Garðar, den alle nur Gaddy nennen, schwört bei allen Elfen und Trollen Islands, dass es letztmals vor 15 Jahren so eisig kalt hier war. Wie kalt? Glatte minus 19 Grad Celsius um die Mittagszeit. Ohne Wind.

Gefühlt sind es 30 Grad Celsius minus, als wir von unserem Guide Gaddy in den Thingvellir-Nationalpark gefahren werden. Unser Ziel: Wir wollen zwischen den Kontinenten schwimmen, in der spektakulären Silfra-Spalte schnorcheln.

Kontinentalplatten driften auseinander

Die befindet sich da, wo sich eurasische und nordamerikanische Kontinentalplatte seit Jahrtausenden so stark reiben, dass mehr oder weniger breite Erdspalten entstanden sind. Peu à peu driften beide auseinander.

Um dieses Abenteuer zu bestehen, müssen wir uns erst einmal ausziehen. Das geht bei diesen Minusgraden rasant schnell. Über die Skiunterwäsche kommen dann ein Thermoanzug, ein Unterhemd, zwei Paar Wollsocken. Es folgt der Versuch, darüber einen speziellen Taucheranzug zu ziehen. Gaddy hilft. Dann noch Tauchmaske, Kopfhaube und Flossen, und fertig sind acht Michelinmännchen, die in die Tiefe der Silfra-Spalte schauen wollen.

Schnorchel-Touren bei Reykjavík

Über die Jahre ist durch das poröse Lavagestein Schmelzwasser eines Gletschers gesickert, sodass unter der Oberfläche des zwei bis drei Grad Celsius warmen Wassers glasklare Blicke in die Unterwelt möglich sind. Kein Fisch, keine Pflanze hat sich hierher verirrt.

Nur wir und Max und Ian, zwei wettergegerbte Isländer um die 35, die diese Schnorcheltouren zweimal pro Woche machen. Thingvellir nordöstlich von Reykjavík ist eine geologische Sensation. An den kilometerlangen Spalten der beiden Kontinentalplatten lässt sich sommers wie winters entlangwandern. 

Die Gegend, seit 1928 Nationalpark, seit fast zehn Jahren Welterbe der Unesco, ist aber auch ein geschichtsträchtiger Boden. Hier wurden die ersten Siedler heimisch, 930 haben die Wikinger hier das Althing gegründet, das „älteste Parlament der Welt“, wie die Isländer stolz betonen. Hier fanden sie Weiden und Wasser für ihre Tiere. Und schon damals die riesigen Risse in der Lavafläche.

45 Minuten Tauchen zwischen Kontinenten

Max und Ian kennen natürlich nicht nur jeden Gesteinsbrocken und Schlund, der sich unter uns auftut, sie wissen auch um die Befindlichkeiten mitteleuropäischer Touristen. Zwei von uns wedeln schon nach wenigen Minuten im Wasser mit der Hand; das bedeutet: Angst, ich will raus.

Ian ist schon neben den beiden, hilft beim Ausstieg. Rechts und links unseres Naturpools türmen sich die Gesteinswände steil in die Höhe. Nach etwa 45 Minuten erreichen wir die Stelle zum regulären Ausstieg. Ein wenig Angst hatte ich auch, doch untergehen kann ich nicht auf dem halben Kilometer, den uns die leichte Strömung weiterträgt. Dafür sorgt die Luft im Anzug. „Lasst euch treiben, es genügt, wenn ihr mit den Flossen wedelt“, hatte uns Max zu Anfang versichert. 

Am Abend gehen in der urigen Dorfkneipe Fjöruborðid im Hafen von Stokkseyri bei malzigem isländischem Bier und Hummer satt unsere Meinungen zum kalten Abenteuer vom Nachmittag auseinander. Die einen möchten am liebsten am nächsten Tag gleich wieder schnorcheln, dem Nervenkitzel und der Unterwelt nahe sein. Die anderen wehren ab: Schön, dass wir uns getraut haben, aber morgen bitte wieder Angsthase sein dürfen. Und lieber im wuseligen Reykjavík shoppen – der Hauptstadt der 103.000 Quadratkilometer großen Vulkaninsel.

Selbst in Island ist das Eis nicht ewig

Es sind Feuer und Eis gewesen, die der Insel ihr atemberaubend grandioses wie rüdes Aussehen gegeben haben. Elf Prozent der Fläche Islands sind vergletschert. Mit Spikes unter den Schuhen wandern wir über den Sólheimajökull im Südosten Reykjavíks, fast in Sichtweite zum Eyjafjallajökull, der im März 2010 ausbrach und in Teilen Europas den Flugverkehr lahmlegte.

Gaddy führt uns stolz an Gletscherspalten und Eishöhlen vorbei. Und erzählt, dass, als sein Vater noch ein Kind war, der Sólheimajökull weit über den Parkplatz hinausreichte, wo unser Bus gerade steht. Um ungefähr 100 Meter zieht sich der Gletscher pro Jahr zurück. Ewiges Eis? Eis ist nirgendwo ewig. 

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Islands 320.000 Einwohner leben mit der steten Veränderung ihrer Heimat so besonnen, wie sie sich auch aus der Wirtschaftskrise der Jahre 2007 und 2008 herausgearbeitet haben. Jobs gingen damals verloren, viele starteten danach neu durch.

Wie beispielsweise Solvey Sigurðsson, der mit seiner Frau Kristin das elterliche Farmhotel Efstidalur unweit der berühmten Geysire bei Laugarvatn mit einem rustikalen Restaurant erweitert hat. Eine Glasscheibe trennt den Kuhstall mit den aktuell 43 Kühen und vier Kälbchen von den Gästen. Serviert wird, was der eigene Bauernhof hergibt. Ob Rinder- oder Gemüsesuppe, Brot oder Sahnejoghurt – alles hier ist handgemacht.

Die Blaue Lagune von Island

Mögen unsere 19 Grad Celsius minus eine Rarität sein – als normal gilt der „Hot Pot“, auf Deutsch der „heiße Topf“, den jeder Isländer empfiehlt: eine oftmals natürliche, manchmal auch künstlich angelegte Badegelegenheit, die mit Thermalwasser gespeist ist, das an vielen Stellen des Landes unter der Erde brodelt.  

Der Isländer sagt dazu „heitur pottur“. Da sitzen wir also komfortabel in 39 Grad Celsius heißem Wasser, während der Kopf von gelegentlichem Schneegestöber gekühlt wird. Der größte und attraktivste „Hot Pot“ befindet sich auf der Halbinsel Reykjanes: die Blaue Lagune, eine Wellness-Oase der Sonderklasse.

Das geothermische Kraftwerk, das aus 2.000 Metern Tiefe etwa 240 Grad Celsius heißes Wasser nach oben holt, für Heizwärme und Strom, liegt gleich nebenan. Ein Werksarbeiter hatte vor etwa 30 Jahren in dem Wasser gebadet und bemerkt, wie seine Schuppenflechte abheilte. Inzwischen ist in den Lavafeldern von Grindavik ein elegantes Heilbecken und Spaßbad entstanden, in dessen milchig-blauem, bis 40 Grad Celsisus heißem Wasser sich die Welt vergessen lässt.

Ab und an kommt durch die Dampfschwaden eine Meerjungfrau angeschwommen, um dem Gast aus einem Tiegel ein pflaumengroßes Stück Kieselschlamm auf die Hand zu geben. Das sollen wir uns ins Gesicht schmieren, rät die junge Isländerin aufmunternd. Und nach etwa einer Viertelstunde die Heilerde wieder herunterrubbeln. Dreimal kommt sie vorbei, jedes Mal mit einer anderen Heilerde. Das sicht- und fühlbare Ergebnis der Prozedur: eine Haut, so zart wie ein Kinderpopo.