Rob zeigt die Beute der frühabendlichen Safari in der Hotellobby, als wär’s der eben gewonnene Pokal der Champions League: ein rotgolden leuchtender Königstiger, ein Bengalischer Tiger in freier Natur. Vor knapp zwei Stunden befand sich das Tier in Streichelweite, besser: Es schlenderte auf den offenen Geländewagen zu, in dem Rob mit zwei Kumpels stand. Sogar das Zittern von Robs Hand ist auf dem iPad zu erkennen.

Robs Wunsch ist erfüllt, am nächsten Morgen fliegt der Zweizentnertyp zurück nach Hause, nach Hawaii. Im Handgepäck der gefilmte Beweis seines Erfolgs. Rob hat ihm ins Auge geblickt, dem König der Tiere.

Auf Fotosafari im Naturpark

Unser Jagdglück, das der Teilnehmer der morgendlichen Safari im Ranthambhore-Nationalpark, gerät im Vergleich zu Robs Ausbeute eher bescheiden. Wir sehen den Tiger ebenfalls, aber doch 30 Meter entfernt und gemächlich von dannen gehend. Ein schöner Rücken muss uns genügen, wenn es denn ein Königstiger ist.

Glaubt man Indienkennern, ist die Chance, eine der vom Aussterben bedrohten Raubkatzen in geschützter Wildnis zu erleben, im Tigerreservat von Ranthambhore ziemlich groß. Etwa 40 der einzelgängerischen Kraftstrotze sollen derzeit auf dem 400 Quadratkilometer großen Areal herumtigern.

Naturpark: Jagdgrund der Maharadschas

Bleiben die Tiere dort, ist alles unter Kontrolle, erläutert Daulat Singh Shaktawater, Chef über sieben Ranger und 200 Aufseher im Ranthambhore-Reservat. Verlassen die Tiger den Naturpark, in dem sie jegliche Scheu vor Menschen verloren haben, wird es jedoch lebensgefährlich – für Mensch und Tier. 

Der Naturpark war einst herrschaftlicher Jagdgrund des Maharadschas, wovon noch mehrere jahrhundertealte Pavillons im Park zeugen. Leoparden und Hyänen, Sambar- und Axishirsche, Wasserschildkröten, Sumpfkrokodile, Kraniche und 270 weitere Vogelarten fühlen sich in dem Areal augenscheinlich wohl. Pfauen, das Reittier mehrerer Götter des Hinduismus, stolzieren in Gruppen neben unserem Wagen her, während die silbergrauen Hulmanaffen in den Akazien über unseren Köpfen turnen. Die kreischende Primatenart gilt als Inkarnation Hanumans, eines hinduistischen Gottes in Affengestalt. 

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Hanuman ist jedoch nur einer von etwa 33 Millionen Göttern, die der Hinduismus kennt und zu dem sich der größte Teil der Inder bekennt. Deshalb grasen auf den Grünstreifen von sechsspurigen Autobahnen zwischen Rajasthans Hauptstadt Jaipur und der 16-Millionen-Metropole Delhi auch seelenruhig Kühe. Denn sie sind gemäß dem hinduistischen Glauben ebenfalls heilige Tiere.

Ein Tag im Nationalpark

Einen ganzen Tag lang lassen wir uns von der Tierwelt des Nationalparks verzaubern. Dann werden wir zurück in den indischen Alltag geworfen – in den Alltag der Ärmsten der Armen. Sie mussten 1989 ihre Häuser verlassen, als der Park errichtet wurde. Für sie wurde seinerzeit das Sozialunternehmen Dastkar Ranthambhore gegründet, das rund 300 Frauen aus den Dörfern im Umkreis des Tigerreservats ein bescheidenes Auskommen ermöglicht.

Das hinduistische Wort Dastkar bezeichnet einen Menschen, der sein Handwerk versteht. Zwölf Frauen arbeiten in einem einfachen, ebenerdigen Haus, alle an Nähmaschinen. Zwei weitere bedrucken an einer Art Tapeziertisch Stoffe nach alten Mustern. Eine Frau ordnet im Verkaufsraum die Waren, die die Frauen von Dastkar herstellen und die das Unternehmen zu angemessenen Preisen vertreibt.

Unter dem Vordach des Hauses handarbeiten weitere Frauen an Kleidern, Taschen, Kissen, Stofftieren. Dazwischen laufen oder schlafen kleine Kinder, die größeren sind in der Schule. „Meine Kinder müssen in die Schule; das ist wichtig“, sagt Sabro Bano, selbst Analphabetin. Sie bringt schon seit 20 Jahren bei Dastkar an der Nähmaschine ihr Können ein und sichert damit den Unterhalt ihrer großen Familie.

Drei Mädchen und drei Jungen zwischen zwölf und 24 Jahren hat die 46-Jährige mit ihrem Mann, „der arbeitet auch“, sagt sie spontan und lacht herzlich dazu. Und die anderen Frauen, die zuhören, lachen mit über ihre Äußerung. Ein zweischneidiger Scherz. Denn diese Frauen sind daran gewöhnt, viele ihrer Geschlechtsgenossinnen an Baustellen schwere Steine schleppen zu sehen. Derweil sitzen die Männer, ganz in Weiß, im Schatten und palavern. Solche Bilder bleiben im Gedächtnis haften – selbst bei 45 Grad Mittagshitze.

Fort Amber: Atemberaubende Architektur

Die Begegnungen mit dem Tiger und der liebenswürdigen Sabro sind nur zwei von ungezählten Erlebnissen, die man während einer Tour durch Rajasthan im Norden Indiens erleben kann.

So stehen wir Tage später auch sprachlos vor einem architektonischen Klassiker wie dem Fort Amber, einer der jahrhundertealten Befestigungsanlagen auf einem Bergrücken, neben der eine rheinische Ritterburg einer Kichererbse gleicht.

Pompöses Taj Mahal

Nicht zu vergessen auf der Liste der Sehenswürdigkeiten ist natürlich das Taj Mahal, dieses pompöse Mausoleum aus Sandstein und Marmor am Ufer des Flusses Yamuna aus dem 17. Jahrhundert. Auch in Jaipur können wir nicht glauben, was wir sehen: eine vollständig von einer Stadtmauer umgebene rosafarbene Stadt – im Jahr 1876 einheitlich in diesem Farbton angestrichen. Erhalten ist allerdings kein Barbiepuppenrosa, sondern ein verwaschenes Kadmiumrot. Anlass für die kuriose Kolorierung war der Besuch des Prinzen von Wales.

Unendlich viel gesehen haben wir und noch mehr gefühlt: größte Armut, größten Reichtum und trotzdem Demokratie. Und geschmeckt haben wir. Die indische Küche als ein köstliches Kapitel für sich. Erwähnen möchte ich nur die klebrigen Bällchen, die an weichen Krokant erinnern, auf eingekochter Milch basieren und meist mit Kardamom oder Safran gewürzt sind. Peda heißt das himmlische Süßzeug. Man kann es überall kaufen. Aber am besten schmeckt es, wenn der Priester im Mankameshwar-Tempel in Agra, wo ein Lingam – ein von der Natur geformtes Symbol der Gottheit Shiva – aufbewahrt wird, einem ein Peda in die Hand drückt. Oder zwei.