Am dritten Tag standen Katja und ich links und rechts unseres Mietwagens auf der Straße und schrien uns an. Ich schwöre, ich habe keine Ahnung, woran sich der Streit entzündet hatte. Auf jeden Fall war es in diesem Moment wirklich, wirklich wichtig. Wir waren in Tunesien und wollten gerade in die Wüste fahren. Kurz vor acht Uhr morgens, eine kleine Gasse hinter unserem billigen Hotel in der Küstenstadt Monastir. 

Das kam überraschend. Unsere Freundschaft war da erst ein Jahr alt, doch wir sind eigentlich in den spannenden Punkten unterschiedlich, in den richtigen Punkten gleich. Sie hat die ganze Welt gesehen, viel Erfahrung in arabischen Staaten. Ich war damals noch nie aus Europa raus, es sei denn, ein Hotelurlaub in einer türkischen Bettenburg zählt. Und ganz ehrlich: Der zählt nicht. 

Allein reisen kann nicht die Lösung sein

Lag es an unterschiedlichen Erwartungen, dem Grundstein aller Psychokriege? Wir beide hatten Bock auf Tunesien, wollten die Städte erkunden, durch die Wüste fahren, die Salzseen sehen. Ich wollte das Essen probieren, sie die Menschen kennenlernen. Passt also. In der Theorie. In der Praxis war ich verdammt unsicher unter all den fremden Menschen mit ihrer lauten Sprache, so kurz nach der Revolution.

In der Praxis streiten wir uns auf Reisen. Als Teenager mit den Eltern, später mit Freunden, mit dem Partner und schließlich mit den eigenen Teenager-Kindern. Der Kreislauf der Katastrophen. Wer das volle Programm will, der kann ja noch mit den Schwiegereltern nach Gran Canaria fliegen, viel Spaß.

Das Internet rät: Fahr nicht mit Freunden in den Urlaub. Ich würde sagen: Fahr unbedingt mit Freunden in den Urlaub! Und leb mit den möglichen Konsequenzen.

Freunde auf einer Trekking-Tour.
Mit Freunden in den Urlaub? Unbedingt! Foto: unsplash.com/Matt Heaton

Warum wir streiten

Wir streiten, weil Erwartungen unterschiedlich sind, obwohl sie an der Oberfläche gleich wirken. Auch ein Urlaub hat eine A-Note für die Technik und eine B-Note für die Kür. 

A – haben wir alles gesehen, alles erlebt? Unsere A-Ziele können wir vorab besprechen. 
B ist schwieriger: Fühlt es sich so an, wie ich es mir gewünscht habe? Das hängt von vielen Kleinigkeiten ab. Tagesform zum Beispiel.

Doch ein Urlaub ist etwas Besonderes. Er fühlt sich groß an, einzigartig. Immer schwingt das Wissen mit: So schnell bin ich nicht wieder hier. Es entsteht eine innere Checkliste, und die muss abgehakt werden. Bei uns sah sie ungefähr so aus:

☑️ Shakshuka essen (beide)
☑️ Tee mit Einheimischen trinken (sie)
[ ] Die Wüste sehen (beide) 
☑️ Ruinen erkunden (ich)
☑️ Viel lesen (sie)
☑️ Glücklich sein (beide)
☑️ Mich in Karthago wie Lara Croft fühlen (ich)

Tee mit Einheimischen trinken lohnt sich. Katja hat mich über die Jahre in die Verkaufshöhlen vieler Händler gezogen, durch schmale Gänge voller Teppiche, Kleider, Lampen. Ich trank mit ihr Tee im Sinai, in Bethlehem, Jerusalem, sprach über Wirtschaft, Politik, das Leben. Allerdings: Ich bin ziemlich schüchtern. Und ich spreche genau drei Wörter arabisch: Tamam (ja, gut), In schā'a llāh (vielleicht, so Gott will) und Ḥarām (Sünde). Das ist echt wenig. Und als wir damals in Tunesien bei unserer allerersten Reise zum allerersten Mal in einem kleinen Hinterzimmer auf Kartons saßen, Tee tranken und über Politik sprachen, verkrampfte ich innerlich. Ich hatte Angst, ich weiß bis heute nicht, wovor. Katja tat genau das, wofür sie hergekommen war. Ich tat nichts, schwieg, meine Anspannung stieg. Ich wollte gehen, sie wollte bleiben. 

Nah, näher, Reisepartner

Die besten Beziehungen im Leben sind die, die manchmal weh tun. „Anyone who can touch you can hurt you or heal you“, singt Natasha Bedingfield und das ist möglicherweise das klügste, das je über Beziehungen gesungen wurde. Wer nah genug ist, dich zu berühren, der kann dich verletzen oder heilen. Und Freunde sind uns nah, genau wie Partner, genau wie Eltern, Schwestern, Brüder, Kinder. 

Auf Reisen kommen wir uns noch näher. Wachen nebeneinander auf, richten unsere Tage aneinander aus, unsere Abende, sogar die Schlafrhythmen müssen wir irgendwie synchronisieren. Ich bin eine chronische Urlaubs-Frühaufsteherin und schlafe auf aktiven Reisen um 21 Uhr abends kommentarlos ein. Zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben halten es auch so, Glück für uns. 

Mit allen anderen (ebenfalls wichtigen) Menschen fängt hier die Ungleichheit schon an. Katja lässt die Fenster offen, ich brauche Ruhe. Fortan schlief sie auf dem Balkon. Ich sperrte die Geräusche der Nacht aus, sie tauchte voll ein. Früh am Morgen weckte sie mich mit dem Ruf des Muezzins – einen schöneren als im Tunesischen Monastir habe ich nie gehört. Kein Streit also an dieser Stelle, einfach ein schneller Kompromiss. Heute machen wir das immer so: Probleme aufspüren, Blickwinkel besprechen, praktikable Lösung suchen. Spart Zeit. 

Freunde am See.
Die besten Beziehungen im Leben sind die, die manchmal wehtun. Foto: unsplash.com/Chad Madden

Eine kleine Biologie der Streithähnchen

Unsere Methodik im Streit hat sich angepasst. Und ohne dass wir es geahnt hätten, haben wir uns beide in eine Streit-Schublade gesetzt. Es gibt nämlich drei Streit-Typen unter uns Menschen, sagt John Gottman. Der Psychologe erforscht die Liebe, also unsere engsten Beziehungen im Leben, dafür hat er hunderte Menschen über viele Jahre beobachtet. 

1. Die einen wollen einen Kompromiss finden, der beide glücklich macht.
2. Andere wollen verstanden werden. Das Gegenüber soll endlich einsehen, dass es nicht recht hat. 
3. Und die Dritten haben wirklich keine Lust, jetzt über dieses Thema zu diskutieren. 

Lasst mich noch eine vierte Kategorie ergänzen: die Meta-Streiter. Die regen sich nach dem ersten Wortwechsel direkt darüber auf a) dass gestritten wird, b) warum gestritten wird und c) wie gestritten wird. Nichts bringt mich schneller und höher auf die Palme. 

Kategorie 1 muss das Ziel sein, da müssen wir hin. Kompromiss finden, weitermachen. In Katja und meinem Fall hat die Zeit uns beide dort hin bewegt. Wir haben oft gestritten, darüber sind wir pragmatisch geworden. Natürlich streiten wir immer noch. Aber anders. Schneller, effizienter, zielorientierter. Also meistens. Manchmal streiten wir gar nicht, weil sich jeder den Ausgang denken kann. 

Die Wüste haben wir an jenem Tag übrigens nicht mehr erreicht, haben dafür aber in Kairouan, El Jem und Mahdia viel gelacht und ich bin mit 70 Sachen über einen Geschwindigkeitshügel gerumst. Danach war es irgendwie gelöst. 

„Einen Streit im Urlaub vermeide ich heute so, wie ich sicherstelle, dass meine Studenten zufrieden sind. Ich stelle Fragen. Mir selbst, und meinen Mitreisenden.“

  1. Wünsche und Motivation klären: Warum seid ihr da? Wer will was?
  2. Sorgen klären: Unsicherheit vor der fremden Kultur? Angst beim Grenzübertritt? Nur wer sich ausspricht, dem kann geholfen werden.
  3. Status-Abfragen: Wie geht es dir bis jetzt? Wie war der Tag für dich? Wer evaluiert, der kann auch gegensteuern. 

… Und ganz ehrlich: Ein bisschen Streit ist normal. Wenn Beide ihn nicht zu ernst nehmen, dann geht er schneller vorbei.