits. Der größte Star hieß Otis Redding, der ewige Konkurrent war Motown in Detroit. Motown-Soul galt als weiß gewaschen, für ein weißes Publikum produziert, der Memphis-Sound dagegen klang dreckiger. Mehr Schreie. Mehr Gospel. Straßensoul.

Al Bell ist ein Zeitzeuge. Er marschierte mit Dr. King, und er war Mitinhaber von Stax – einer der ersten Schwarzen in den USA, die gleichberechtigt mit Weißen ein Geschäft führten. Wer Glück hat, trifft ihn im Stax Museum of American Soul Music oder im Fourway Grill ein paar Straßen weiter, wo die Stax-Leute früher gerne Truthahn mit Kartoffelbrei und Kohl aßen. Auch Dr. King kehrte im Fourway ein, wenn er in der Stadt war. Du hast dort, am Originalschauplatz, den Eindruck, nie besseren Kartoffelbrei gegessen zu haben.

„It’s not the aptitude, but the attitude that determines your altitude“, habe ihm Martin Luther King immer wieder gesagt, erzählt Bell, der 1940 geboren wurde. Nicht das Talent, sondern die Haltung bestimme die Flughöhe. Die von Toleranz und Respekt geprägte Haltung von Stax verkörperte niemand so eindrucksvoll wie die Band Booker T. & The M.G.’s, vier Studiomusiker, zwei Schwarze und zwei Weiße, die auf vielen Aufnahmen des Labels zu hören sind. Auch die Memphis Horns, die Stax-Bläsertruppe, lebten schwarz-weiße Partnerschaft vor.

Leidenschaft für die Memphis Grizzlies

Otis Redding starb 1967, Elvis 1977. Was bewegt die Stadt am Mississippi heute? In erster Linie die Basketballer der Memphis Grizzlies und deren Formkurven zwischen NBA-Halbfinale und Verpassen der Playoffs. Alle scheinen mitzufiebern. Viele tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Believe Memphis“. Glaube an Memphis.

Auch an Stax wird weiter geglaubt. Das Label gibt es nicht mehr, aber die Idee lebt in der Stax Music Academy weiter. Teenager aus einigen der ärmsten Viertel von Memphis lernen dort singen und tanzen, wie das Showgeschäft funktioniert, welch heilende Wirkung Soulmusik in trostlosen Zeiten haben kann.

Einer der Stax-Schüler ist Andrew McNeill. Der 20-Jährige ist Drummer. Er schwärmt von Booker T. & The M.G.’s, will selbst Studiomusiker werden. Andrew ist einer von nur wenigen Weißen an der Schule. Er sei seit anderthalb Jahren dabei, erzählt er. Niemand habe in dieser Zeit mit dem Finger auf ihn gezeigt und „Oh, there’s the white kid“ gerufen. „Ich werde hier nicht als Weißer akzeptiert, sondern als Musiker.“ Dass junge Amerikaner heute so denken – genau davon hatte Martin Luther King damals geträumt.