„Wenn die Hunde ihr Zuhause wittern, sind sie kaum zu stoppen. Ein Fahrfehler – und da liegst du im Schnee“, sagt Ole und grinst. Was für ein Gelächter schallte dem 59-Jährigen aus den bunten Holzhäusern in Ilulissat entgegen!
Anders als für die Jäger in der Stadt an der Disko-Bucht sind die Hunde Oles Hobby – hauptberuflich ist er Direktor des örtlichen Kunstmuseums. Immer weniger Grönländer befördern Hunderte von Kilogramm Heilbutt, gefischt aus Eislöchern, auf ihren Schlitten. Falls Eis vorhanden ist: „Die Bucht ist in Hafennähe inzwischen beinahe rund ums Jahr für Boote befahrbar“, sagt Ole.


So macht der Klimawandel auch Schlittenhunden zu schaffen: Ihre Dienste werden immer weniger benötigt. Vor ein paar Jahren noch gab es mehr Hunde als Einwohner in der 5.000-Einwohner-Stadt Ilulissat. Inzwischen hat sich die Zahl der Vierbeiner halbiert. Für Hunde ist oft kein Platz mehr.

 

Moschusochsen-Burger im Angebot

Für Touristen schon: Besucher aus aller Welt wollen die gigantischen Eisberge fotografieren, die aus dem Fjord hinausdriften. Hubschrauberflüge, Mitternachttörns, Küstenwanderungen: Längst hat sich die Stadt geöffnet. Eine philippinische Familie verkauft Moschusochsen-Burger im Café. Heilbutt und Shrimps sind die wichtigsten Exportgüter. Über dem Hafen hängt der Geruch von Krabben. Tonnenweise werden sie in der Fabrik von Royal Greenland gekocht, gepult, gefrostet. Und so denkt man hier auch in anderen Dimensionen: „Möchtest du ein paar Krabben mitnehmen?“, fragt Schichtleiter Kaali – und drückt dem Besucher einen Zwei-Kilogramm-Beutel in den Arm. Die Einheimischen ziehen andere Gerichte vor. Kristine, eine weißhaarige Dame mit modischem Brillengestell, verdreht verzückt die Augen, als sie von ihrem Lieblingsgericht erzählt: „Mattak“, das ist Walhaut mit Speckschicht, eine knorpelige Angelegenheit mit Nussaroma. Ihr ganzes Leben lang schon sei sie verrückt danach – und das währt seit knapp 80 Jahren. Als Kristine jung war und in einer kleinen Siedlung lebte, wurde die Leckerei noch in kühlen Bodenlöchern aufbewahrt. In den Sechzigern förderte die dänische Regierung den Umzug der Inuit in die Städte. Aus Jägern sollten Arbeiter in Fischfabriken und Kohleminen werden. Kristine und ihrem Mann, einem Lehrer, fiel der Wechsel leichter als anderen, die später am Leben nach der Stechuhr scheiterten.
Die Wände ihres Wohnzimmers sind bestückt mit Familienfotos, die Frauen in bunten Trachten zeigen, ihre traditionelle Kleidung ist angefertigt aus Robben-, Eisbärfell und Perlenketten. In einer Ecke steht ein Flachbildfernseher. Auf ihm verfolgt Kristine das dänische Programm – dass sie nur Grönländisch spricht, stört sie nicht.
Wal hat Kristine heute nur noch selten in ihrem Kühlschrank, der Fang ist reglementiert. Wird mal einer an Land gezogen, brausen gleich alle los. Im vorigen November harpunierten Kristines Schwiegersohn und Enkel einen Narwal. Dass der Genuss von Walfleisch andernorts auf Ablehnung stößt, versteht sie nicht. Wie auch? Seit Jahrtausenden jagen die Grönländer Wale und Robben. Fleisch, Fett und Fell sicherten das Überleben – bis heute. Robbe ist in Grönland so gängig wie in Deutschland Hähnchenfleisch. Nur, dass die Robben nicht aus der Massenhaltung stammen. Des Grönländers Pech: Robben-Massentötungen wie in Kanada werden auch ihnen zur Last gelegt. Knapp 2.000 professionelle Jäger sind in Grönland noch unterwegs. Ihr Leben ist hart, das Auskommen gering. Die Zahl der Hobbyjäger unter den 55.000 Inselbewohnern dagegen ist unüberschaubar.
Da steht schon mal ein Teenager in Ilulissat auf der Veranda und kann es nicht erwarten, mit einem Gewehr loszuziehen: Kurz darauf saust er mit seinem Vater im Pick-up davon, irgendetwas muss heute noch in den Kochtopf. Es scheint, tief drin im Grönländer steckt ein Jäger-Gen – egal, wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben.

Wie auf einem anderen Planeten: Nuuk

 Wie sehr die Menschen das haben, merkt man besonders in Nuuk. Die Hauptstadt weiter im Süden ist in Ilulissat nicht besonders beliebt. „Die dicken Autos, die teuren Cafés, die vielen Menschen“, sagen sie und schauen auf die Eisberge in der Bucht. Es klingt, als sprächen sie von einem anderen Planeten. 16.000 Menschen leben in Nuuk, Tendenz steigend. Straßen werden in die Felsen gesprengt, neue Viertel entstehen. Die hässlichen Betonblocks – Folgen der Umsiedlungspolitik – sollen nach und nach verschwinden. In der nagelneuen Shoppingmall rattern die ersten Rolltreppen der Stadt. Zwei oder drei Ampeln regeln den Verkehr. Ein Filmkunstkino macht Programm für Studenten, das Hallenbad lädt zum Schwimmen ein. Einzig die Jäger halten an Traditionen fest: Sie liefern ihre Beute noch immer im Fleisch- und Fischmarkt Brædtet im Zentrum ab.

Ausverkauf verhindern

Nuuk blickt großen Veränderungen entgegen. Öl, Eisen, Gold, Diamanten, Seltene Erden – all diese Schätze lassen sich womöglich bald abbauen, wenn der Boden weiter taut. Die Insel könnte zum Eldorado für globale Konzerne werden. Besonders die Chinesen stehen in Startposition. „Die ganze Welt schaut auf Grönland, aber Grönland weiß noch nicht, wie es zurückschauen soll“, sagt Jørgen Chemnitz, Publizist, Fotograf und Regierungskritiker. Über Jahrhunderte habe sich kein Mensch für die Insel im Nordpolarmeer interessiert. Nun müsse der Ausverkauf verhindert werden. Doch niemand wisse, wie das gehen soll.
Die richtige Balance zwischen Tradition und Aufbruch ist schwierig. „Die Zahl der internationalen Gäste nimmt zu“, sagt Michael Hansson, schwedischer Chefkoch im Restaurant Sarfalik, dem ersten Haus am Platz. Ein weiteres Konferenzzentrum wird gerade gebaut. Und doch darf er seine Speisekarte nur dezent verändern, will er seine einheimischen Gäste nicht verschrecken: Moschusochse geht immer, aber wehe, der 37-Jährige serviert geschmortes Kaninchen. Dann hagelt es Beschwerden: „Kuscheltiere isst man nicht.“
Naja Rosing-Asvid hat ihren Weg gefunden, mit Grönlands Identität spielerisch umzugehen: Die Künstlerin arbeitet mit Walknochen, Schneehasenfüßen, rostigen Angelhaken. Die bronzene Robbenskulptur in der Fußgängerzone von Nuuk stammt von ihr. „Wenn es sein muss, kritisiere ich meine Grönländer auch“, sagt die 46-Jährige. Den sich überall an den Küsten breitmachenden Müll hat sie provokativ zu einer Mülltonne verarbeitet und ins Museum gestellt.
Einer zumindest glaubt daran, dass die Grönländer fit fürs 21. Jahrhundert sind: Ejvind Elsner, Gründer des einzigen grönländischen Plattenlabels namens Atlantic Music. 150 Alben hat er seit 1990 herausgebracht, Trommeltanz genauso wie Ice-Pop. Der schwergewichtige Endfünfziger sitzt in einem mit Instrumenten und CDs vollgestopften Laden und setzt zur Verteidigung seiner Landsleute an: Die einst deprimierenden Alkoholprobleme seien nicht schlimmer als in Kopenhagen oder Berlin.Ejvinds Geschäfte laufen schlecht, Geld verdient er kaum mehr mit Platten. Auch grönländische Musik wird von Internetpiraten geklaut. Aber er spürt eine Rückbesinnung auf das, was wichtig ist: „Die Leute wollen die Augen schließen und wieder den grönländischen Trommeln lauschen“, sagt er. Und mit denen lassen sich alle bösen Geister vertreiben.