Nicht unbedingt das typische Bild für einen beliebten Offshore-Finanzplatz: Vor dem Flughafen der Insel Jersey im Ärmelkanal prägen Felder das Bild, in die Hauptstadt St. Helier führen schmale verwinkelte Straßen.

Und das Personal der Autovermietung versucht, anders als im Rest der Welt, nicht mal ansatzweise, seinen Kunden noch fix eine Handvoll Versicherungen aufzuschwatzen.


Jersey – die etwas andere Steueroase

Keine Hochhäuser, keine Autobahn, nicht mal der Hauch von Touristennepp: Auf Jersey ist manches anders als in anderen Steueroasen wie Singapur, Zürich oder Hongkong. Im Grunde alles.

40 Banken aus aller Welt pflegen auf der Insel vor der Normandie Dependancen. Der Grund ist simpel: In den 1960er Jahren wurde auf Jersey die Steuergesetzgebung zugunsten der Finanzbranche geändert, seitdem zahlen ausländische Firmen auf ihre Finanzgeschäfte keine Steuern mehr. Das führte zu einem Boom in der Branche – knapp 13.000 der insgesamt nur 98.000 Jerseyaner arbeiten heute im Finanzsektor, allen Krisen zum Trotz.

 

Besucher bemerken die sonst oftmals von hektischen Menschen geprägte Branche allerdings höchstens bei einem Bummel durch das quirlige St. Helier. Ansonsten herrscht dörfliches Idyll. Auf Jersey, das merkst du schnell, ist die Kirche bis heute im Dorf geblieben. Die Finanzbranche mag die Landwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftsfaktor längst verdrängt haben – ihr ländliches Äußeres aber hat sich die beschauliche Insel bewahrt.

"Traumschiff"-Dreh in Nordwesten Jerseys

Das ist auch auf dem Anwesen von Judith Quérée so, ganz im Nordwesten Jerseys. In ihrem Garten wachsen rund 2.500 Pflanzen aus aller Welt – die Touristen kommen scharenweise, um das Blumenmeer zu besuchen. Selbst das Fernsehen sei schon hier gewesen, sagt die Hobbygärtnerin: Das ZDF habe jüngst die Szene eines „Traumschiff“-Landausfluges bei ihr daheim gedreht.
 
Auch Vincent Obbard bekommt gern und oft Besuch. Obbard ist in dem prächtigen viktorianischen Anwesen Samarès Manor bei der kleinen Ortschaft St. Clement geboren und heute hier Hausherr. Deswegen trägt er den traditionsreichen Titel „Seigneur de Samarès“, eine Art Landadel, der auf den Kanalinseln weitverbreitet ist. 

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Und auch wenn Obbard heutzutage längst nicht mehr die damit verbundenen alten Lehensrechte ausüben kann – sein Titel führt nach wie vor dazu, dass er etwa bei einem Besuch der britischen Königin vor ihr niederknien und ihr seine Loyalität versichern muss.

Jersey ist Queen Elizabeth unterstellt

Großbritannien und die Kanalinseln pflegen eine ganz besondere Beziehung: Weder Jersey noch ihre Nachbarn Guernsey, Alderney, Sark und Herm sind Teil des Vereinigten Königreichs – übrigens auch nicht der EU. Die Inseln sind sogenannter Kronbesitz, das bedeutet, dass sie direkt der britischen Königin unterstellt sind.
 
Und zwar nicht etwa, weil sie das Oberhaupt von Großbritannien ist, sondern wegen ihres historisch begründeten Titels der Herzogin der Normandie. Und in der Tat liegt Jersey beachtliche 160 Kilometer von der britischen Küste entfernt, aber nur 20 Kilometer vom französischen Festland.

Britische Hausmannskost trifft Haute Cuisine

Viel Frankophiles finden Besucher hier indes nicht mehr: Straßennamen sind oft noch französisch gehalten, werden aber englisch ausgesprochen, das Essen ist ein Mischmasch aus britischer Hausmannskost mit einem Hauch französischer Haute Cuisine. Und wer Glück hat, hört hier und da auf dem Land auch noch einen Einheimischen im alten normannischen Dialekt sprechen, der hier vor Jahrhunderten vorherrschte. Das war es dann aber auch mit der französischen Vergangenheit.
 
Alltagssprache ist heute Englisch, Autos fahren seit jeher auf der linken Seite, im Pub gibt es Bier aus Pint-Gläsern, wie auf den großen Britischen Inseln randvoll eingeschenkt, und bezahlt wird mit Pfund – wenn auch mit speziellen Jersey-Noten und -Münzen, die aber demselben Währungskurs unterliegen wie das Pfund Sterling. Jersey heute, das ist so etwas wie Englands schönste Seiten komprimiert auf sehr angenehme 116 Quadratkilometer. Nicht zu klein, um sich zu langweilen, aber auch nicht zu groß, um nicht bei Wanderungen oder einer Radtour bequem größere Teile der Insel entdecken zu können.

Schmackhafte Jersey Royal Potato

Arthur Lamy ist einer der sogenannten Blue-Badge-Guides, der offiziell zugelassenen Führer, die Besucher unter anderem auf dem Rad zu den mitunter versteckten Ecken Jerseys führen. Seine Tour von der Inselhauptstadt St. Helier gen Norden führt von der Burgfestung Elizabeth Castle vorbei an dörflichen Siedlungen und einem guten Dutzend Kartoffelfeldern. Jersey Royal Potato heißt die Sorte, die fast schon flächendeckend auf der Insel angebaut wird und die einer der Hauptexportartikel ist. Vor allem in Großbritannien sei die „Jersey Royal“ beliebt, sagt Lamy. 

Immer wieder grasen Jersey-Kühe auf Weiden, die typischen hellbraunen Tiere, die eine besonders fettreiche und eiweißhaltige Milch abgeben. Sie sind der Garant dafür, dass beispielsweise das Eis auf der Insel seinen typischen sahnigen Geschmack erhält.

Wie fühlen sich die Inselbewohner in diesem Mix aus britischem Lebensstil und französischer Nähe? Als Brite? Als Franzose? „Als Jerseyaner“, entgegnet der passionierte Radfahrer Lamy umgehend und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Jerseyaner schon sehr stolz darauf sind, eigenständig zu sein. Das bedeutet auch: Unabhängig von den anderen Kanalinseln – kleine freundliche Rivalitäten unter Nachbarn gehören wie überall zum Alltag.

Eindrucksvolle Burg: Mont Orgueil Castle

Die unaufgeregte Vermischung von Besuchern und „echten“ Jerseyanern ist indes typisch für diese Insel. Selbst wer den beliebten Touristenort Gorey besucht, wird nicht nur Reisenden begegnen. Es sind vor allem Einheimische, die es in Scharen hierherzieht. Wohl auch, um die eindrucksvolle Kulisse von Mont Orgueil Castle zu genießen, einer in Teilen aus dem 13. Jahrhundert stammenden Burganlage, die hoch über dem Hafenort thront. Erbaut wurde Mont Orgueil Castle einst als Festung zur Verteidigung gegen französische Truppen. Heute gilt es als eines der schönsten historischen Bauten der Insel. 

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Deutlich unansehnlicher sind die Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg: Hitlers Armee hatte die Kanalinseln zwischen 1940 und 1945 besetzt und trieb dort den Bau ihres „Atlantik-Walls“ voran. Zahlreiche Betontürme und Bunker verschandeln bis heute die Küsten, weil sie sich wegen ihrer massiven Bauweise nicht so einfach sprengen lassen. Die Insulaner hoffen, dass früher oder später Gras über sie wachsen wird. Die Aussichten sind gut: Das milde Klima könnte hilfreich sein.