Peru: Das Geheimnis der Anziehung | reisereporter.de

Was hat Peru, was andere Länder nicht haben?

Heilige Inka-Stätten, traumhafte Natur, lebendige Traditionen und eine Küche zum Niederknien. Peru hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Hier erfährtst du die Geheimnisse seiner Anziehungskraft.

Ein Anden-Mädchen sitzt in Peru an der Straße
Ein Anden-Mädchen sitzt in Peru an der Straße.

Foto: Friederike Ostermeyer

2012 kamen knapp 2,9 Millionen Besucher, 2015 bereits weit über eine Million mehr. War Peru noch in den 90er-Jahren eher ein Ort für Entdecker und Abenteurer, sind es mittlerweile besonders viele Europäer, die Peru seit einiger Zeit als Traum-Reiseziel für sich entdeckt haben. Das vielseitige Land an Südamerikas Ostküste verfügt zweifellos über eine besondere Anziehungskraft, die nicht nur alleine mit der heiligen Inka-Stadt Machu Picchu zu erklären ist.

Die heilige Inka-Stadt Machu Picchu.
Die heilige Inka-Stadt Machu Picchu. Foto: Friederike Ostermeyer

Allerdings steht das UNESCO-Welterbe für eine faszinierende Kultur, welche die spanischen Eroberer vor 500 Jahren zwar zerstören konnten, es aber nicht schafften, sie gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Da sind nicht nur die großartigen Zeugnisse ihrer hochentwickelten Baukunst, sondern auch die geschätzten 10 Millionen Nachfahren, die bis heute die alte Inka-Sprache Quechua sprechen, farbenfrohe Trachten tragen, viele der überlieferten Gebräuche am Leben erhalten und lieber zur Erdmutter Pachamama beten als zu einem Gott, der irgendwo hoch oben im Himmel sitzen soll. 

Dann gibt es noch die 20 Millionen anderen Peruaner, die sich aus einer bunten Mischung aus weiteren indigenen Völkern, Spaniern, Afro-Peruanern und Asiaten zusammensetzen. 

Cocina Novoandina – Revolution geht auch lecker 

All diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Ethnien, Kulturen und Glaubensvorstellungen taten sich lange schwer, so etwas wie eine eigene „Peru-Identität“ und damit auch Selbst-Liebe zu entwickeln. Bis Mitte der 90er-Jahre jemand kam, der am besten weiß, wie man das mit der Liebe macht: sie durch den Magen schicken. 

Gastón Acurio ist nicht nur irgendein Starkoch, der 49-jährige Peruaner gilt regelrecht als Nationalheld. Seine Restaurants, allen voran das „Astrid y Gastón“ in Lima, gehören zu den 50 besten der Welt (Platz 4 in ganz Südamerika), seine Kochbücher verkaufen sich millionenfach. 

Starkoch Gastón Acurio.
Starkoch Gastón Acurio. Foto: Friederike Ostermeyer

Angefangen hat alles mit einer ganz einfachen Vision, die sich als kulinarische Revolution entpuppen sollte: Das Beste, was Perus Boden zu bieten hat, zubereitet mit dem Besten, was Perus kulturelle Vielfalt zu bieten hat. „Wir leben in einem Land mit 94 Klimazonen. Bei uns wachsen 4.000 Kartoffelsorten, 300 Maissorten, dazu Tomaten, Avocados, Kakao, Amaranth, Quinoa, einmalige Obstsorten wie Lucuma, wir haben den besten Kaffee der Welt, den besten Kakao der Welt. Wir sind ein Superfood-Land“, erzählt Gastón. „Was macht man mit all diesen wunderbaren Zutaten? Neue Gerichte entwickeln, in die wir die ganze Welt mit hinein fließen lassen.“ Einzige Regel: sämtliche Zutaten stammen aus Peru. 

Der neue Food Trend

Cocina Novoandina heißt der neue Trend, der mittlerweile so berühmt ist, dass fast wöchentlich irgendwo auf diesem Planeten ein peruanisches Restaurant eröffnet, begleitet vom Applaus der internationalen Gourmet-Szene. Immer mehr Ausländer reisen nach Peru, einzig um sich dort eine Woche lang durchzufuttern. Das kreative Potential, was man mit all den Tausenden von einzigartigen Obst-, Gemüse- und Kräutersorten, zusammen mit dem einheimischem Fisch, Meerschweinchen- und Alpaka-Fleisch anstellen kann, ist schier unerschöpflich, und obendrein unerschöpflich lecker.

Die Cocina Novoandina–Bewegung hat tatsächlich ein Stück Peru-Identität für alle geschaffen. Für Gastón liegt es auf der Hand: „Ganz egal, wo du hinkommst, ob du in der Stadt bist, auf dem Land, in den Bergen oder an der Küste, sprich mit den Menschen übers Essen. Das funktioniert immer. Jeder liebt es, wir beschäftigen uns täglich damit. Essen verbindet alles.“ 

Warum uns die Inka-Kultur so fasziniert

Was Gastón, dessen Frau Astrid eine waschechte Bremerin ist, und Kollegen gerade erst herausgefunden haben, wussten die Inka bereits vor 600 Jahren. Noch heute kannst du ihre alten Forschungsfelder bestaunen, wo sie einst ihre Feldfrüchte auf unterschiedlich hoch angelegenen Terrassen anbauten, um herauszufinden, welche Sorte unter welchen Bedingungen am besten gedeiht.

Rundreise durch Peru in Bildern

Peru hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Komm mit auf eine Rundreise in Bildern.

Gleich hinter den Maras-Salzbecken erstreckt sich das Heilige Tal der Inka, die einstige Kornkammer der Hochkultur. Es heißt, die Inka lagerten Lebensmittellvorräte, die das gesamte Volk 30 Jahre lang hätte ernähren können. An keinem der Knochenfunde haben Archäologen jemals Anzeichen von Mangel- oder Unterernährung entdeckt. Die Inka waren nicht nur ein sattes und gesundes Volk, sie hatten scheinbar so viel überschüssige Energie, dass sie ganze Festungen und heilige Orte auf eigentlich unzugängliche Berggipfel bauen konnten.

Anden-Städte wie Cusco oder Ollantaytambo bestehen teilweise bis zu 30 Prozent aus original Inka-Fundamenten. Fassaden, Wege, Wassersysteme – alles steht noch genauso wie vor 500 Jahren. Mehr als 2.000 Touristen quetschen sich täglich durch Machu Picchu, der heiligsten und gleichzeitig am besten erhaltenen Stadt des gesamten Inka-Reiches. Von allen mystischen, untergegangen Kulturen, sind die Inka vermutlich die greifbarste und lebendigste von allen. Wer mehr über das geheimnisvolle Volk erfahren will, muss keine archäologischen Schriften wälzen, man kann sie direkt fragen. 

Das heilige Wissen der heutigen Inka-Nachfahren 

Noch vor zehn Generationen waren Ruben Zambranos Vorfahren Teil des mächtigen Inka-Reiches, heute lebt der praktizierende Schamane und Fremdenführer mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in den Anden. „Meine Eltern haben mit mir von Anfang an nur in der alten Inka-Sprache Quechua gesprochen, Spanisch habe ich erst viel später gelernt“, erzählt der 55-Jährige. Ob er die alte Inka-Seele noch immer in sich spürt? „Aber ja, wir denken wie sie, wir fühlen wie sie und wir beten wie sie.“ 

Mit beten meint er die Verehrung von Pachamama, Göttin Mutter Erde, die als bewusstes Wesen den Menschen Leben schenkt, sie nährt und beschützt. Als Zeichen der Dankbarkeit gibt Ruben ihr in Form eines wöchentlichen Cocablätter-Opferrituals etwas zurück. Seine Kinder nehmen die Jahrtausende alte Naturreligion nicht mehr ganz so ernst, sagt er. „Ich mache mir große Sorgen um unsere Kultur, um unsere Natur“, sagt Ruben. Peru hat ein großes Müll-Problem, Korruption ist immer noch an der Tagesordnung, es mangelt weiterhin an guten, bezahlbaren Schulen und Krankenhäusern.  

Jedes Jahre kommen mehr und mehr Touristen. Die meisten von ihnen finden alles, was mit Inka zu tun hat, abolut spannend. Und dieser Pachamama-Kult ist ja auch total sympathisch. Das sagen sie jedenfalls. Ruben glaubt: „Den meisten geht es nur ums Selfie machen, sie nehmen sich gar nicht die Zeit, die Naturgeister zu spüren. Trotzdem sind da auch einige, die wirklich mehr über unsere Spiritualität erfahren möchten, wieder Verbindung mit der Natur aufnehmen und genau hinhören, was Pachamama uns mitteilen will. Das gibt mir Hoffnung.“ Dann hebt Ruben die Arme in die Luft, blickt in den Himmel und stimmt ein Lied an. Er betet für den nötigen Regen, der seit Tagen ausbleibt. Zwei Stunden später beginnt es wie aus Eimern zu schütten. 

Das große Geschäft mit den Schamanen

Ruben hat recht. Peru ist nicht nur Ziel für Feinschmecker, Wanderfreunde und Inka-Fans, sondern auch für Menschen, die auf Sinnsuche sind, mit der Natur in Verbindung treten wollen oder sich von Schamanen Heilung ihrer Depressionen oder Suchterkrankungen erhoffen.

Peru gilt als ein besonders spirituelles Land, hier sind die Krafttiere Condor, Puma und Schlange zu Hause. „Ayahuasca San Pedro – Center for Ancient Medizine Inka Shaman Community“ prangt in großen Lettern an einer weißgetünchten Häuserwand in einer schmalen Seitengasse in der Altstadt von Cusco, des einstigen Zentrums des Inka-Imperiums.

Darunter baumelt ein Schild: Travel Agency. Drinnen sitzt ein freundlich lächelnder Mann mit halblangen schwarzen Haaren, der sich als Master Aunarum vorstellt. Reinigungsrituale, mehrtägige Ayahuasca-Zeremonien, Coca-Blätter-Lesen, das alles könne man bei ihm buchen. Gleich hier, gerne sofort. Sie arbeiten nur mit den erfahrensten Schamanen zusammen, versichert er und deutet auf ein paar Fotos an der Wand, von denen weise Männer in bunten Trachten herablächeln. „Unsere Organisation gibt es seit fünf Jahren, seit zwei Jahren betreiben wir hier zusätzlich das kleine Geschäft. Außerdem wurde vor kurzem unser neues, großes Heilungs-Zentrum fertiggestellt.“ 

Mehr als tausend altes Indianer-Ritual

Die Nachfrage steigt monatlich, erzählt er weiter. Meist sind es Europäer oder Amerikaner, die zu ihm kommen, weil sie Ayahuasca probieren wollen. Bei dem mehr als tausend Jahre alten Indianer-Ritual handelt es sich um ein aus Pflanzen hergestelltesm DMT-haltiges Getränk, das unter schamanischer Begleitung unter einer genauen Abfolge von Gebeten und Gesängen eingenommen wird. Nach einer halben Stunde beginnt der „Geist der Pflanze“ in zu arbeiten.

Einige erleben, wie sich der Raum mit bunten, scheinbar atmenden, in sich windenden Fraktalen füllt, andere erhalten ganz konkrete Antworten, die in Formen von Bildern oder Gedanken erscheinen, wieder andere spüren einfach nur tiefen Frieden, manchmal spürt man auch gar nichts. Die Preisliste startet bei 180 Dollar pro Sitzung, das einwöchige Retreat im neuen Zentrum kostet 1.000 Dollar. „Ayahuasca verändert dein Leben, es heilt, es bringt Liebe in die Welt“, sagt Master Aunarum und strahlt.

„Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach spiritueller Verbindung, immer mehr durchschauen, dass weder Tabletten noch andere Chemie ihre seelischen Schmerz heilen können. Es ist kein Zufall, dass die Kraft von Ayahuasca gerade jetzt auf der ganzen Welt bekannt wird. Wir befinden uns in einem großen Umbruch.“ Dann wird er plötzlich ernst: „Pachamama braucht Hilfe, Mutter Erde kann bald nicht mehr atmen.“ 

Da frage ich mich doch: Wie soll dieses kleine Land es nur stemmen, die ganze Welt zu heilen? 

An Cusco kommt niemand vorbei 

Keine hundert Meter vom Schamanen-Reisebüro entfernt wartet ein Cocablätter-kauender Inka-Herrscher im historischen Königsgewand. Ein Selfie mit ihm vor dem berühmten zwölfeckigen Inka-Stein kostet zwei Soles (50 Cent). Wer versucht ihn heimlich zu fotografieren, dem dreht er sofort den Rücken zu. Hinter ihm wartet auch schon eine kleine, freundlich lächelnde Frau in Anden-Tracht, mit einem schwarzen Baby-Alpaka im Arm, das ein kleines, bunt gestricktes Mützchen auf hat. Einmal knuddeln mit Strahle-Selfie, gleicher Preis.

Gastón Asturio hat um die Ecke ebenfalls ein Restaurant, überhaupt sind in Cusco die peruanischen Restaurants in der Überzahl. Wer Abwechslung sucht, für den gibt es McDonald's oder Starbucks am Hauptplatz. 

Essen, Inka, Machu-Picchu – an Cusco kommst du einfach nicht vorbei. Und nächstes Jahr werden es noch mehr Touristen sein, die sich durch die engen Gassen drängen. 

Das Geheimnis von Peru 

Dass sich immer mehr Menschen für ihr Land interessieren, kulinarisch, kulturell und spirituell, stärkt sichtlich das Selbstbewusstsein der Peruaner. Sie leben wahrlich in einem faszinierenden und geheimnisvollen Land, in dem der größte Teil der Natur noch unberührt ist, in dem zumindest auf den Dörfern und im Dschungel alte Traditionen nach wie vor gelebt und bewahrt werden. Peru wirkt so, als ob sich hier noch so manch unentdecktes Geheimnis und so manch übernatürlicher Zauber verbirgt. Solche Länder sind rar geworden. Doch ist es genauso wenig zu übersehen, das Pachamama bereits an manchen Stellen weint. 

Wichtiger Hinweis: Peru ist noch immer ein Schwellenland. Such dir deshalb einen Reiseveranstalter, der sich für Nachhaltigkeit und soziale Projekte einsetzt, wie zum Beispiel Viventura.

Buche als Individualreisender nur Unterkünfte, die von Peruanern geführt werden, da die nicht heimischen Hotelketten das Geld direkt wieder ins Ausland fließen lassen. 

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