Portmeirion, ein kleiner Ort an der Nordwestküste von Wales, birgt etwas Surreales. Und doch wirkt das Ensemble aus gut drei Dutzend Gebäuden auf gewisse Weise sympathisch: wie schon mal gesehen, nur nicht an dieser Stelle.

Der Dom oben etwa auf der Anhöhe hat etwas von Landkirchen, wie sie etwa in Österreich stehen; Kolonnaden wie jene an der zentralen Piazza gibt es auch in zahlreichen anderen alten Städten auf der britischen Insel – üblicherweise jedoch nicht in solch kleinen Orten. Und das Rathaus auf dem Weg zur Bucht? Vertraut, aber eher aus mittelalterlichen Kleinstädten Nordenglands.

Der Architekt Sir Bertram Clough Williams-Ellis hat sich mit dem walisischen Ort so etwas wie einen Lebenstraum erfüllt. 1925 entdeckte er die Gegend um die Bucht Tremadog und verliebte sich umgehend in sie. Über die nächsten Jahrzehnte entwarf er einen Ort, den es zuvor nicht gab. Das Material dafür besorgte er sich überall im Land. 

50 Jahre benötigte Williams-Ellis, um Portmeirion zu vollenden. Um das kostspielige Projekt zu finanzieren, vermietete er von Beginn an Zimmer in den neu geschaffenen Häusern. Wer nicht über Nacht blieb, musste Eintritt zahlen. Das ist bis heute so, und doch kommen die Leute nach wie vor in Scharen. „Wir haben jedes Jahr um die 250.000 Besucher“, sagt Portmeirion-Manager Meurig Jones. Aus dem Selbstverwirklichungsprojekt eines Architekten ist ein ganzes Unternehmen geworden.

Dreh zur Serie "The Prisoner" in Portmeirion

Das märchenhafte Ambiente passte vor allem gut in die leicht extravagante Zeit der 1960er und 70er Jahre – Beatles-Manager Brian Epstein etwa war Stammgast in Portmeirion, George Harrison feierte hier seinen 50. Geburtstag. Und dann entdeckte der amerikanische Schauspieler und Produzent Patrick McGoohan das Dorf und verlieh ihm beiläufig Kultstatus.

McGoohan drehte seine Fernsehserie „The Prisoner“ („Nummer 6“) zu großen Teilen in Portmeirion. Ein ehemaliger britischer Agent wird darin in dem Dorf festgehalten und versucht 17 Folgen lang vergebens, daraus zu fliehen. Die Serie fand etliche Anhänger: Noch heute treffen sich in jedem Frühjahr „Nummer 6“-Fans aus ganz Europa in Portmeirion, um einzelne Folgen der Serie nachzuspielen.

Nordwales lebt von der keltischen Vergangenheit

Mit Nordwales hätte McGoohan keine passendere Gegend für die Story finden können. Die Region lebt von ihrer keltischen Vergangenheit und von den zahlreichen Mythen aus dieser Zeit. Hoch oben im Snowdonia-Nationalpark etwa werden bis heute keine Kirchenglocken geläutet.

Denn einer Sage nach schläft dort König Artus samt seinem Heer – niemand möchte, dass er aufwacht und womöglich wieder in den Krieg zieht. Bei Dinas Emrys sollen zwei Drachen im Boden gegeneinander kämpfen, weshalb das Grundstück darüber bis heute nicht bebaut wurde. Einer Sage nach wurde es vor Jahrhunderten mehrfach probiert, doch stürzten alle Gebäude immer wieder ein. 

#dinasemrys Dinas Emrys, where the red dragon dwells. #snowdonia #wales #northwales #landofdragons

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Mystisch wirken auf manche Besucher allein schon die Straßenschilder. Während im Süden des zweisprachigen Wales die englischen Bezeichnungen stets als Erstes genannt werden, dann erst die walisischen, ist es im Norden anders: Hier fehlen englische Namen nicht selten komplett.

Das führt dazu, dass sich Besucher einem Sammelsurium an Konsonanten gegenübersehen, ohne auch nur die geringste Chance, die Namen jemals richtig aussprechen zu können. Walisisch ist eine keltische Sprache mit ganz eigenen Regeln.

Llanfairpwllgwy... was?! 

Der Ort Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch lebt gut davon, dass ihn niemand ohne ein Mindestmaß an Walisisch-Kenntnissen aussprechen kann. Im Grunde gibt es hier im äußersten Nordwesten des Landes nichts zu sehen, was es nicht auch in anderen Gebieten des von grünen Weiden und schroffen Küsten geprägten Wales gäbe.

Dennoch kommen Touristen zuhauf, und sei es nur, um sich gegenseitig vor dem Bahnhofsschild zu fotografieren. Und streng genommen trägt die Gemeinde ihren komplizierten Namen auch nur, damit das so ist. Ein Schuhmacher hatte sich den Zungenbrecher im 19. Jahrhundert ausgedacht, um den Ort attraktiver für Touristen zu machen.

Die Eisenbahngesellschaft sollte dadurch dazu bewegt werden, in dem 3.000-Seelen-Nest einen Bahnhof einzurichten – denn die waren nur für solche Gegenden vorgesehen, an denen es ein berechtigtes Publikumsinteresse gab. 

Übersetzt bedeutet der Name „Marienkirche in einer Mulde weißer Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und der Thysiliokirche bei der roten Höhle“. Das klingt nicht nur im Deutschen ungewöhnlich, auch im Walisischen. Doch bei dem Namen handelt es sich um den längsten Ortsnamen Europas, manche behaupten sogar: der Welt.

Gesichert ist zumindest, dass der Ort über den längsten Internet-Domain-Namen überhaupt verfügt; und inzwischen über eine beachtenswerte Zahl an Souvenirs. Städtepartnerschaften pflegt Llanfair, wie Waliser den Ort abgekürzt nennen, wenn sie in Eile sind, übrigens mit dem niederländischen Ee und dem französischen Y. Aber in Eile ist hier oben ohnehin selten jemand.

Snowdon, zweithöchster Berg Großbritanniens

Der Norden von Wales lebt von solchen Skurrilitäten. Knapp zwei Drittel der Waliser wohnen nicht hier, sondern im dichter besiedelten Süden des Landes. Entsprechend weitläufig ist es im Norden, oftmals regelrecht rau. Viele Gäste kommen in erster Linie, um zu wandern.

Mit dem Snowdon liegt der zweithöchste Berg Großbritanniens im Nordwesten von Wales. Schroffe, eindrucksvolle Wanderwege führen nach oben, vorbei an den allgegenwärtigen Schafherden. „Wales hat zwar insgesamt nur drei Millionen Einwohner“, sagt Reiseführerin Alison Hypher, „aber dafür zwölf Millionen Schafe.“ Deswegen beschleicht Besucher mitunter in der Tat das Gefühl, sich allein unter Schafen zu befinden.

Kurzzeitig bist du hier oben versucht, sich etwas vorzustellen: Wie wäre es wohl, wie einst „Nummer 6“ in dieser Gegend eingesperrt zu sein? Doch dann reißt einen das nächste Bilderbuchfotomotiv aus den Gedanken. Schafe – was sonst?