Wie ausgestorben liegt das griechische Dörfchen Messene in der Mittagssonne.  Die Fensterläden der kleinen Häuser, die sich an den Felsen neben der Straße schmiegen, sind zum Schutz vor der Hitze heruntergelassen. Ein Hund döst vor dem Eingang, keine Menschenseele ist zu sehen. Die Eistruhe, die schon von Weitem vor einem kleinen Krämerladen zu erkennen ist, weckt angesichts der Temperaturen Begehrlichkeiten. Welch ein Glück: Das Geschäft hat geöffnet.

Mit großen Gesten bittet der Besitzer zum Eintritt – und lässt die Touristen staunen angesichts dieses Sammelsuriums an Waren, die sich in den Regalen und Schränken, auf Tischen und unter der Decke hängend tummeln: Haushaltswaren und Süßkram, Dosensuppen und Seife, Werkzeug und Souvenirs stapeln sich da kunterbunt durcheinander. Und natürlich Öl von Oliven aus Kalamata – sie gelten unter Feinschmeckern als besonders aromatisch. „Meine eigene Ernte!“, sagt Ladenbesitzer Dimitri stolz. Natürlich müssen die Besucher probieren. Erst das Öl, dann Honig – ebenfalls aus eigener Ernte.
 
Währenddessen erklärt Dimitri die zahllosen Familienfotos, die die Wände bedecken. Einige Olivenfläschchen wechseln gegen Euro den Besitzer. Dann holt Dimitri ein weiteres eigenes Ernteprodukt aus dem Schrank: eine Zweiliterflasche, gefüllt mit einer glasklaren Flüssigkeit. Dimitri verteilt Schnapsgläser und schenkt großzügig eine Art griechischen Grappa ein: „Das ist Tsipouros, selbst gebrannt – lasst uns auf die Freundschaft trinken!“ Eines ist jetzt klar: Der Aufenthalt in diesem Lädchen wird noch etwas länger dauern. Macht aber nichts. Denn niemand drängt zum Aufbruch.

Zurück zur klassischen Kreuzfahrt

Das Kreuzfahrtschiff, die „neoRomantica“, wird noch bis zum Abend in Kalamata liegen. Der Hafen dort ist zwar der größte von Messenien auf der Peleponnes, aber für die meisten der großen Kreuzfahrtschiffe, die sich mit ihren oft mehr als 3.000 Passagieren auf den Weltmeeren tummeln, reicht der Platz zum Anlegen nicht aus.
 
Das ist neben weiteren der zweite Punkt, den diese Kreuzfahrt von anderen unterscheidet. Und mit dem Costa-Kreuzfahrten auf dem heiß umkämpften Markt der Branche eine neue Nische erobern will.

So schön ist Kalamata

„Slow Cruise“ heißt das Konzept für diese Kreuzfahrten mit deutlich kleineren Schiffen als den mittlerweile üblichen Ozeanriesen. Das schafft eine intimere Atmosphäre an Bord, sorgt für mehr Ruhe und bietet Gelegenheit zu einem persönlicheren Kontakt mit der Crew.

Die Anlaufhäfen sind mitunter kleiner, die Liegezeiten und damit die Zeit für Ausflüge dafür länger. „Es ist ein Schritt zurück zur klassischen Kreuzfahrt“, bringt Hoteldirektorin Ingrid Happ das Konzept auf den Punkt. Die 57-Jährige arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Kreuzfahrtbranche und hat beobachtet, dass die viel gepriesene „Entschleunigung“ bei den Gästen gut ankommt.

Dafür müssen diese natürlich wissen, worauf sie sich einlassen: keine großen Theatershows am Abend zum Beispiel, dafür anspruchsvolle Musik und Kleinkunst in den Bars und Salons. Keine Dauerbespaßung und Animation am Pool, dafür Ruhe – und somit die Muße, auch an Seetagen an Deck ein Buch lesen zu können. Kein Kindergeschrei an Megarutschen oder Kletterwänden – denn so etwas gibt es hier nicht –, sondern einen großen Loungebereich mit extrabreiten Liegen und gemütlichen Sofazonen. Keinen Extra-Kinderpool, aber einen luxuriös ausgestatteten, 4.000 Quadratemeter großen Wellnessbreich mit Sauna, türkischem Dampfbad und Solarium.

Entschleunigung auf allen Decks

Ein klassisches Familienschiff, mit denen die Costa-Flotte in der Regel in Verbindung gebracht werden, sind die „neo“-Schiffe eher nicht. So gehören zur Zielgruppe in erster Linie Paare, befreundete Gruppen oder einfach Stressgeplagte, die in entspannter Atmosphäre einmal zur Ruhe kommen wollen. Für Unterhaltung ist trotzdem gesorgt:
 
Es gibt Tanzunterricht und Kochshows, Weinverkostungen und Sternenbeobachtungen, Vorträge, arrangierte kleine Wettbewerbe unter den Passagieren und ein Kasino – aber eben alles in überschaubarem Rahmen. „Entschleunigt“ sind auch die Mahlzeiten: Es gibt weder feste Tischzeiten noch reservierte Tische: Im Rahmen eines Zeitfensters kann jeder in den Restaurants Platz nehmen, wann er möchte. Und wie er möchte: „Leger“ lautet die Kleiderordnung, wenn es denn überhaupt eine gibt. Das „kleine Schwarze“ oder der Smoking kann also getrost zu Hause bleiben.

Und da jeder zum Dinner kommen kann, wann er will, kann der Ausflug im Zielhafen auch mal gerne individuell länger ausfallen, ohne dass der Platz vergeben ist. Schließlich liegen die Schiffe der „neo“-Flotte mitunter über Nacht in den Häfen, auch das anders als bei den großen Luxuslinern, die über Nacht stets auf Fahrt zum nächsten Ziel sind.

Gar nicht zum Essen zu gehen wäre allerdings auch keine gute Lösung: Denn Kulinarisches wird großgeschrieben auf den Schiffen. Und so gehört zum „Slow Cruise“ auch „Slow Food“ – die Mahlzeiten wurden eigens von der Universität der gastronomischen Wissenschaften im italienischen Pollenza kreiert. „Regional, leicht und erstklassig“ lautet die Devise. Und bedeutet, dass, wo immer das Schiff gerade liegt, die Spezialitäten der Region an diesem Tag auf dem Speiseplan stehen. Soweit möglich, werden die Zutaten direkt vor Ort bezogen.

Wer weiß – vielleicht könnte es sich für Dimitri irgendwann einmal lohnen, seine bescheidene Olivenölproduktion in größerem Stil aufzuziehen.