Lippold von Klencke legt Wert auf Beständigkeit. Dabei geht es dem pensionierten Ministerialbeamten nicht nur um sein eigenes Leben. Der 69 Jahre alte Adelsspross steht in einer Kontinuität von einem halben Jahrtausend. Denn so lange schon befindet sich das Rittergut Hämelschenburg, das von Klencke 1973 von seinen Eltern übernahm, im Besitz seiner Familie. Und der Vater von vier erwachsenen Kindern tut alles dafür, dass dies so bleibt.

Gemeinsam mit seiner Frau Christine, einer gebürtigen Amerikanerin, lebt von Klencke wie bereits auch seine Vorfahren auf dem Schloss, das majestätisch über dem gleichnamigen Dorf bei Hameln thront und den Eindruck vermittelt, als könnte hier jederzeit Schneewittchen Einzug halten – begleitet von einem Prinzen, eskortiert von den sieben Zwergen. Märchenhaft spiegelt sich die graue Kalksandsteinfassade mit den Türmen und Erkern im vorgelagerten Schlossteich.

Die Burg ist ein wahres Juwel

Doch die Hämelschenburg ist kein Märchenschloss. Der Prachtbau blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Schon 1588 begann der Söldnerführer Jürgen von Klencke damit, seine Burg zu einem Wasserschloss im Stil der Renaissance auszubauen. Heute gilt die Hämelschenburg mit ihrem Mix aus italienischen, niederländischen und französischen Stilelementen als Hauptwerk der Weserrenaissance, als Juwel einer Kette von Palästen, die von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg entlang der Weser entstanden.

Älter noch als das Schloss ist die herrschaftliche Anlage mit dem großen Renaissancegarten, der Wassermühle und der kleinen, aber feinen Schlosskapelle, die als ältestes evangelisches Kirchengebäude der Welt gilt. Harmonisch fügt sich das Anwesen in die Hügellandschaft des Weserberglands ein, wie in alten Zeiten bewässert von der Emmer. Schon 1437 übertrugen die Welfen das Gut der Ritterfamilie von Klencke als Lehen. Und die Nachfahren bewirtschaften ihr 380 Hektar großes Rittergut heute noch. Wie früher versorgen eigene Quellen das Schloss mit Trinkwasser, aus der einstigen Wassermühle ist eine Stromerzeugungsanlage für 200 Haushalte geworden.

Besucher können historische Düfte kaufen

Auch sonst hat sich Lippold von Klencke einiges einfallen lassen, um den Erhalt seines Anwesens zu finanzieren. Repräsentative Räume werden für Feiern vermietet, den Kuhstall hat der Schlossherr zu einem Besucherzentrum umbauen lassen. „Man muss immer wieder geeignete Nutzungsmöglichkeiten finden, um teure Bauarbeiten zu finanzieren und den steigenden Anforderungen des Fremdenverkehrs gerecht zu werden“, sagt von Klencke. Bei einem Besuch wird spürbar, dass der Geist vergangener Zeiten auf der Hämelschenburg noch lebendig ist.

In einem der alten Wirtschaftsgebäude duftet es zum Beispiel nach Zimt, Nelken und Orange. Eine Seifensiederin verarbeitet hier nach alten Rezepturen ätherische Öle. In der Wassermühle ist ein Kunstatelier entstanden, und nebenan findet sich eine Holzwerkstatt. Im Schlosscafé und Biergarten besteht die Möglichkeit, sich mit neuzeitlichen Speisen und Getränken für eine Schlossführung zu stärken, die im Besucherzentrum ihren Ausgang nimmt.

Ein Spaziergang durch 500 Jahre Geschichte

Der historische Spaziergang führt durch fünf Jahrhunderte. Er beginnt in der Eingangshalle mit dem Kronleuchter aus Hirschgeweih, die auch ein Porträt Anna von Holles zeigt. Die Frau des Schloss-Erbauers, die 14 Kinder zur Welt brachte, führte das Bauprojekt nach dem Tod ihres Mannes zu Ende und bot während des Dreißigjährigen Krieges dem katholischen Heerführer Tilly die Stirn. Eine der starken Frauen, die auch in anderen Schlössern an der Weser Großes im Hintergrund bewirkten.

Im Bummelschritt geht es weiter durch die Jahrhunderte – durch den früheren Tanzsaal, der einmal ein Pferdestall war und heute als Trauzimmer dient, durch Schlafzimmer, Bankettsaal, Biedermeier-Wohnzimmer und Keller mit Waschküche und Waffensammlung. Am Ende stehen die Gegenwart und das Bekenntnis der heutigen Schlossbewohner, das Erbe auch künftigen Generationen zu erhalten. Dabei ist klar, dass Lippold von Klencke den Stab bald an seinen ältesten Sohn Ludolf weiterreichen wird. Erbteilung ist mit den überlieferten Statuten nicht vereinbar.

Gastfreundschaft für Pilger auf dem Jakobsweg

Geteilt wird das herrschaftliche Anwesen nur durch eine viel befahrene Straße. Auf der einen Seite erstreckt sich der Renaissancegarten mit der Kirche und dem Besucherzentrum, auf der anderen Seite erhebt sich das Schloss, umgeben von einem englischen Landschaftspark, der nahtlos in die Wälder und Wiesen der Umgebung übergeht und verblüffende Perspektiven eröffnet. Exotische Baumarten wie die Ahornblättrige Platane streben hier in den Himmel. Im Park ist auch eine kleine Pyramide zu bestaunen, die der berühmte Architekt Georg Ludwig Friedrich Laves einst entwarf – als Reminiszenz an die geplante Ägyptenreise einer schwindsüchtigen Schlossherrin, die vor dem Reiseziel der Tod ereilte.
Bisweilen kommt es auch vor, dass Reisende auf der Hämelschenburg Station machen: Menschen, die auf der Pilgerroute zwischen Loccum und Volkenroda unterwegs sind. Lippold und Christine von Klencke tun das Ihre, damit sie ihr Ziel auch erreichen.

Gastfreundschaft hat auf der Hämelschenburg Tradition. Dafür steht vor allem die Pilgerhalle mit einer Durchreiche zur früheren Küche. In die Sandsteinwand sind Jakobsmuscheln eingearbeitet, die an den heiligen Jakobus erinnern, den Schutzheiligen der Pilger. Denn der Jakobsweg nach Santiago de Campostela führt auch an der Hämelschenburg vorbei.