Auf dem Euref-Campus in Berlin-Schöneberg verbindet sich die Vergangenheit der Industriestadt Berlin mit der Hoffnung auf ein Revival. Um den gigantischen Gasometer herum, der bis 2015 Günther Jauchs Sonntags-Talk beherbergte, haben mehrere Konzerne ihre Denkfabriken für Elektromobilität angesiedelt – Cisco, Philips, Schneider und die Deutsche Bahn.
Auf den Sträßchen dazwischen fährt Olli. Das knuddelige Ding für bis zu zwölf Passagiere ist der erste autonom fahrende Kleinbus auf deutschen Straßen. Zumindest auf solchen, die zu einem Privatgelände gehören. Denn eine Zulassung für das autonome Fahren auf öffentlichem Straßenland ist in Deutschland noch eine Sache der fernen Zukunft – im Gegensatz zu den USA, wo Brüder von Olli bereits in Vororten autonom herumkurven. Auch in der Schweiz, in Finnland und in Amsterdam sind selbst fahrende Busse unterwegs. Der Bus wurde von der US-Firma Local Motors gebaut, ein Viertel seiner Teile stammt aus dem 3D-Drucker. Local Motors hat in Berlin eine weitere Fabrik aufgebaut – der Produktion einer Olli-Flotte steht also nichts mehr im Wege. Die Deutsche Bahn untersützt den Testbetrieb, daher prangt ein großes DB-Logo auf dem Test-Olli.

 Auch in Leipzig ist ein ähnliches Gefährt unterwegs. Auf dem Gelände der Bahn-Tochter Schenker im Logistikzentrum kurvt der EZ 10 der Firma EasyMile herum. Beide Busse fahren nach einem festgelegten Fahrplan auf einer fixen Route über das Gelände und können von Mitarbeitern kostenlos genutzt werden.

Die Bahn sieht sich als Vorreiter auf dem Markt der autonomen Fahrzeuge in Deutschland, sagt  Bahnchef Rüdiger Grube. Gerade stellte er „seinen“ Olli Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) vor - natürlich mit Probefahrt. Zur Sicherheit ist immer ein Fahrer mit an Bord – nein, natürlich nennt er sich anders, nämlich Steward – der Olli notfalls per Joystick steuern kann. Das ist auch immer mal wieder nötig. Im Erkennen von Hindernissen ist Olli zwar gut, niemand muss fürchten, überrollt zu werden.

Spartanisch ist die Inneneinrichtung von „Olli“: Die Fahrgäste nehmen auf Bänken aus Plastik Platz, die übers Eck angeordnet sind.
Spartanisch ist die Inneneinrichtung von „Olli“: Die Fahrgäste nehmen auf Bänken aus Plastik Platz, die übers Eck angeordnet sind. Foto: Deutsche Bahn AG

Doch Olli ist ein lernendes System, und er lernt nicht eben schnell. Zurzeit dreht er seine Runden noch auf „virtuellen Schienen“. Eine Steuereinheit auf dem Dach gleicht das vor ihm liegende Terrain mit der abgespeicherten GPS-Karte ab. Ist aber ein Hindernis im Weg, etwas ein haltendes Auto, bleibt der Bus einfach stehen. Herumkurven kann er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Der ideale Olli soll all das können, unterstützt von Watson, IBMs künstlicher Intelligenz. Sein Einsatzgebiet wären sowohl weitläufige Firmenareale als auch ruhige Vororte – wenn die Straßenzulassung kommt. Per App kann er dann Mitfahrerwünsche empfangen und die günstigste Route für alle Mitfahrer berechnen, zum Bahnhof, zur Post, zum Supermarkt, zur Kita und zurück nach Hause.

Grube sprach von nichts weniger als einer Revolution. Bis 2018 investiert das Unternehmen rund eine Milliarde Euro - auch in Tests für autonom fahrende  Lkw-Kolonnen - und hält zusätzlich 50 Millionen Euro zur Startup-Förderung bereit.

„Autonome Fahrzeuge werden den Mobilitätsmarkt revolutionieren“, meinte der Bahnchef. „Kunden können öffentliche Verkehre genau dann nutzen, wenn sie das Angebot brauchen. Ein neuer großer Markt für individuelle öffentliche Mobilität entsteht.“ Über fahrerlose Züge indes äußerte sich Grube nicht.