Irgendwo in Illinois. Links und rechts Maisfelder. Dazwischen Beton. Unterwegs auf der berühmtesten Landstraße der Welt, der Route 66, Sinnbild für absolute Freiheit. Doch führt sie wirklich dorthin?

Der US-Highway 66 verband seit 1926 Chicago im Mittleren Westen mit Santa Monica am Pazifikstrand. Manche behaupten, er wurde nur gebaut, damit Al Capone während der Prohibition seinen Schnaps schnell an die Westküste schmuggeln konnte. Fast 4.000 Kilometer war die Strecke damals lang. Heute sind manche Abschnitte nicht mehr befahrbar, der Rest aber wird gepflegt – genauso wie der Mythos.

Dass aus einer der ersten durchgehend befestigten Ost-West-Verbindungen der USA die Straße der Sehnsucht wurde, lag auch an den Träumen, die Dust-Bowl-Flüchtlinge in überladenen Trucks mit nach Kalifornien transportierten. Verarmte Farmer aus Oklahoma versuchten in den 1930er Jahren mit ihren Familien auf dieser Strecke Sandstürmen, Dürre und Wirtschaftskrise zu entkommen. Die Route 66 galt als Arterie in ein besseres Leben. John Steinbeck hat diese Geschichte in seinem Roman „Früchte des Zorns“ verewigt. Von ihm hat die Straße auch den Namen „Mother Road“.

 

Bill Shea aus Springfield ist an der Strecke aufgewachsen, sein ganzes Leben verbrachte er in ihrer Nähe. „Die Straße ist ein Teil von mir, genauso, wie ich ein Teil der Straße bin“, sagt der 64-Jährige. Hin und wieder setzt auch er sich hinter das Steuer seines Wagens, einen weißen Ford Mustang, Baujahr 1969, um einfach nur zu fahren. Warum? Aus dem gleichen Grund wie die Touristen, die sich für ein paar Tage eine Harley leihen: „Um auszubrechen aus dem Alltag.“

Bills Vater, der auch Bill hieß, betrieb jahrzehntelang an der Route 66 eine Tankstelle, die danach ein Museum wurde. Unter den Erinnerungsstücken sind Zapfsäulen aus einer Zeit, als der Sprit noch per Hand gepumpt wurde und 29 Cent pro Gallone – also knapp 3,8 Liter – kostete. Zwischen Staub und Nostalgie stößt man auch auf die Armeeuniform des Vaters. „Er hat den D-Day überlebt“, erzählt der Sohn. Die Allierten befreiten die Welt von der Nazi-Diktatur. Darauf sind die Sheas genauso stolz wie auf ihre Freiheit verheißende Straße.

Schon seit fast 30 Jahren ersetzen fünf Interstates die alte Strecke. Sie ist nicht mehr in offiziellen Highway-Karten verzeichnet, Tausende Touristen aus aller Welt kommen jährlich aber trotzdem, um sie zu befahren. Früher führte die Straße zum Ziel. Heute ist sie selbst das Ziel, und alle Orte entlang des 480 Kilometer langen Route-66-Teilstücks in Illinois wollen mit ihren Motels und Museen mitverdienen. Städtchen wie Pontiac, 160 Kilometer südwestlich von Chicago, profitieren von dem Klischee, das Filme wie „Easy Rider“ mitbegründet haben. Wer Pontiac besucht, kann sicher sein, in Robert T. Russells gastfreundliche Arme zu laufen. „Hi“, begrüßt er die Deutschen, „I am Bürgermeister Bob.“ Für einen Burger in Pontiac ist Zeit, zumal Bobs Städtchen so Fifties-mäßig rüberkommt, als wäre dort „Zurück in die Zukunft“ gedreht worden.

Ein Präsident als Popstar

Im Song „America the Beautiful“, der inoffiziellen US-Nationalhymne, glänzen bernsteingelbe Kornfelder, Städte aus Alabaster – und die Freiheit. Von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit ist die Rede. Wer Illinois bereist, sieht nicht nur eine Menge Maisfelder, er trifft auch auf die Spuren von Amerikanern, die sich für die im Lied besungenen Ideale starkgemacht haben. Der berühmteste heißt Abraham Lincoln. Der Oak Ridge Cemetery in Springfield ist nach Arlington der meistbesuchte Friedhof der USA. Wegen Lincolns Grab. Vor dem Eingang des Mausoleums wacht eine überlebensgroße Skulptur des Präsidentenkopfes. Ein ausschlagendes Pferd soll den zehnjährigen „Abe“ am linken Auge erwischt haben. Seitdem schielte er leicht und wirkte auf andere streng und sanft – und zwar zugleich. Auch dem Denkmal sieht man diesen eigenartigen Blick an. Es soll Glück bringen, an der Lincoln-Nase zu reiben.

Lincoln lebte 24 Jahre in Springfield, der Hauptstadt von Illinois. Er heiratete dort, bekam mit seiner Frau Mary vier Kinder und entwickelte sich von einem Provinzanwalt zum Präsidenten der USA. Zu Lebzeiten war er umstritten, weil er die Nation in einen fürchterlichen Bürgerkrieg führte. Heute ist er eine Ikone, weil er dadurch die Nation einte und danach die Sklaverei verboten wurde. Sein Kampf für die Gleichheit hatte Strahlkraft in die ganze Welt.

Über Lincoln sprechen alle gern, in Springfield ist er der Popstar. Sein Wohnhaus steht Besuchern offen. Dort kann man dasselbe Treppengeländer berühren, das auch der erste bärtige US-Präsident anderthalb Jahrhunderte zuvor angefasst hat. Park Ranger Kyle McGrogan huldigt dem amerikanischen Traum: Während er durch die Zimmer führt, erzählt er die Geschichte des Jungen aus ärmsten Verhältnissen, der sich das Lesen selbst beibrachte und es bis an die Spitze des Staates schaffte. Vor dem symbolträchtigen Old State Capitol in Springfield verkündete der Lincoln-Bewunderer Barack Obama im Februar 2007, dass er für das Präsidentenamt kandidieren wird. Lincoln hatte an gleicher Stelle 149 Jahre zuvor zur Abschaffung der Sklaverei aufgerufen.

Nein, dass ein Schwarzer jemals Präsident wird, daran hatte Frederick Douglass Dixon nicht geglaubt. Genauso wenig könne er es jetzt fassen, sagt der 46-Jährige, dass ein Friedensnobelpreisträger Killerdrohnen aufsteigen lasse. Dixon ist Professor für afroamerikanische Geschichte an der University of Chicago, dort, wo auch Obama Jura unterrichtete. Hin und wieder führt Dixon Touristen durch „Obamaville“. So nennen die Chicagoer den Stadtteil Hyde Park und das benachbarte Kenwood, wo die Obamas vor ihrem Umzug nach Washington lebten und noch immer ein Haus besitzen. Das Eckgrundstück an der Greenwood Avenue wird vom Secret Service bewacht. Das Betreten der Straße ist verboten.

Neue Sehenswürdigkeiten in Chicago

Chicago-Besucher genießen den Blick auf den Michigansee vom einst höchsten Haus der Welt, dem 527 Meter hohen Willis Tower – bis 2009 trug er den Namen Sears Tower –, sie bestaunen die beeindruckende Architektur bei einer Bootstour auf dem Chicago River, sie hören Chicago Blues und essen Deep Dish Pizza. „Je dicker die Pizza, desto mehr Chicago“, heißt es. Seit Obamas Wahl gibt es neue Sehenswürdigkeiten in der Stadt: Die Euphorie um den Hoffnungsträger hat längst nachgelassen, aus dem Messias ist ein umstrittener Präsident geworden. Dennoch wollen viele wissen, wo der Mann, der den Wandel versprach, früher Pizza aß, sich die Haare schneiden ließ – und wo sich Barack und Michelle das erste Mal küssten. Dort, an der Ecke Dorchester und 53. Straße nahe einer Subway-Filiale, erinnert sogar eine Gedenktafel an das erste Date der beiden im Jahr 1989. Er hatte sie zum Eisessen eingeladen. „Ich küsste sie“, erzählte Obama Jahre später in einer Talkshow, „es schmeckte nach Schokolade.“

Wieder auf der Straße. Links und rechts Maisfelder. Dazwischen Ziegelsteine, die vor mehr als 80 Jahren verlegt wurden. Ein Stückchen Route 66 im Originalzustand. Nur zweieinhalb Kilometer ist die historische Strecke lang, dann endet sie. Irgendwo in Illinois. Und man erkennt: Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine amerikanische Straße überall hinführen kann. Selbst die „Mother Road“ schafft das nicht.