Als das Schlimmste vorbei war, knallte ich die Badezimmertür hinter mir zu, stellte eine Tasse Kakao auf den Rand der Badewanne, glitt ins Wasser und wartete, dass das Gefühl von Schmerz und Versagen vorüberging. Es duftete nach Myrte und Eukalyptus – anderes Duschgel gab’s nicht. Meine pochenden Füße legte ich auf dem Rand der Wanne ab, die Socken trockneten auf der Heizung, auf meinen Schuhen verkrustete der Schlamm. 

Es war früher Nachmittag und ich hatte nichts geleistet, nicht mal die Taxifahrt durch die grünen Hügel Northumberlands bezahlt. Mein Ego? Noch ruinierter als meine Füße. Aber der Reihe nach.

Der Hadrian's Wall Path: vier Tage, 133 Kilometer

Ich bin schon oft Touren gewandert, mit Rucksack von Ort zu Ort, bei Hitze, bei Regen, bei Schnee. Dieses mal hatte ich den Hadrians Wall gewählt, 133 Kilometer von Englands Westküste gen Osten bis nach Newcastle. In vier Tagen.   

reisereporter-Autorin Isabell Prophet am Hadrianswall.
Das Ziel: 30 Kilometer am Tag. Sportlich, aber machbar. Foto: Isabell Prophet

Die letzten Meilen in der Stadt wollten wir auslassen, dann wären etwa 30 Kilometer am Tag dabei rausgekommen. Sportlich, aber machbar. Und ja, das wollte ich nur, um anzugeben. Ich wollte beweisen, dass ich es kann. Mir, meiner Familie, dem Internet. Je näher die Reise kam, desto unwichtiger wurde sie mir. Ich sah nur noch das Ziel, ich pfiff auf den Weg. 

Alle Etappen waren durchgeplant, alle B&Bs gebucht – leider existierte schon das erste nicht mehr. Der alte Eigentümer hatte sich vor Wochen davongemacht, der Laden war zu und wir standen im britischen Nieselregen. 
Später am Abend erreichten wir den Highland Laddie Inn Glasson.  Die Zimmer: eng und urig, dunkles Holz umrahmt einen alten Kamin. Im Pub gibt es Fish and Chips, diverse Sorten Bier, nach der Arbeit treffen sich hier die Fischer. Hadrians Wall in vier Tagen? Die Fischer reichten mir ein Belhaven Bier.

Zum Frühstück aß ich Baked Beans, Eier, Pilze, außerdem ein Eckchen frittierten Toast. Mein Gefährte aß tapfer sein ganzes Stück auf und wahrscheinlich hat es ihn zwei Jahre Lebenszeit gekostet. 

Sun ???? #hadrianswall #oncebrewed #twicebrewed #girlswhotravel #girlswhohike #hiking #nationaltrail

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Zweiter Tag: 36 Kilometer von Glasson nach Laversdale

Aber die Sonne schien mir ins Gesicht, ich trug feste Schuhe, gute Socken. Links von mir das Wasser, rechts Kühe, später Cottages aus großen Steinen in üppigen Gärten. Der Hadrians Wall Path führt über Weiden, zwischen Schafen, Kühen, Ziegen, durch private Grundstücke. Am Abend erreichten wir Laversdale, Tee und Kekse zur Begrüßung, ein riesiges Bett, mehr Kekse auf dem Zimmer im Orchard House. Am Hadrians Wall, so habe ich gelernt, kriegt man immer Kekse aufs Zimmer. Ich massierte meine Fußsohlen. Meine Berliner Sandalenfüßchen waren keine Wanderstiefel mehr gewohnt. Aua.

Der Wall markiert die alte Grenze. Im Süden das römische Reich, im Norden die Wildnis, eine Inspiration für Game of Thrones. Zum Frühstück gab’s Obst und der Toast war nicht frittiert; so liefen wir guter Dinge los und nach ziemlich genau 90 Sekunden begann es zu schütten. 

„Ich besitze 16 Regenmäntel und Capes“, hatte eine schottische Freundin vor meiner Abreise geschrieben. Diese Schotten, dachte ich mir, dafür reicht’s also. Meine Füße taten noch von den 36 Kilometern des Vortages weh und das Land hügelte sich uns entgegen. Mein neues Regencape sah zwar lustig aus, war aber leider nicht ganz dicht. Umkehren? Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur verweichlichte Wanderer.

Der Ausblick? Schafe, Hügel, Schafe, Ruinen, Schafe

Hügel hinauf, hinunter, lose begleitet von einer Gruppe gut gerüsteter Rentner. Der Hadrians Wall war gesäumt von Milecastles und Wachtürmen. Kaiser Hadrian befahl seinen Bau im Jahr 122 nach Christus; an dieser Grenze sollte das römische Reich enden. Später lebten hier hunderte römische Soldaten. Geblieben sind die Grundmauern und lange Stücke des Walls vor kilometerweitem Ausblick über Hügel, Schafe, gelegentlich Ruinen.

Atemberaubend? Total. Ich hatte nur noch Augen für den schlammigen Pfad vor mir. Irgendwas war absolut nicht in Ordnung mit meinen Zehen. Die Nägel faulten langsam ab, irgendwie sowas. Gegen Mittag konnte ich keinen Schritt mehr tun. Wir standen an einer Straße im Regen, die Rentner mit ihren Capes zogen vorbei, wir tropften auf einer Mauer vor uns hin, ratlos. Nach einer halben Stunde riefen wir ein Taxi; es brachte uns ins Twice Brewed Inn. Kapitulation.

Es wurde eine lange Taxifahrt, lang und teuer. Und frustrierend. Hinter dem Fenster zog das Land vorbei, das ich hatte erwandern wollen. In vier Tagen von Küste zu Küste, wie ich es großspurig angekündigt hatte? Abgesagt.

Regenpausen einplanen nicht vergessen

Die Rentnergruppe vom Vormittag erreichte das Twice Brewed Inn gegen 20 Uhr, da hatten wir schon gegessen. Meine Laune war etwas besser, aber nicht sehr. Regen troff von ihren Mänteln, aber sie hatten es geschafft. Ich hatte gar nichts geschafft, außer einem Putensteak mit zweifelhafter Füllung, drei Bier und Schokoladensoufflé mit Whiskey-Toffee-Sauce, was möglicherweise der Sinn des Lebens ist. 

Sie mussten mehr als zehn Stunden unterwegs gewesens ein. Ich war beleidigt. Erst Tage später, als wir den Strand hinter Newcastle erreichten, kam ich innerlich zur Ruhe. Ich hatte mir alles selbst eingebrockt. Ich werde nie wieder eine Tour planen, die keine Zeit für Erholung lässt oder für Regenschauer. Ich werde Zeit für Spaß einplanen, ich werde Reisen planen, die Urlaub sind, vielleicht Entdeckungsreisen –  und nicht nur Leistungsfähigkeit beweisen (sollen). Und ich werde mir ein vernünftiges Regencape kaufen.