Vielleicht liegt das neben dem schwäbischen Dialekt an der Angewohnheit der Stuttgarter (schwäbisch: „Schduegerder“), alles lieb gewonnene und geschätzte mit der Nachsilbe „-le“ zu versehen: Schätzle, Spätzle, Lätzle* (Begriffserklärung siehe unten). Der schwäbische Diminutiv lässt einfach alles klein und niedlich klingen. Dabei hat Stuttgart dieses Understatement gar nicht nötig!

Das Auto-Mekka: Hier fährt sogar der Notarzt Porsche

Schließlich wurde nicht nur die Ewige Stadt Rom auf Sieben Hügeln erbaut, sondern auch Stuttgart. Zumindest gefühlt. Wer einmal an der Weinsteige oder am Pragsattel im Stau stand, der weiß das. Anhalten, anfahren am Berg, anhalten, anfahren am Berg. 45 Minuten für fünf Kilometer sind am Feierabend keine Seltenheit.

Und das ausgerechnet im Auto-Mekka, der Stadt von Gottlied Daimler und Ferdinand Porsche! Stuttgart wurde von den beiden Pionieren der Automobilindustrie so sehr geprägt, dass in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs sogar der Notarzt mit einem Porsche Cayenne kommt. Autos ohne den silbernen Stern oder Pferd in der Mitte des Logos ernten von dem richtigen Stuttgarter ein genauso mitleidiges Lächeln wie der Satz „Ich habe keinen Bausparvertrag“.

Trotz der Vorliebe der Stuttgarter für schöne und schnelle Autos kann sich auch die Stadtbahn sehen lassen. Von manchen Nordlichtern wird sie abschätzig „Proletenwurm“ genannt. Denn die berüchtigte Kehrwoche beherrschen die Schwaben nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern auch in U-Bahnen und an allen öffentlichen Plätzen der Stadt. 

Auch Stuttgart hat ein Herz

Zum Beispiel am Schlossplatz, dem bildhübschen Herzen der Stadt und beliebtesten Fotomotiv der Touristen. Der quadratische Platz ist in der Mitte der Königstraße, der 1,2 Kilometer langen Shopping-Meile der Stadt. Auf dieser barocken Gartenanlage mit drei Brunnen steht auch die 30 Meter hohe Jubiläumssäule mit einer Figur der Göttin Concordia.

Sitzt du auf dem gepflegten Rasen in der Mitte des Platzes oder hattest sogar das Glück, einen Platz auf einer Bank zu ergattern, siehst du in nordwestlicher Richtung direkt auf den Königsbau. Er wurde zwischen 1856 und 1860 im Auftrag von König Wilhelm I. im spätklassizistischen Stil erbaut. Heute beherbergt er vor allem Geschäfte und Cafés. Zum Beispiel das ebenfalls von König Wilhelm im Jahre 1959 nach Pariser Vorbild geschaffene „Café Königsbau“.  

Vom ersten Stock des Cafés hast du bei jedem Wetter einen tollen Blick auf die herumwuselnden Menschen auf der Königstraße, den Schlossplatz und das Neue Schloss. Auch das Wahrzeichen der Stadt ist vom Schlossplatz aus gut zu sehen: Der knapp 217 Meter hohe Fernsehturm im Stadtteil Degerloch, der entgegen seines Namens zweihundert Meter über der Innenstadt liegt.

Ruhiger als der immer volle Schlossplatz ist der kleinere Karlsplatz hinter dem Alten Schloss. Damit das vom Meer weit entfernte Stuttgart auch mal zu frischem Fisch kommt, findet auf dem von stattlichen Kastanienbäumen umrahmten Platz einmal im Jahr der Hamburger Fischmarkt statt. Jeden Samstag ist hier Flohmarkt.

Nur ein paar Schritte weg vom Karlsplatz kommt der Schillerplatz, der zu Ehren Friedrich Schillers angelegt wurde. Denn Stuttgart ist nicht nur das Auto-Mekka, sondern auch die Stadt der Dichter und Autoren. Neben Schiller lebten auch Friedrich Hölderlin und Eduard Hölderlin in der Landeshauptstadt. Letzterer ist in Stuttgart zehn Mal umgezogen.

Lieb und teuer 

Das würde er sich heute angesichts der astronomischen Mietpreise und den Kampf um bezahlbaren Wohnraum wohl zweimal überlegen, wäre er noch am Leben. Wer in Stuttgart zentral wohnen will, muss im Schnitt fast 16 Euro Miete für einen Quadratmeter Wohnfläche berappen.

Die Mieter einer begehrten Killesberg-Wohnung zahlen sogar über 20 Euro pro Quadratmeter. Aber da der gemeine Schwabe eh lieber kauft statt mietet, verwundert es kaum, dass die Luxus-Wohnungen in dem neuen Wohnturm „Cloud No. 7“ am Hauptbahnhof in kürzester Zeit reserviert oder verkauft waren. Und das bei Kaufpreisen von bis zu 15.400 Euro pro Quadratmeter!

Stuttgart ist seit vielen Jahren ein teures Pflaster. Schön wird es wie so vieles erst, wenn man es von oben betrachtet. Dafür ist das von vielen Plätzen der Stadt aus umsonst. Der vielen Hügel sei Dank! Von der Karlshöhe im Stuttgarter Westen, dem Weißenburgpark oberhalb der Neuen Weinsteige und dem Santiago-de-Chile-Platz an der Haltestelle „Weinsteige“ hast du zu jeder Tageszeit einen tollen Blick auf den berühmten „Talkessel“.  

Ein bisschen verunstaltet wird dieser Ausblick lediglich durch die Großbaustelle Stuttgart 21 rund um den Hauptbahnhof. Aber der neue Durchgangsbahnhof soll ja 2021 fertig sein.

*Lätzle: Umhängetuch für Kinder beim Essen